Tropische Weihnachten – und Kafkas kurzes Gast-Comeback

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Alles bereit.

Ruhig, entspannt, heiß – müsste ich das gerade vergangene Weihnachtsfest mit drei Attributen umschreiben, es wären diese. Dabei war gar nicht so viel anders als sonst, abgesehen von den äußeren Bedingungen, natürlich.

Es gab einen Baum, einen Kirchenbesuch, Geschenke, ein feines Essen. Der Heiligabend verlief eigentlich fast so, wie all die Jahre zuvor. Manchmal hatten wir Wiebkes Eltern zu Gast, manchmal feierten wir alleine. Dann gingen wir zum Krippenspiel in St. Antonius, schön früh, um noch einen Platz zu bekommen.

In der deutschen Gemeinde hier braucht man nicht eine Stunde vorher die Sitzplätze reservieren. Es sind genug für alle da. An normalen Sonntagen kommen zehn, 15 Leute zum Gottesdienst. An diesem Heiligabend waren es sogar ein paar mehr, obwohl einige regelmäßige Besucher nach Deutschland gereist waren.

Unser Platz ist links vorne in der ersten Reihe. Dort sitzen wir immer. Und es reicht völlig, wenn man drei Minuten vor Beginn die klimatisierte Kapelle betritt. Nach einer knappen Stunde stehen wir wieder auf der Straße, 35 Grad Celsius. Die Sonne knallt. Tropische Weihnachten.

Natürlich ist es ruhiger auf den Straßen, als an anderen Tagen um diese Zeit. Aber nicht viel. Die meisten Läden und Geschäfte haben noch geöffnet. Der wichtigere Weihnachtsfeiertag ist der 25. Dezember.

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Heiligabend.

Daheim angekommen, decken wir den Tisch. Isaac und Christina wollen mit uns feiern – so kommen wir doch noch zu unserem Besuch. Und sie haben, extra für die Kinder, ihre Katze Kafka mitgebracht. Als Festessen hatten wir etwas überlegt, was sich gut vorbereiten lässt. Kein Bratvogel, wie hier sonst üblich, oder generell große geschmorte Fleischstücke. Bei uns gab es Gulasch, Apfelmus und Semmelknödel – allerdings in Gugelhupfform. Kann ich nur empfehlen, nachdem die letzten beiden Knödelversuche etwas in die Hose gegangen waren. Hier gelingt alles, bzw. kann nichts misslingen, oder besser, auseinanderfallen. Idiotensicher, das richtige für uns.

Ein Lied vor der Bescherung muss schon sein, zumal Edgar (Flöte) und Ella (Geige) tagelang diverse Lieder geübt hatten.

Für den ersten Weihnachtstag hatte ich einen Tisch in einer Churrasqueria reserviert. Wieso erster Weihnachtstag, eigentlich? In Brasilien gibt es nur den einen Tag. Am 26. Wird wieder fleißig gearbeitet. Den Test hatte dieses Restaurant beim Besuch mit Wiebkes Eltern bestanden. Kurz darauf, Ende Oktober, bestellte ich einen Tisch.

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Fein Essen gehen.

Was auch nicht die dümmste Idee war. Zwar gab es immer noch einige freie Tische für spontane Laufkundschaft, ansonsten war der Laden voll. Kurz hatte ich Bedenken bekommen, nachdem wir auf dem Hinweg an etlichen fest verrammelten Restaurants vorbeigekommen waren, die wir bislang immer offen gesehen hatten. Sollte ich mich mit dem Datum geirrt haben? Landet die Online-Reservierung wirklich direkt dort, wo sie hinsoll?

Ziemlich rund (die Badeklamotten haben wir auf dem Klo schnell untergezogen, nähere Details erspare ich Euch) traten wir wieder hinaus und taumelten hinunter zum Strand. Dort, so meine Theorie vor Weihnachten, müsste es ja an den Feiertagen ziemlich einsam zugehen, schließlich sind die Brasilianer ja doch recht katholisch und auch die evangelikalen Glaubens lassen sich das Weihnachtsfest bestimmt nicht entgehen.

