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Argentinien#4: Massaker, Dinosaurier und U-Boote in Patagonien

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Frühstück nach zwei Museumsbesuchen.

Am Flughafen von Trelew (gesprochen Trele’u) kann man nicht verloren gehen. Es gibt genau eine Landebahn, was den Verkehr sehr überschaubar macht. Das Terminal ist kaum größer als eine moderne Autobahnraststätte und wenn man nicht aufpasst, steht man schon wieder draußen. Aber zunächst muss das Gepäck gescannt werden – auch für Inlandsflüge. Wir befinden uns in einem ökologisch sensiblen Gebiet, drum sind Pflanzen, Gemüse, Fleisch etc tabu.

Trelew liegt im Bundesstaat Chubut, der schon zur Region Patagonien zählt. Der Name der Stadtklingt merkwürdig für ein spanisch kolonisiertes Land. Stimmt. Der Name ist, zumindest teilweise, walisischen Ursprungs. Trelew entstand durch Einwanderer aus Wales, die Ende des 19. Jahrhunderts in das argentinische Patagonien kamen und mit dem Bau einer Eisenbahn den Neuen Golf mit dem Tal verbinden wollten.

Im Januar 1886 wurde der Vertrag mit jenem Unternehmen unterzeichnet, das die Konstruktion der Eisenbahnlinie übernehmen sollte. Unmittelbar danach begannen die Bauherren, Lewis Jones und Thomas Davies mit der Konstruktion. Lewis Jones war der Hauptinitiator beim Bau der Eisenbahn und wurde als Folge dessen, auch jene Persönlichkeit, der die regionale wirtschaftlichen Entwicklung zu verdanken war. So entstand der Name des Dorfes Trelew (Tre = Dorf oder Siedlung auf Walisisch und Lew vom Namen Lewis) zu Ehren jenes Bürgers, der die Entwicklung der Kolonie vorwärts trieb. Als jedoch in den 1960er-Jahren die argentinische Regierung auf eine kleinere Spurbreite umstellte, um Geld zu sparen, verlor die Bahn als Verkehrsmittel an Bedeutung.

Massaker und Dinosaurier

Traurige Berühmtheit erlangte Trelew ist für das Massaker von Trelew vom August 1972, das als eines der schlimmsten Massaker der argentinischen Geschichte gilt. Unter der Militärdiktatur von Alejandro Agustín Lanusse waren damals 25 militante Oppositionelle aus dem Hochsicherheitsgefängnis von Rawson (die Provinzhauptstadt liegt wenige Kilometer entfernt) geflohen, kurz darauf wurden 19 von ihnen am Flughafen von Trelew von Regierungstruppen gestellt und 16 später auf der Marinebasis der Stadt in ihren Zellen erschossen.

Heute ist Trelew mit seinen knapp 100.000 Einwohnern für die Weiterverarbeitung von Lamawolle bekannt. Und als Einstiegspunkt nach Patagonien und den Nationalpark der Valdez Halbinsel. Dort wollen wir auch hin. Doch zunächst: Trelew anschauen.

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Patagonien.

Neben der Gedenkstätte für das Massaker ist Trelew auch bekannt für das MEF, das Museum für Paläontologie Egidio Feruglio  eine Attraktion des Ortes. Das Museum ist eine große Forschungseinrichtung und beherbergt eine der größten und spektakulärsten Sammlung an Dinosaurierknochen. Vor einiger Zeit entdeckten die Forscher das Skelett eines Dinosauriers, das noch ein gutes Stück größer war als alles, was man bisher an Dinosauriern zu kennen glaubte. Für das recht gut erhaltene Skelett soll in Zukunft das Museum angebaut werden –es würde nicht in die vorhandenen Ausstellungsräume passen.

Nur einen Knochenwurf entfernt auf der Highstreet von Trelew findet sich ein Hotel und Restaurant. Das einzige weit und breit, das Kreditkarten akzeptiert. Also hinein. Es ist 9.30 Uhr und wir haben an diesem Morgen bereits zwei Museen besichtigt. Erst mal frühstücken, denn auf dem Frühflug nach Trelew gab es nichts.

Croissants heißen hier Medialunas, halbe Monde. Davon wird erst mal ein halbes Dutzend bestellt, außerdem Rührei. Die Kinder trinken einen Submarino, ein U-Boot. Das heißt so, weil in einem Glas heißer Milch ein Stück Schokolade versenkt wird – wie ein U-Boot. Lustigerweise hat das Schokostück sogar eine U-Boot-Form.

