Heute genau: Ein Jahr in Rio

IMG_20160216_112228935

Fast genau ein Jahr her.

Wisst Ihr, was heute für ein Tag ist? Heute, vor genau einem Jahr kamen wir an; in der uns komplett unbekannten neuen Welt, 10.000 Kilometer von Deutschland entfernt.

Vorige Woche waren wir mit Wiebkes neuen, frisch eingetroffenen Kolleginnen am Strand. Diesmal war ich nicht der weisseste Mensch weit und breit, und wir unterhielten uns über, die Dinge, die einen am Anfang beschäftigen: Wohnung, klappt das Geldziehen mit der Kreditkarte, was zahlt man für dieses oder jenes. Aufregend, diese Zeit. Mit einem ganzen Eimer voller Fragen löcherten wir natürlich auch die Kollegen, logisch.

Wir sind ja nun fast schon alte Hasen.

Die ersten Eindrücke erinnere ich noch gut: die Hitze, der Geruch der Stadt, die erste Pinkelpause am Flughafen. Die Fahrt mit Julia im Sprinter vom Flughafen in die Stadt – und ich dachte: das soll eine der schönsten Städte der Welt sein? Vom Flughafen fährt man auf der Autobahn vorbei am Complexo Alemao, einem gewaltigen Konglomerat aus einigen Dutzend Favelas. Riesig, undurchschaubar, gefährlich. So weit das Auge reicht ein Meer aus kleinen, krummen Ziegelbauten mit blauen Wassertanks und überall Müll.

Als wir eine Holländerin, die uns beim Gepäckband geholfen hatten im Stadtteil Flamengo abgesetzt hatten, entwickelte sich Faszination für diese Stadt. Flamengo, ein einst vornehmer Stadtteil, als Copacabana und Ipanema noch aus Urwald bestanden. Gusseiserne Zäune, alte Parks, selbstbewusste Architektur. Noch immer zählen Flamengo und auch der Nachbarstadtteil Laranjeiras zu meinen Lieblingstadtteilen. Stumme, teils verwitterte Zeugen der großen Vergangenheit dieser alten Stadt.

Ein Jahr in Rio sind wir nun – die wichtigsten Sehenswürdigkeiten haben wir bestiegen und besucht, Karneval erlebt, Olympia. Die Kinder erlebten hier ihre Einschulung, das erste Schuljahr gemeinsam. Vom zweiten Jahr an werden sie sich ein Stück voneinander emanzipieren – Edgar und Ella werden Parallelklassen besuchen. Sie werden größer und selbständiger, unsere Kleinen.

Das erste Jahr verlief glatt – keine Krankheiten, Unfälle, Überfälle (sie waren meine größte Sorge im Vorfeld). Nicht einmal unsere Kreditkarte wurde bislang geclont – hoffentlich bleibt uns das Glück auch weiterhin hold. Es scheint es gut mit uns zu meinen, dafür sind wir sehr dankbar.

Also alles gut. Fast. Ein wenig hat uns der Blues erwischt. Nicht nur, aber auch, weil eine tolle Reise vorüber ist (Argentinien, Berichte folgen). Aber auch. Denn seither stoßen mir Dinge auf, über die wir bislang recht großzügig hinwegsehen konnten (und auch sicher bald wieder werden). Denn nun wissen wir: nein, das ist nicht irgendwie typisch für Südamerika, daran muss man sich halt halt gewöhnen, oder man lässt es besser. Es geht durchaus, auch wenn nicht viele öffentliche Mittel vorhanden sind.

Das krasseste Beispiel erlebten wir am Sonntag. Nach der großen Mittagshitze entschlossen wir uns, an den Strand zu gehen. Eigentlich sind alle Strände nah (mit der Metro). Aber zum Praia Vermelha in Urca können wir sogar zu Fuß hinlaufen.

