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Ankunft in Buenos Aires: Vertraute, fremde Stadt

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Erster Blick bei Tageslicht.

Mein erster physischer Kontakt mit Argentinien war im Dunkeln. Die Grenzer meinten es sehr genau. An der Seite des Schalters eine Kamera. Neutraler Blick, anschließend rechten Daumen scannen, Buenos dias, Argentina.

Aus dem Terminal raus, laufe ich in eine Rauchwolke. Es roch wie früher, wenn ich in meiner Stammkneipe Ahorn in Rheinbach die Türe öffnete und mit jedem Schritt hinunter die Nikotinkonzentration der verbliebenen Atemluft zunahm. Damals bemerkte ich das kaum, ichrauchte selbst noch. Hier störte es mich auch nicht, aber es fiel mir auf. In Rio sieht man kaum Menschen irgendwo rauchen. Hier standen gleich sieben oder acht um zwei Ascher verteilt und inhalierten gierig ihre Kippen. Anschließend fuhr uns der Taxifahrer eine halbe Stunde durch die Nacht.

Als wir am nächsten Morgen im Unique Hotel aufwachten, versuchte ich mir einen ersten Eindruck bei Tageslicht zu verschaffen. Bick aus dem Fenster. Hm, eine Straße. Auch nicht besser. Mal abwarten bis nach dem Frühstück.

Früh raus, Stadt erkunden

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Unsere Räder.

Wir sind früh unterwegs. Laut Wiebke beginnt unsere Fahrrad-Stadtrundfahrt bereits um 9 Uhr. Wir beschließen, zum Treffpunkt zu laufen. Gut, dass wir kein Taxi genommen haben. Sonst wären wir nämlich noch viel zu früh am Treffpunkt gewesen. Der Fahrradverleih ist verrammelt, niemand da. Oh, beginnt ja auch erst um 11 Uhr. Gegenüber liegt ein Park. Nichts wie hin.

Hier fällt schon eines auf: Die Straßen sind sauberer, die Gehwege  in Schuss. Der Verkehr ist entspannter. Buenos Aires wirkt auf mich – europäisch. Die Metro-Stationen (Subte) erinnern mich an Paris. Auch die Architektur. Sicher, wir sind in Recoleta, einem vornehmeren Innenstadt-Quartier, aber auch Leblon und Ipanema sind anders. Buenos Aires ist Europa, Rio ist sehr viel mehr Afrika. Heißer, wilder, chaotischer. Mag auch mit den vielen Italienern zusammenhängen, die in großer Zahl nach Argentinien kamen und die Stadt prägten.

Rauf auf’s Rad und ab

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Zweites Frühstück.

Schnell noch einen Kaffee und ein Frühstückchen (Blätterteig gefüllt mit Doce de Leite), eine Runde über den durchgehend asphaltierten Spielplatz und dann wartet auch schon Pepe auf aus. Pepe stammt eigentlich aus Peru, lebt aber schon seit einem guten Jahr in BA. „Ich wollte eigentlich nur drei Wochen bleiben.“ Nun unternimmt er Fahrradtouren mit Touristen.

Eine Orientierung habe ich immer noch nicht. Ist auch schwieriger. Buenos Aires hat keine Küste. Es liegt zwar an einem Gewässer, dass zunächst anmutet wie ein Meer. Das ist jedoch der Rio de la Plata. Dessen Mündungstrichter ist der weiteste der Erde. Deshalb sieht man gegenüber kein Land. Aber wo sich nun dieser Fluss befindet? – Ach, einfach mal hinter Pepe her.

Lange nicht mehr geradelt. Gut, dass Pepe entspannt ist. Auch gut, dass in BA – wieder im Vergleich zu Rio – Radfahren kein Himmelfahrtskommando ist. In Rio würde ich den Teufel tun, auf ein Rad zu steigen, selbst wenn ich jahrelang im Dunkeln, bei Eis und Regen jeden Tag 15 km Rad fuhr, in Frankfurt. Radfahren im Straßenverkehr Rios ist was für Lebensmüde.

In BA gibt es 120 km Radwege. Und das Gute: Sie sind intakt.

Buenos Aires gefällt mir richtig gut. Nachdem wir nun eine Weile schon in Rio sind, von den Einheimischen, den Cariocas, selbstverliebt „Cidade maravilhosa“ genannt wird, wunderbare Stadt, hatte ich schon ein wenig Schiss, dass ich mich, nachdem ich mich an die tatsächlich atemberaubende Szenerie, gewöhnt habe, für die Schönheit anderer Stadt nicht mehr empfänglich sein könnte. Gott sei Dank ist das nicht so. Klar, hier gibt es keinen Strand – dafür aber saubere Parks in denen man sich aufhalten kann, sogar mit der Kamera um den Hals.

Rio-Reflexhält noch eine Weile an

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Pepe und die Blume.

