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Ende einer Ära: Erstmals seit der Krippe getrennte Wege

Ich geb’s zu: Ein wenig hatte ich die Ohren angelegt, als ich heute, am ersten Tag des Schuljahrs zur Schule kam, um die Kinder abzuholen. Es war nämlich ein besonderer Tag. Zum ersten Mal, seit Ella und Edgar diverse Betreuungs- und Bildungseinrichtungen untersuchen, taten sie dies offiziell in getrennten Gruppen. Ella besucht jetzt, wie gehabt, die 2R2. Edgar ist seit heute Schüler der 2R1.

Damit endete eine Ära. Seit der Krippe waren die beiden immer in die selbe Gruppe gegangen, hatten sich anfangs sogar regelrecht gesucht, wenn einer mal kurz aus dem Blickfeld verschwunden war. Selbst in den Kindergarten war Edgar eher widerwillig gegangen, wenn Ella – etwa bei einer Krankheit – zu Hause bleiben musste. Er brauchte sie stets einen Tick mehr als sie ihn. Und nun die Trennung. Ernsthaft?

Das hatte sich im vorigen Jahr noch angebahnt. Die Lehrer waren auf uns zugekommen und hatten uns erklärt, dass sie es für die Entwicklung der Kinder für besser hielten, die beiden gingen in getrennte Klassen. Die Argumente müssen wir hier nicht breittreten. Nur soviel: Sie leuchteten ein. Mehr noch: Wir hatten diese Idee auch schon gehabt.

Weil wir das nicht lange mit uns herumschleppen wollten, und wir wollten, dass es die Kinder von uns und nicht erst von den Lehrern erfahren, thematisierten wir das Ganze bald darauf, während wir noch in der Bedenkzeit waren. Ganz ruhig legten wir den Kindern dar, dass wir beabsichtigen würden, sie künftig in verschiedene Klassen zu geben und dass dies besser sei.

Überraschung: Kein Problem. Keine Tränen, keine Aufregung, nichts. Die beiden nahmen es zur Kenntnis und gut war’s.

Dabei hatten wir beschlossen, Edgar aus der bisherigen Klasse in die Parallelklasse zu schicken. Einfacher Grund: Edgar kennt die Jungs der Klasse alle schon, weil sie mit ihm in der Fußball-AG spielen. Alles bekannte Gesichter. Und weil Edgars Freund Gagik (die beiden hatten sich im Sprachkurs für die deutschen Kinder, Adaptacao, kennengelernt) auch die Klasse besucht, schien die Sache geritzt.

Eigentlich hätten wir das gerne noch vor den Weihnachtsferien über die Bühne gehabt. Denn wir befürchteten, je näher der Schuljahresbeginn rücken würde, würden auch die Diskussionen zunehmen, einfach, weil Edgar nervös werden könnte. Daraus wurde nichts. Machte aber auch nichts. Bis zum Sonntagabend blieb das Thema unangetastet.

Erst gestern, kurz vor dem Schlafengehen kam es kurz auf. „Ich will nicht in eine andere Klasse gehen“, sagte Edgar. Doch dabei blieb es. Heute Morgen auch noch einmal kurz, ein paar Tränchen flossen gar. Deshalb ging ich mittags auch mit gemischten Gefühlen zur Schule.

Was nur, wenn die Situation eskaliert wäre? Wenn er einen riesen Aufstand gemacht hätte? Geschrien und getobt hätte? Zugetraut hätte ich es ihm. Ich hatte es, ehrlich gesagt, sogar erwartet.Aber wie sähe dann das weitere Vorgehen aus. Ein Zurück wäre wohl nicht denkbar. Was könnte ich ihm sagen? Ich hätte nichts wirklungsvolles zur Hand. Im Grunde muss er da durch.

Und dann das:

Eddi, wie war’s?

Gut.

War es schlimm?

Nö. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich schon immer in die Klasse gegangen.

Damit war für ihn das Thema beendet. Gut, dass Ella mich schon vorbereitet hatte. Sie war als erste aus der Klasse gekommen.

Edgar hat nicht das Klassenzimmer mit Tränen geflutet, hatte sie nur kurz gesagt und ihren Ranzen abgestellt, ehe sie gleich wieder davonlief.

Schon einmal hatten uns die beiden überrascht. Als wir in die jetzige Wohnung gezogen waren und plötzlich beide in getrennten Zimmern schlafen mussten, weil die Räume für zwei Betten zu klein sind. Auch da: kein Geschrei,kein Gezeter – fast, als hätten sich beide auf dieses Moment regelrecht gefreut. Manchmal liegt man mit seinen vermeintlichen Expertentipps aber sowas von daneben.

Tja, werden groß, die beiden. Und langsam beginnen sie jetzt, ihre eigenen Wege zu finden.