Ein Strand wie gemalt. Ein sichelförmiger Sandstrand, vielleicht 250 Meter breit, ruhiges Meer (in Copacabana würfeln einen die Wellen mitunter gut über den Haufen), perfektes Setting: Links ragt der Zuckerhut hinauf, die Gondeln pendeln im Fünf-Minuten-Takt rauf und runter. Rechts ein anderer Felsen (ist es schon der Morro de Leme?), ein Granitrücken, unten blank und glatt, weiteroben üppig bewaldet und grün. Ein Postkartenidyll.

Da darf es auch schon mal einen Tick voller sein als normal. Aber an einem Sommersonntag ist wahrscheinlich jeder Strand ziemlich voll. Ein Postkartenidyll, wie gesagt, ein Traum. Wära da nicht eine gewaltige Müllwolke, die mit Meer unmittelbar vor dem Strand vor sich hintreiben würde. Wäre da nicht unsäglich viel Müll, den die Sonnenbadenden einfach neben sich fallen lassen, auch wenn die Mülltonne nur vier Meterentfernt steht. Die Leute sitzen sprichwörtlich im Müllberg und – denken sich nichts dabei.

IMAG1044Wir haben diesbezüglich schon einiges gesehen. Wirklich. Und wir sind auch nicht kleinlich. An jenem Sonntag begannen wir ernsthaft zu überlegen, was man dagegen tun könnte. Keine drei Kilometer weiter dümpeln die Nussschalen des traurigen Rests der Copacabana-Fischer vor sich hin. Seit der Staat pleite ist gibt es keine Küstenwache mehr. Großfischer mit Schleppnetzen könne so ungestraft in küstennähe Fischen. Eigentlich das Revier der Copacabana-Fischer, die gegen die technische Übermacht mit ihren althergebrachten Mitteln keine Chance haben. Könnte man nicht diese dazu bringen, die Strände müllfrei zu halten. Aber die Stadt und der Staat sind ja pleite. Wer soll es also zahlen?

Vielleicht Sponsoren, denke ich. Ist doch gute PR, wenn ein Unternehmen pro gesammeltem Kilo Müll einen Real springen ließe. Vielleicht bekommt man den Sänger Roberto Carlos dazu mitzumachen – schließlich schwimmt der Müll quasi unmittelbar vor seiner Haustüre.

Nach einer halben Stunde habe ich die Schnauze voll. Ich ziehe mich zurück an die Promenade, dem Revier der Mais- und Popcornverkäufer. Hier sieht man nur die bunten Sonnenschirme, die vielen wohlgebräunten Menschen, nicht den Müll. Ob sich niemand daran stört, frage ich mich. Woran liegt das bloß? Ich bin immer noch ratlos. Und entsetzt, wie man mutwillig so etwas Schönes so dermaßen versiffen kann.

„Lass den Müll einfach fallen, da kommt schon jemand und räumt ihn weg.“ Diesen Satz hörte ich bislang noch nicht. Aber Karla, unsere Sprachlehrerin. Ihr erzählte ich davon. Ich kann es gar nicht glauben. Schon öfter hörte ich, dass Kinder gesagt werde, es sein nicht schlimm, den Müll nicht in die Mülltonnen zu werfen, schließlich sichere das die Arbeitskräfte der Müllwerker.

Am Strand von Copacabana und Ipanema kommen sie nachts mit schwerem Gerät – Traktoren, Riesensieben und versuchen den Strand für den nächsten Morgen wieder herzurichten. Am Praia Vermelha macht das niemand.

Ich überlege ernsthaft, ob wir nicht eine Initiative ins Leben rufen sollen – regelmäßig dort Müll sammeln. Vielleicht Flyer verteilen. Was das angeht, muss man wirklich ganz weit unten ansetzen. Da kann man scheinbar nichts voraussetzen. Irgendwie arbeitet es in mir.

Es widerstrebt mir, das einfach so hinzunehmen. Und irgendwie möchte man ja auch der Stadt, den Menschen, die einen hier so freundlich und offenherzig aufnahmen, etwas zurückgeben. Etwas anschieben vielleicht. Vielleicht hat einer von Euch eine Idee?