Argentinien #2: Pampasfeeling und Comedian Harmonists

IMG-20170203-WA0010Am Ende des Tages passte scheinbar gar nichts mehr zusammen, oder vielleicht auch gerade. Wir waren in einem Pick-up auf dem Rückweg aus der Pampa nach Buenos Aires, hatten vor wenigen Minuten noch Staub bei einer Gaucho-Reitshow geschluckt, hörten im Autoradio „Ich wollt‘ ich wär‘ ein Huhn“ von den Comedian Harmonists und unterhielten und mit Daniel, unserem Guide, über jüdische Musiker aus Südamerika der 1930er und 40er Jahre. Was war passiert?

Kaum in der Stadt angekommen, ging es auch schon wieder hinaus – auf eine Estanzia, eine Ranch, auf der wir einen typischen Gaucho-Tag erleben sollten. Yeehaw! Moment – Gaucho? Da war doch was. Richtig! Gaucho-Tanz ist das Stichwort.

Erinnere mich dunkel an übernächtigte Fußball-Nationalspieler mit einem Goldklumpen, wie sie vor dem Brandenburger Tor den „so genannten“ Gaucho-Tanz vorführen. Der war an ein Kinderlied angelehnt. Entsprechend simpel war auch die Performance von Kroos (der ist mir irgendwie besonders in Erinnerung geblieben). Jedenfalls solle ja demnach der Gaucho relativ gebückt gehen. In der Presse war später vom Gaucho-Gate zu lesen.

Im Pferdesattel auf der Estanzia

Ist natürlich Bullshit, bzw. Pferdedriss. Denn „der Gaucho“ sitzt relativ viel im Pferdesattel, grillt kilometerlang Fleisch, reicht einem in Tracht gekleidet Empanadas oder fragt bei fragwürdigen Tanzvorführungen in der Scheune (Gaucho-Stadl), was man so trinken möchte. So zumindest erlebten wir den echten Gaucho-Tag auf der Estanzia Santa Susana http://estanciasantasusana.com.ar/

IMG-20170203-WA0014Tatsächlich ist diese Estanza natürlich schon durch und durch touristisch. Nein, kein Ballermann-Bumbum, so ist es dort sicher nicht. Vielmehr ist man bemüht, den Besuchern einen angenehmen Tag zu bereiten. Dazu gehört sicher auch ein gemeinsamer Ausritt im Rudel. Mit 25 anderen machen wir uns auf die Runde um die Koppel.

Logisch, Ella wollte reiten, durfte aber alleine nicht. Was tun? Klar, mit rauf auf den Gaul. Sitz man erstmal oben, bekommt man Respekt, denn das ist ganz schön hoch. Um uns herum wird Englisch gebabbelt – eine ergraute Kreuzfahrtgruppe aus Kanadiern, Panamaern, Puerto Ricanern will mitreiten. Und völlig egal übrigens, ob man mit der Hüfte sonst kaum noch laufen kann – der Ausritt wird mitgenommen. Bei unserer zweiten Runde kurz drauf, reiten Edgar und ich in einem Rudel Taiwanesen mit. Alle dick vermummt zum Schutz vor der Sonne. Hätten wir uns vielleicht mal eincremen sollen?

Ella ist jedenfalls hin und weg, überall Pferde, die man sogar anfassen darf und eben auch, in Begleitung, reiten. Und Hunde gibt es auch. Und Katzen.

Erst Grillimbiss, danach Folklore

Währenddessen hat der Asador, der Grillmeister, aus meiner Sicht die A-Karte gezogen. Er muss zusehen, wie ein bestimmt zehn Meter breiter Grill, belegt mit Blutwürsten, Rinderstücken und aufgespreizten ganzen Hühnern nicht zu schnell und dafür gleichmäßig seine Arbeit macht. Bei gut 30 Grad. Dafür schippt er in regelmäßigen Abständen Glut, die aus einem Feuerkorb fällt, unter die Grillroste, die etwas höher hängen, als man das vom heimischen Kohlegrill kennt.

Probieren dürften wir das später beim Rodizio in der recht stattlichen Scheune. 250 Leute passen hier mit Sicherheit rein, könnten zeitgleich verköstigt werden. Es ist aber nur vielleicht ein Drittel. Nach dem fleisch- und weinlastigen Imbiss gibt es Folklore: Tango, natürlich, einen Gauchotanz. Danach originale Pampasgesänge, ehe zum Schluss sudamerikanische Evergreens wie „Guantanamera“ unsere teils hüftkranken Mittelamerikaner auf die Tanzfläche locken.

IMG-20170203-WA0013Bei solchen Gelegenheiten wird mir dann immer sehr bewusst, dass ich doch eher einen Besenstiel im Hintern habe. Da wird ausgelassen geschwooft und mitgesungen, die Leute haben ganz offensichtlich richtig Spaß und es ist ihnen wirklich sowas von egal, dass sie das nun auf einer Touritour in einer alten Scheune tun am helllichten Tag. Selbst die Gaucho-Reiter-Kellner, die gerade nicht mit dem Abräumen der Tische beschäftigt sind, mischen sich munter unter die Partymeute. Wiebke muss mich wirklich breitschlagen, bis ich mich auch – ihr zu Liebe – Richtung Tanzfläche bewege; mich windend, ganz an den Rand, klitzeklein, und hüftsteif irgendwie mitmache – und hoffe, dass das nun schon die Zugabe ist. Der Rheinländer als Brasilianier unter den Europäern? (Konrad Beikircher) Also ich nicht. Leider.

