Feliz ano novo – Feuerwerk an der Copacabana

Ein gutes und gesundes neue Jahr 2017 wünsche ich erst einmal allen! Schön, dass Ihr gut und gesund rübergekommen seid.

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Silvesternachmittag Copacabana.

Das Jahr für den Getränkeverkäufer an der Avenida Atlantica hätte echt besser beginnen können. Kurz bevor er es mit seinem Gefährt in Form einer großen Kokosnuss, hochvoll mit Eis und Getränken, zurück zu seiner Homebase, einer Brahma-Baracca schaffte, machte das Gefährt am kleinen Bordstein zwischen Promenade und Radweg schlapp. Doppelplattfuß hinten, zwei abgebrochene Räder vorne und unten ein Leck, an dem das Schmelzwasser auf die Straße fließt. Er schaut ratlos rein.

Immerhin freut sich ein Blechdosensammler. Als er das auslaufende Wasser entdeckt zückt er einen Becher und zapft sich einen Schluck. Kein Wunder es ist heiß. Egal, dass die austretende Brühe vermutlich alt ist und nicht aus gefiltertem Wasser besteht. Wen juckt’s? Bei 35 Grad. Den Becher hätte er aber in einen seiner Recyclingsäcke stecken können, statt ihn achtlos auf den Radweg zu werfen. Was halt kein Blech.

Für uns hat das Jahr dagegen sehr nett begonnen. Übrigens keine 25 Meter vom Ort der Reifenpanne entfernt. Ein Kollege eines Freundes hatte sich in den Jahreswechsel verabschiedet, indem er ihm den Schlüssel zu seinem Apartment in der Rua Almeirante Goncalves überließ. Diese trifft, wie es der Zufall will, auf die Avenida Atlantica, und damit auf den Strand von Copacabana, wo am 31. Dezember, nicht ganz halb Rio aber immerhin rund 2 Millionen Menschen das neue Jahr begrüßen. Die letzten überlieferten Worte des Kollegen sollen gewesen sein: „Hier, aber nur, wenn ihr dort auch zünftig feiert.“ Das nenne ich mal großzügig.

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Getränke wollen gekühlt sein.

Am 29. machten Isaac und ich Generalprobe. Wir trafen uns dort, um schon einmal Getränke zu kaufen und zu kühlen. Immerhin trinkt die der Carioca gerne „estupidamente gelado“ (frei übersetzt: völlig übertrieben gekühlt), das dauert eine Weile. Der Blick von der Wohnung war der Hammer. Beinahe durchgehende Fensterfront, etwa auf Höhe des Posto 5, etwa auf dreiviertel Länge in Richtung Ipanema. Perfekt, um von dort aus das Feuerwerk auf dem Meer vor dem Strand zu sehen. Zumal die Wohnung im zehnten Stock liegt. Höher geht nicht.

Mit dem „zünftig feiern“ das üben wir dann nochmal. War eher etwas wie ein Altherrschaften-Abend – der Großteil der ohnehin recht sparsam eingekauften alkoholischen Getränke blieb unangetastet. Ja, wir sind nicht mehr die Jüngsten, und die Kinder noch nicht alt genug. Macht nix.

Gegen 11 Uhr vormittags zogen wir los: Koffer, drei Rucksäcke, fünf große Einkaufstaschen. Ein kleiner Umzug. Im Koffer die große Decke – denn die Kinder wollten sich ein Schlaflager auf dem Boden bauen. In den Taschen: Lebensmittel. Wiebke und Christina hatte eingekauft, es sollte Tacos geben.

Warum so früh los? Ganz einfach: Ab 15 Uhr darf kein Auto mehr in der Uferstraße Avenida Atlantica fahren, auch kein Taxi. Am Abend wird der ganze Stadtteil Copacabana abgeriegelt für den motorisierten Verkehr. Dann geht nur noch zu Fuß oder mit der Metro. Vorausgesetzt, man hatte im Vorfeld ein Ticket gekauft. Außerdem wollten wir noch an den Strand.

Also hin, Taschen abwerfen und raus. Und ein Plätzchen finden. Nicht leicht – denn voller hätte der Strandkaum sein können. Offenbar wollten die 2 Millionen Feuerwerksbewunderer nachmittags, wie wir auch, ein ausgiebiges Sonnenbad nehmen und schon mal kräftig vorglühen. Neben den üblichen Verkaufswaren waren diesmal auch Plastikblumenkränze für den vornehmlich weiblichen Kopf und echte Blumen im Angebot.

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Der Hausherr hat offensichtlich Fußballsachverstand.

