?

Comeback, Teil 2: Ich brauche Schuhe

Eines Samstags entdeckte ich im Stadtzentrum Rios ein Sportgeschäft mit einer scheinbar großen Auswahl an Fußballschuhen. Auch zwei Paar schwarze waren dabei. Diese neumodischen Dinger in gelb, weiß oder pink sehen selbst bei den Messis und Poldis affig aus, wie würde das dann erst an mir aussehen? Nein, danke.

Ich zeige also, als mich einer der zahlreichen Verkäufer an spricht auf diese beiden Modelle. „Die würde ich gerne in Größe 43 probieren“, sage ich.

„43?“

„43“

In Brasilien muss man von dereuropäischen Schuhgröße zwei Nummer abziehen. Wieso? Keine Ahnung, ist einfach so.

„Ist gut“, sagt er und steigt eine Wendeltreppe in der Ecke des Geschäfts hoch. Ein paar Minuten später kommt er wieder. Drei Schuhkartons tragend. „Die Modelle, die Sie wünschen, haben wir leider nicht mehr“, sagt er ohne einen Ton des Bedauerns. Vermutlich waren sie nie auf Lager.

Aber er hat was anderes für mich gefunden. Knallbunt. Größe 41.

„Das ist sicher zu klein“, gebe ich zu bedenken. „Schließlich wollte ich ja 43.“

„Probieren Sie ruhig.“

Viel zu eng. Meine Zehen passen hinein. Mehr nicht. „Zu eng“, gebe ich ihm zu verstehen. „Sagte ich ja.“ Der musste sein. Warum bringt er auch zwei Nummern kleiner?

„Besser ist 43.“

„Ok, ich hole 43.“

„Prima.“

Tatsächlich kommt er mit Größe 43. Wieder ein völlig anderes Modell. Ich vermute stark, dass oben im Lager für jede Größe genau ein Modell vorhanden ist. Das muss dann halt dem Kunden irgendwie schmackhaft gemacht werden. In mancher Hinsicht herrscht in Brasilien tiefster Sozialismus. Theoretisch gibt es fast alles, praktisch noch lange nicht. Die Auslage ist scheinbar nur Fassade.

Statt Löchern für die Schnürsenkel ist nur das Obermaterial (Plastik) eingeritzt. Überall nur verklebt, keine Naht. Ich probiere trotzdem. Bin ja nicht so. Rein komme ich. Aber bei jeder Bewegung wirft der Schuh Falten, gibt null Halt.

Der Verkäufer, der das auch sehen müsste, fragt: „Und, gut?“

„Nein“, antworte ich.

„Aber ist doch 43!“ sagt er.

„Das stimmt, aber die Schuhe sind, sind,…“ ich zeige drauf, weiß natürlich nicht, was auf brasilianisch minderwertiger Schrott heißt.

Verständnisloser Blick. Ich ziehe den Schuh wortlos aus, drücke ihn ihm in die Hand, bedanke mich und gehe.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Willkommen in Brasilien. Wieder einmal, bin ich in die Falle getappt. Ich war tatsächlich hineingefahren in die Stadt mit der Annahme, ich würde hinterher mit einem paar Fußballschuhen heimkehren.

In einem Shoppingcenter hatte ich mal welche gesehen. Ist aber nun zu weit weg. Also versuche ich es im Shoppingcenter Praia Botafogo, 300 Meter Luftlinie von unserer Wohnung.

Zwei Sportgeschäfte gibt es dort. Im ersten bin ich schnell fertig. Dort scheint man keine Fußballschuhe zu haben. Das Personal kann ich nicht fragen, das ist mit sich selbst beschäftigt. Will ja auch nicht stören und mich aufdrängen. Also ab zur Konkurrenz.

Auch hier bemerkt man mich, obwohl kaum Kunden im Laden sind, dafür umso mehr Angestellte, nicht. Ich versuche, michrecht auffällig für die Fußballschuhe zu interessieren. Zwei Meter neben mir überschreibt ein Verkäufermit Edding Preisschildchen. Muss auch gemacht werden, klar.

„Alles klar, Champ!“ grüßt er mich flott, als er mich wahrnimmt, dazu abklatschen und Faust-gegen-Faust – als würden wir uns schon ewig kennen.

„Ich interessiere mich für diese Fußballschuhe hier und halte ihm ein paar hin. Blau zwar, aber sonst klassisch. Meinetwegen.

„Ok, Champ. Welche Größe?“

„43“

Alles klar, Champ. Setzen Sie sich hin ich hole was.“ Weg war er.

Nach ein paar Minuten hat er vier Kartons im Arm. „Das Modell, das Sie wünschten, ist leider nicht in 43 da.“

Tolle Wurst. Geht ja gut los.

Zwei Paar haben Größe 43, zwei Paar Größe 44. Ich probiere die 43. Sitzen ziemlich spack. Ich hatte extra Sportsocken eingepackt. Gut, bei der Hitze sind die Füße dicker. Mal 44 probieren. Ne, zu lang. Merke ich gleich. Also doch 43.

„Scheinen etwas eng“, gebe ich dem Verkäufer zu bedenken.

„Kann sein, aber die passen sich mit der Zeit dem Fuß auch an“, gibt er zurück. Nach längerem hin und her entscheide ich mich für die Treter. Ich habe sogar Glück, das bereits reduzierte Paar wird noch ein weiteres Mal heruntergesetzt. Die neue Saison kann also kommen. Auch wenn die Dinger dunkelblau sind mit neongrün. Aber von Weitem sehen sie fast wie schwarz aus. Passt also.