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Comeback: Der Rücktritt vom Rücktritt

Die aktive Karriere schien schon beendet. Als ich im März bei knapp 40 Grad abends über den Kunstrasenplatz der Corcovado-Schule schnaufte, nach Luft pumpte wie ein Truthahn, eigentlich immer einen oder mehr Schritte zu spät war und mir Nils mit einem satten Spannstoß beinahe den Arm abschoss (drin war er aber nicht!), schien sich meine aktive Kickerlaufbahn mit 42 Jahren dem Ende zuzuneigen.

Besser spät als nie, dachte ich, und hatte Lothar Matthäus vor Augen, als er mit annähernd 40 Jahren in der Bundesliga von der Legende zur Lachnummer verkommen war.

Schade, denn nach vielen Jahren schien ich endlich wieder eine Kickertruppe gefunden zu haben. Doch einige limitierende Faktoren machten die Fortsetzung der Karriere unmöglich: die vielen Schüler, die mitkickten – dreimal schneller, ausdauernder, technisch Klassen besser; das Übergewicht und das Klima. Ich würde mir also keine neuen Fußballschuhe mehr kaufen müssen, dachte ich.

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Überragende Kulisse,

Richtig glücklich war ich mit der Entscheidung nie. Wie gesagt: Ich hatte in Frankfurt viele Jahre vergebens nach einer Kickertruppe gesucht. Gescheitert war es an vielen Dingen: Erst keine gefunden, dann viel Wochenend- und Sonntagsarbeit, später die Kinder im Doppelpack. So wuchs ich langsam aber sicher zu. Ab und zu laufen oder Radfahren zur Arbeit war halt nur die halbe Miete. Und wer schon mal Fußball gespielt hat weiß: Es ist nicht das Laufen und die Kondition, weshalb man kickt.

Fast jeder von uns hat unzählige Spiele gesehen, Szenen und Spieler gespeichert – in uns drin schlummern Vergleiche, Traumpässe – ein Sammelsurium nutzlosen Fachwissens. Über das jedoch, spielt man in der richtigen Truppe, ein Großteil der Mitspieler verfügt und das, richtig angewendet, dem Spiel Tiefe und Seele verleiht.

Es ist halt doppelt schön, wenn jemand, nach einem gelungenen Passpiel nicht nur anerkennend „Beleza!“ ruft, sondern hinterher vielleicht noch sagt. „Wie Wolfram Wuttke in seinen besten Zeiten.“ Oder eine souveräne Abwehrleistung mit einem anerkennenden „Wie Baresi“ noch ein Stückchen anerkennender wird. Denn jeder, der sich ein wenig auskennt, die Spiele des AC Mailand in den 90er-Jahren verfolgte, wird dann einschätzen können, was mit den Worten „Wie Baresi“ gemeint sein kann.

Mit Baresi gewann AC Milan mehrfach den Europapokal der Landesmeister (hieß das da schon Champions League?), stand die Null bei der Squadra Azzura noch sicherer. Kurzum: Wer wie Baresi verteidigt, macht ein wirklich gutes Spiel. Und wenn dann über die angestrengten, verschwitzten Gesichter angesichts des Lobs ein Grinsen huscht, weil sie den Vergleich erkennen und anerkennen, dann befindet sich selbst der profanste Parkkick auf einer Metaebene, die aus den Mitwirkenden eine Gemeinschaft macht.

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Cristo schaut zu.

Das setzt natürlich voraus, dass die Akteure einen ähnlichen Erfahrungshorizont teilen. Einen Satz wie „Ata Lameck Fußballgott“ (weil der ballführende Spieler eben gerade ein Bochum-Fan ist) wird bei 20-Jährigen Verwunderung hervorrufen. Der Zuruf „Toni, mach uns den Battiston“ für den auf den alleine heranstürmenden Gegner herauseilende Torhüter hat sicherlich eine leicht makabre Note. Ein 19-Jähriger wird bei Toni an Toni Kroos denken und bei Battiston vergeblich nach Dateien kramen. Von Mittvierzigern bekommt man dafür ein „Jaa, genau!“ oder ein „Uiuiuiui!“ zu hören. Und plötzlich steht man eben nicht knöcheltief im Hartplatzschlamm, sondern fühlt sich einen klitzekleinen Moment im WM-Halbfinale von 1982.

Wie dem auch sei – ich habe immer gerne gekickt. Nicht besonders gut, aber gerne. Umso erfreulicher, dass ich Ende November, gerade noch rechtzeitig vor Schuljahresende, einen kleinen Schubs bekam.

Ein Neuankömmling in Rio schrieb in einem Facebook-Post sinngemäß: „Jetzt muss ich nur noch eine Fußballtruppe finden.“ Ich wusste, dass nicht nur mittwochs die Lehrer gegen Schüler, sondern donnerstags einige Väter das Kicken auf dem Kunstrasenplatz der Schule pflegen. Übrigens ein überragendes Szenario, wenn das Flutlicht scheint, und der gute alte Christo oben auf dem Corcovado weiß strahlend auf den Spurtplatz herunterschaut. Er schaut uns sicher zu, da bin ich sicher.

Also schrieb ich: „Donnerstags mit den Vätern der Corcovado Schule.“

„Gehst Du dahin?“ kam die Antwort.

Bisher hatten mich immer wieder Väter, die ich kannte, darauf angesprochen und eingeladen, mitzukicken, hingegangen war ich bislang nicht.

Einige Tage später, ich glaube, es war ein Dienstag, wieder eine Nachricht. „Gehst du Donnerstag hin?“

„Können wir machen.“

Doch die Verabredung zerschlug sich. Doch wir nahmen uns fest vor, die darauffolgende Woche hinzugehen – dem letzten Donnerstag im Schulhalbjahr.

Kurzum: Das Kicken war super, wir gingen hinterher sogar noch ein Bier trinken, sodass sich Wiebke schon Sorgen gemacht hatte, als ich erst gegen Mitternacht heimkam.

Damit stand für mich auch schnell fest, doch noch ein oder zwei Jährchen dranzuhängen. Aber dafür bräuchte ich Fußballschuhe. Bislang hatte ich nämlich immer mit meinen Lauftretern gekickt. Die alten Fußballschuhe hatte ich im Keller gelassen.