Blumen spielen im Neujahrs-Brauchtum hier eine besondere Rolle. Sie werden um den Jahreswechsel, ein Teil schwamm schon mittags da rum, ins Meer geworfen. Offenbar ein Geschenk für die Meeresgöttin Jemanja. Aber auch sonstiger Kram landet im ohnehin schon arg strapazierten Wasser: Parfüm, Puppen oder kleine, selbst gebastelte Boote.

In den Küstenmetropolen Brasiliens ist es außerdem Tradition, in der Nacht zum ersten Januar in Weiß gekleidet zum Strand zu gehen. Weiß ist die Farbe der (in Rio) „Umbanda“ oder (in Salvador) „Candomblé“ genannten afro-brasilianischen Religionen, in deren spirituellem Zentrum die Trance steht.

Zurück vom Strand gönne ich mir mit Isaac gemeinsam einen Schluck Rum. Bacardi, der gute, goldene. Später werde ich auf Caipirinha und Bier umsteigen.

Irgendwann verschwinden die Badegäste. Aber voll bleibt es trotzdem. Nach Einbruch der Dunkelheit setzt langsam die Bewegung in Richtung Strand ein. Und tatsächlich: Die Allermeisten sind in weiß gekleidet. Es sieht von oben aus wie eine gewaltige Friedensdemo.

Die Sonnenschirme verschwinden. Die Baraccas, Kioske mit Sonnenschirmen, an denen man sich sonst erfrischt, sind mit einem Male eingezäunt. Geschlossene Geselschaft. Am Strand entstehen ebenfalls abgetrennte Areale mit Tischen, Stühlen, Pavillons. Jeder will das neue Jahr stilvoll mit gutem Essen begrüßen.

Ich wundere mich nur, wie schleichend und geräuscharm dieser Umbau des Strandes von statten geht. Eben noch badende Menschen, jetzt viele kleine improvisierte Strandrestaurants, eines neben dem anderen. Das ganze ohne großen Lieferverkehr und Rangieren. Plötzlich ist alles da. Es gibt also doch Dinge, die in Brasilien erstaunlich gut funktionieren. Alles, was irgendwie mit feiern zu tun hat, scheint mir.

Wieviele mögen das sein? Fragt Isaac irgendwann zwischen 23 Uhr und Neujahr – irgendeine Zahl wird er ja in seiner Agenturmeldung nennen müssen. Ich hatte vorher immer von 2 Millionen gehört. Aber vielleicht ist das auch wie beim Rosenmontagszug in Mainz. In jedem Jahr, in dem ich den Zug in derMRZ begleiten durfte, sprach die Polizei hinterher von einer halben Millionen Menschen. Natürlich zählt die keiner. Genauso könnte man sagen sauviele. Nur druckt das keiner. Also schätzt man wohl eine Zahl, die diesem „sauviel“ irgendwie am nächsten kommt. Zwei Millionen scheint mir ein guter Wert zu sein. Es sind nämlich echt sauviele.

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Dagegen braucht man nicht anböllern.

Wann geht es denn los? Uhrenvergleich. Anders, als in Deutschland, findet hier kein nerviges Vorabgeböllere statt –wenigstens nur ganz wenig. Über der Favela von Babilonia züngelt sich hier und da eine kleine Rakete in den Nachthimmel. Doch wartet hier alles auf den großen Knall und der beginnt um Schlag Mitternacht. Dagegen hätten kleine Supermarktraketen ohnehin nicht den Hauch einer Chance.

Denn das, was von elf schwimmenden Pontons zwölf Minuten lang in den Nachthimmel von Rio gejagt wird ist – Krise hin oder her – wirklich vom Allerfeinsten. Und dazu herrscht Stimmung wie bei einem Fußballspiel. Es gibt Aufschreie, kollektive Ohs und Ahs, Szenenapplaus. Kein Wunder also, dass sich im Laufe des Abends fünf Dicke Kreuzfahrtkähne seeseits in Position gebracht hatten und die Passagiere, nach dem Kapitäns-Dinner mit Sascha Hehn zum Feuerwerk sogar noch die Skyline von Rio bestaunen durften. Das muss in der Tat ein schwer zu toppender Anblick sein. Aber wir wollen uns nicht beklagen.

Wann und wie aus der Partymeile im Verlauf der kurzen Nacht wieder der normale Strand wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Es muss passiert sein, während ich schlief. Aber auch das dürfte Rekordverdächtig sein. Gegen 2 Uhr früh dachten die wenigsten Cariocas daran ins Bett zu gehen. Ich allerdings schon.

Und so begann das neue Jahr, wie das alte aufgehört hatte. Mit einem Strandbesuch. Bei genauerem wurde da schon deutlich, dass die rund 650 Müllmänner zwar gewaltiges zu leisten vermochten, aber eben leider auch keine Übermenschen sind. Am Strand zeugten sich noch deutliche Partyspuren.