Mit der Kamera bin ich anfangs vorsichtig. Nach jedem Foto verstaue ich sie wieder in der Tasche, dann im Fahrradkorb, nicht ohne jedoch den Trageriemen drei Mal um den Lenker zu knoten. Alter Rio-Reflex. Wobei: Dort hätte ich die Kamera wahrscheinlich ganz im Rucksack gelassen. Dass man hier unbehelligt herumlaufen kann und darf, muss ich erst wieder lernen.

Hübsch ist die große Metallblume, die Floralis Genérica im Parque Thays. Der Architekt Eduardo Catalano wollte mit dieser Skulptur, Anfang des Jahrtausends die Bevölkerung Argentiniens ein wenig aufheitern – 2001 durchlebte das Land eine schwere Wirtschaftskrise. Also spendete er den Menschen diese Blüte, die sich, gespeist durch Sonnenenergie – öffnete und schloss. Ein anfälliger Mechanismus, der bald kaputtging. Also wurde der Solarbetrieb auf normalen Strom umgestellt. Das wurde jedoch so teuer, dass man auch dieses bald einstellte. Heute kann die Blüte nur noch von Hand aufgekurbelt werden. Hübsch anzuschauen ist die auch so.

Keine Radtour durch Recoleta, ohne auf dem berühmten Friedhof Evita Peron einen Besuch abzustatten. Wer sie sucht, kann sich einer Gruppe anschließen, oder auf eigene Faust losziehen. Man sollte jedoch nicht nach „Eva Peron“ sondern nach „Eva Duarte“ Ausschau halten (Platz 88, ihr werde ich einen eigenen Beitrag widmen). Der Friedhof von Recolela ist ein Promi-Friedhof. Etliche Bürgermeister, Minister und andere Persönlichkeiten fanden hier ihre letzte Ruhe. Laut Guide Pepe ist das nicht ganz billig. 50.000 Euro sollen die Liegegebühren pro Jahr kosten.

Wie kommen wir an eine Fahrkarte?

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Metrostation.

Sonntags machen wir uns auf zum großen Flohmarkt in den Stadtteil San Telmo. Könnte man als eine Art „Altstadt“ bezeichnen. Nebenan liegt „La Boca“, die Keimzelle der Stadt, Heimat von Diego Maradonas Fußballclub Boca Juniors. Von dem alten Hafenviertel aus wuchs Buenos Aires auf nun knapp 3 Millionen Einwohner an.

Eigentlich wollten wir die Subte nehmen (Metro), doch die Station ist zu. Also Bus fahren. „Vier Mal nach San Telmo“, sagt Wiebke dem Busfahrer. Er nickt und fragt: „Karte?“ Pause. „Können wir kein Ticket hier kaufen?“ Kopfschütteln. Wir bräuchten eine aufladbare Karte. Gibt es zum Beispiel in Metrostationen. Ein junger Mann hilft uns aus der Patsche, lässt uns auf seine Karte mitfahren. Danke nochmal!

Später werden wir noch einmal vor der selben Frage stehen. Eine Kellnerin kommt uns hinterhergesprintet und schenkt uns ihre Karte. Sei allerdings leer. Auch hier: danke! Hand aufs Herz – wer hätte genauso gehandelt?

Rund um die Plaza Dorrego ist am Wochenende die Hölle los. Tausende suchen auf dem Flohmarkt, der sich durch die Kopfsteinpflasterstraßen mit kolonialen Gebäuden zieht. Mit etwas Glück finden Sammler alles, was sie brauchen und nicht brauchen.

Tango, der Puls von Buenos Aires

Vom Platz selbst klingt Tango-Musik herüber. Menschen aller Altersklassen sitzen und stehen um den kleinen Platz herum. Gleich geht es los. Ein Tanzpaar bereitet sich vor. Schön klischeehaft: Er mit zurückgegelten Haaren, aufgeknöpftes Hemd, Lackschuhe – eine Mischung aus Schiffschaukelbremser und Mallorca-Playboy. Sie mit strenger Frisur, enges Kleid. Aber erst muss das Baby gewickelt werden. Vor 100 Zuschauern. Na und?

Schön ist’s trotzdem. Nicht, dass ich je ein großer Tänzer gewesen wäre. Im Gegenteil. Aber wenn mir ein Tanz in der Tanzschule damals ansatzweise Spaß gemacht hatte, dann war es der Tango. Ich mag das Theatralische dieses Tanzes. Könnte mich glatt dazu breitschlagen lassen, einen Tango-Kurs zu machen.

Das Busticket haben wir am Ende gar nicht mehr gebraucht. Wir sind die ganze Strecke bis zum Hotel komplett gelaufen – am Obelisken vorbei, am weltberühmten Theatro Colon. Wir haben es einfach genossen, das Flair der Stadt, das sorglose Sich-umschauen-können. Als wir wieder in eine Nebenstraße einbiegen, in der Nähe des Hotels, spricht Edgar das aus, was ich mir auch schon die ganze Zeit irgendwo durch den Kopf gegangen war. „Das sieht hier aus wie in London“, sagt er mit seinen siebeneinhalb Jahren. Stimmt. Deshalb kommt mir Buenos Aires so vertraut vor, obwohl ich noch nie zuvor dort war.