Wie ein osteuropäisches Seebad

Gegen halb 11 sitzen wir im Bus nach Puerto Madryn, die Fahrt dauert rund eine Stunde. Ist übrigens gar nicht teuer. Umgerechnet 14 Euro zahlen wir für alle vier. Früher hätte man die Reise mit der Bahn machen können. Die Hafenstadt gilt als Eingangstor zur Valdez Halbinsel, einem Nationalpark. Dort soll man, je nach Jahreszeit allerhand Tiere zu Gesicht bekommen: Guanacos (eine Lamaart), Pinguine, Seelöwen, Seeelefanten, Nandus, Tatus (Gürteltiere) und Wale. Doch zunächst mal Sightseeing.

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Promenade.

Nun ja, auf den ersten Blick wirkt die, ebenfalls von Walisern gegründete Stadt (knapp 90.000 Ew.) eher wie ein osteuropäisches Seebad. Eine Promenade, gegossen in Beton, gesäumt von mehr oder weniger architektonisch gelungenen Hotelleriebetrieben. Nicht besonders herzlich das Ganze, eher zweckmäßig.Die meisten Touristen, die hierher kommen, bleiben zwei, drei Tage. Sie besuchen die Valdez Halbinsel und den Punta Tombo, 180 km südlich. Dort lebt eine riesige Magellanpinguin-Kolonie. Der Strand ist sauberer als in Brasilien, aber sonnenbaden ist nicht drin. Wie eigentlich immer in Patagonien – das würden wir in den nächsten Tagen lernen – ist es sehr windig.

Wir lassen es ruhig angehen, schließlich waren wir schon um 3 Uhr in der Frühe aufgestanden. Die Promenade schleichen wir auf und ab. Überall sind Spielplätze. Rund um einem Brunnen trifft sich die örtliche Skater- und BMX-Szene.

 

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Skater-Szene.

Am Ende der Promenade ragt ein Pier hinaus ins Meer. Er ist die Anlegestelle für Ausflugsboote und Kreuzfahrtschiffe, die natürlich auch hierher kommen, um die Halbinsel zu erkunden. Ein wichtiger Wirtschaftszweig, wie uns Tourguide Mary erzählt. Ihre Vorfahren stammen übrigens aus Schottland. Sind die schiffe abends wieder weg, gehört der Pier den Hobbyanglern von Puerto Madryn.

Kreuzfahrten und Alu-Werk

Kreuzfahrten sind ein wichtiger Wirtschaftszweig für den Ort. Jedes Anlegen bringt der Stadt 50.000 Dollar Gebühren. Doch die Schiffe sind auch ein Problem. Genauer: Ihr Wasserbedarf. Puerto Mardyn ist, wie die ganze Region, trocken. Wasser ist knapp.

Noch ein Stückchen weiter stößt man auf Schwerindustrie. Der Konzern Aluar betreibt dort das einzige Aluminiumwerk in ganz Argentinien. Gleich neben dem Eingang zum Naturschutzgebiet. Das für die Produktion notwendige Bauxit

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Blick vom Pier.

einigen Jahren beginnt auch die Windenergie eine Rolle zu spielen. Ende 2015 wurden argentinienweit 275 Megawatt Strom aus Wind erzeugt –Tendenz stark steigend. Wind weht ständig, sogar ziemlich stark. Ideale Bedingungen. Der Bundesstaat Chubut ist mit mehr als 200 Windanlagen derzeit der größte Stromproduzent. Das Problem: Es sind bislang ausschließlich private Grundbesitzer, die Windräder auf ihren Flächen errichten lassen und den Gewinn, die diese Abwerfen, einstreichen. Der Strom fließt in das nationale Energienetz.

Doch in der Politik scheint man das Potenzial des Windes erkannt zu haben. Ein Gouverneur soll vor einigen Jahre laut über die Einführung einer „Windsteuer“ nachgedacht haben. Hintergedanke war, dass nicht überall Windräder entstehen, die erwirtschafteten Gewinne jedoch nicht den Kommunen und Stadtorten zugute kommen.  Nachdem man ihn anfangs noch belächelt hatte, scheint man nun tatsächlich verstärkt in diese Richtung zu denken.

Wir denken nach diesem langen Tag erstmal ans Abendessen. Wir gut, dass gleich gegenüber ein nettes Fischrestaurant ist. Es sollte für die nächsten Tage unser Stammlokal werden.