Ich hätte aber schon auf dem Hinweg in der Metro skeptisch werden können. Die war nämlich proppenvoll. Und die meisten haben wir nun am Strand wiedergetroffen. Bei der Baraca „Miguel 68“, direkt am Strand vor dem Hotel „Copacabana Palace“ hat man an diesem Tag den ersten guten Umsatz des Sommers gemacht.

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Von wegen alleine am Strand.

Die Strandstühle und Schirme standen weit verbreitet und wenn jeder auch nur einen Drink bei „Miguel“ bestellt hat, konnte sich der Herr am Ende des Tages entspannt zur Ruhe setzen. So voll sah ich den Strand von Copacabana zuletzt an Carnaval. Klar, da hatten auch alle frei. Und es war Sommer.

Doch ein Plätzchen findet sich immer. Das Wasser war herrlich warm – pisswarm könnte man auch sagen – aber dafür relativ sauber, was feste Verunreinigungen wie Wasser, Becher, Melonenschalen oder Kondome betrifft. Wir mischten uns -so gut das als europäisches Milchbrötchen geht –  unter die überwiegend sehr gebräunten anderen Strandbesucher und genießen das quirlige Treiben um uns herum.

Eigentlich ist es uns schon fast zu voll, aber irgendwie hatten wir ja mit nichts gerechnet und so geht das ganz okay. Die Kinder plantschen vergnügt (Edgar vorher: „Och nö, keinen Bock auf Strand“) und buddeln fleißig Löcher.

Irgendwann wird es uns aber doch zu heiß. Wir beschließen, in einem der Kioske an der Promenade eine Kokosnuss zu trinken. (Edgar: „Äh, ich mag aber keine Kokosnuss“ irgendwie ist er in der Frühpubertät, scheint mir. Er bekam natürlich etwas anderes).

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Tischmusik

Auch dort ist man selten alleine. Beim ersten Versuch, etwas zu trinken zu bestellen, haben wir genügend Zeit, eine Mini-Sambatruppe mit teilweise selbstgebauten Musikinstrumenten am Nebentisch zu bewundern. Die Herren, alle schon etwas älter, haben es drauf, wir belohnen sie mit etwas Trinkgeld. Den Kioskbesitzer belohnen wir mit nichts. Fast leer, sechs Personen herumlaufen und niemand mag eine Bestellung entgegennehmen. Wir gehen weiter.

Und stoßen in der übernächsten Pinte wieder auf unsere Sambaboys. Sie stellen sich hinter den Kindern auf und spielen nun 2 Minuten exklusiv für uns. Da sie uns nicht wiedererkennen (wollen?) wird nochmal eine Spende fällig. Aber: Gut gespielt, Jungs! Und ‚ne Kokosnuss gab es auch für jeden.

Irgendwann haben wir genug von Hitze, Sonne, Samba – wir fahren zurück.

Abends sitze ich mit Wiebke auf unserem neuen Pallettensofa auf der Varanda (hatte ich das Teil schon erwähnt?). Da sagt Wiebke: „Das war ein schönes Weihnachten.“ Und fügt hinzu: „Ich hatte ein wenig Angst.“

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Sieht nicht ganz unglücklich aus, oder?

Nicht vor mir, oder vor uns. Aber, dass sie die Familie in Deutschland dann doch mehr vermissen würde und wehmütig würde. Sicher, es war anders. Und gerne hätten wir dieses Fest auch wie gewohnt gefeiert – war ja auch immer schön. Und nächstes Jahr wollen sie ja mit uns gemeinsam hier feiern.

Aber einsam waren wir, glücklicher Weise, nicht. Donnerstags haben wir das Fest quasi eröffnet mit dem kleinen Lord. Freitags waren wir bei Mariana und Kalli in Ipanema (ihr Sohn geht in Klasse der Kinder), haben dort Pizza gebacken, gelernt, wie man Joghurt selbst macht, und uns prächtig unterhalten. Erst gegen Mitternacht waren die Kinder im Bett.

Samstags dann Isaac und Christina. Und am 26. dann ein gemeinsamer Kino-Besuch mit Karoline, Tiago und Nina („Sing“ heißt der Film, großartig!). Mit ihnen werden wir auch wohl das neue Jahr begrüßen, am Strand von Copacabana.