Staubige Reitshow

Daniel, unser Guide, hat sich nach dem Essen wieder in seinen Pick-up verzogen und macht ein Nickerchen. Zur großen Gaucho-Reitshow (mit überdachter Holztribüne) ist er aber wieder da. Vor uns machen die Reite lustige Spielchen. Zunächst werden einige Pferde kreuz und quer über den staubigen Platz getrieben, bis wir alle eingenebelt sind (seither hat der Zoom meiner Kamera auch einen Hau wegbekommen).

Danach ein Spiel, dass mich an das Ringestechen bei den Katzenelnbogener Ritterspielen erinnert: Im vollen Galopp auf einen Galgen so, an dem Schnüre mit kleinen Metallringen baumeln. Mit einem Metallstift versuchen die Reiter, diese Ringe im vollen Galopp aufzuspießen – und hinterher werden sie an die „Schönen“ im Publikum verteilt. Ella hat Glück: Zum Ende der Show darf sie mit einigen Gauchos sogarmal im Galopp über die Koppel reiten.

Danach der gemütliche Teil. Während die Busse (Sprinter mit gut 20 Sitzplätzen) wieder gen Hafen rollen, sitzen wir mit Daniel noch auf der jetzt fast menschenleeren Estanzia rum. Daniel, ein bärtiger Mann, vielleicht Ende 50, mit einer Batschkapp und Holzfällerhemd hat seine Bomba ausgepackt. So nennt man in Argentinien die kugelförmigen Trinkgefäße für den Mate-Tee. Das Getränk der Argentinier. Auch in Uruguay trinkt man das bittere Gebäu bis hinauf in den Süden Brasilien. Überall dort, wo es Gauchos gibt.

Das Mate-Ritual

Mate-Trinker haben ihr Equipment immer dabei. Dazu zählen: Die Bomba, also der Becher (traditionell aus ausgehöhlten Kürbissen, inzwischen aber gerne aus Glas, Plastik, Keramik erhältlich). Dazu eine Art Strohhalm aus Metal: die Bombilla (Bombicha gesprochen). Und Mate-Trinker ist praktisch jeder Argentinier.

IMG-20170203-WA0011Dazu trägt man eine Tasche mit sich herum. Darin: Ein Behälter für die Teeblätter. Gerne mit Schüttvorrichtung. Relativ groß sind die Dosen. Schließlich trinkt der Argentinier immer weiter Mate-Tee. Und für eine Portion braucht man viel. Der Becher wird zu dreiviertel mit den Blätter gefüllt. Danach leicht hin und her gerollt, bis sich an einer Seite eine trichterartige Vertiefung ergibt.

Dorthinein wird nun das Wasser gegossen. Das ist nicht so heiß wie bei richtigem Aufgusstee und wird in einer großen, meist metallenen uns somit schweren Thermoskanne stets mitgeführt. Besonders auffällig tun dies die Urus (Uruguayaner, um genau zu sein). Die klemmen sich die Kanneunter den Arm. So, wie man das von den Franzosen und den Baguettes kennt (Klischee, Klischee, aber nun habt ihr ein Bild) und halten den Bechermit der selben Hand.

Das Wasser wird nun so eingegossen, dass nicht der komplette Tee gleich trätschnass wird. Ein Teil schwimmt trocken auf dem Gebräu. Das zieht beim 25.Aufguss automatisch durch, aber man will ja auch dann noch etwas von dem bitteren Geschmack abbekommen.

Der Strohhalm hat am unteren Ende eine Siebvorrichtung, damit man sich nicht die ganzen Blätter reinzieht, sondern nur den Sud.

?

?

Mate-Trinken ist etwas geselliges. Stopft man sich seinen Becher und es kommt jemand anderes vorbei fragt man: Magst du mittrinken. Dann wird der Becher reihum herumgereicht und man erzählt und hat eine gute Zeit. Übrigens ohne Witz: Ich habe in den letzten Jahren nirgendwo so wenige Leute auf der Straße auf ihr Handy starren sehen. Oder wenn sie auf einer Bank im Park sitzen. Erstens haben sie keine Hand frei, weil sie ja den Mate-Becher dabei haben. Zweitens sitzen sie oft zusammen und lassen den Becher kreisen. Wirklich wahr: Mate-trinken ist kommunikativ und gesellig. Eine Regel sollte man beachten: Es beginnt immer der, der zum gemeinsamen trinken eingeladen hat.

Danach ging es zurück. Nun erzählte Daniel seine Geschichte. Sein Vater stammte aus Osteuropa, war im Krieg nach Argentinien ausgewandert. Besser geflohen. Denn sie waren Juden. Daher rührte auch seine Vorliebe für deutsche Schlager jener Zeit (Rosita Serrano, die Nachtigal von Santiago) und die Musik jüdischer Zeitgenossen, wie Max Zalkind. Und so tönte aus dem Boxen der knisternde Klang der Comedian Harmonists, während wir so irgendwo auf der Südhalbkugel auf einem Highway wieder ins Großstadtgewimmel einfädelten.

Irgendwie überrascht mich das doch jedes Mal aufs Neue, mit was für Leuten man auf Reisen die Wege kreuzt. Aber es ist immer wieder wunderbar.