Wie Facebook auf Dauer die Seele kaputtmacht

Ferien. Endlich! Große Ferien sogar. Und in ein paar Tagen ist Weihnachten. Eigentlich müsste die Stimmung doch top sein – Sonne satt, Strand, feiern und im Januar in Urlaub. Alles bestens.

Doch anstatt mich zu freuen sitze ich hier. Rechner an. Fassungslos, was da so abgeht. Bei Facebook, auf Twitter. Kaum fährt der Rechner hoch, schäumen Hassfantasien, Drohungen, Hetze heraus. Unkontrollierbar.

Facebook – das Soziale Netzwerk, das ich mal mochte. Als mir 2008 in einem Malaysia-Urlaub zwei Mädels aus Australien dies als neuen heißen Scheiß verkauften. Neugierig loggte ich mich ein, fand Bekannte und Freunde, die ich Jahre nicht gesehen hatte. Hier und da mal chatten. Da praktisch alles und jeder irgendwie darin vertreten ist, kann man bündeln, liken. So kam mit der Zeit ein hübsches kleines Netzwerk zusammen – achthundertirgendwas Kontakte in allen Ecken der Welt, viele Gruppen und Seiten.

Das bunte Spielzimmer wird zur Müllkippe

Facebook ist auf Zustimmung ausgelegt. Anfangs konnte man nur liken, den erhobenen Daumen zeigen. Inzwischen gibt es Wut-Emojis. Den gesenkten Daumen gibt es nicht. Man soll sich einrichten in einer Welt aus seinen Vorlieben, eine Art Wohlfühl-Spielwiese mit Freunden. Anfangs ging es nur um Hobbys und Interessen.

Dann entdeckten die Medien das Netz als Vertriebsweg für ihre Nachrichten und als Tool im Kampf gegen sinkende Auflagen und Reichweite. Facebook wurde politischer und ernster. Die große Party wurde mit der harten Realität konfrontiert. Plötzlich drang der Lärm der Straße hinein und mein kunterbuntes Bällemeer.

Kurze Zeit später kam der Dreck hinzu. Gruppierungen wie die AfD entdeckten Facebook als effektive Methode, ihre Scheißhausparolen über möglichst vielen Menschen auszukippen. Und mit der AfD und anderen zog der Hass ein.

Man kann sich kaum dagegen wehren. Es reicht, wenn ein Facebook-Freund anderswo einen Beitrag kommentiert. Passt es dem Algorithmus, der die Nachrichtenauswahl in der Timeline steuert, werden solche Beiträge in deinem Blickfeld sichtbar. Plötzlich ist Facebook voller Beschimpfungen, Verunglimpfung, Hetze und blankem Hass. Jetzt kommen auch noch gefälschte und bewusst falsche Nachrichten hinzu. Das freundliche, fröhliche Netzwerk ist gekippt. Es ist fast nur noch eine Müllkippe gefährlicher Weltbilder, kranker Geisteshaltung und jeder Menge ungebremsten Hasses.

Inzwischen habe ich keine Lust mehr darauf. Warum? Es begann vorige Woche. Ein rechtsextremer Rapper und selbsternannter Aktivist mit mehr als 30.000 Followern hatte einen Screenshot des Treppentritts gepostet. Ein Mann tritt einer Frau auf einer Treppe in den Rücken. Sie stürzt, verletzt sich. Der Mann und seine Kumpels ziehen seelenruhig von dannen. Darüber der Text (sinngemäß): Eilmeldung, sofort Abschieben. Vielmehr war es nicht.

Treppentritt markiert einen Tiefpunkt

Das Video hatte in den Tagen zuvor die Runde gemacht. Die Polizei hatte es zu Fahndungszwecken veröffentlicht. Über den Täter wusste man bis dato nichts.

Das schien dem Nazi-Rapper egal. Sein Post implizierte eindeutig: Hier ist ein krimineller Flüchtling zu sehen, wie er ein Verbrechen begeht. Und der ohnehin aufpeitschten Volksseele reicht das als Beweis aus, um asozialste Beschimpfungen von der Kette zu lassen. Forderungen nach „Vergasen“ der Person werden skandiert, sadistische Gewaltfantasien.

Es sind mehrere hundert Kommentare, es werden minütlich mehr. Ich will mich dagegen stemme, frage, ob es schon reicht, ein verschwommenes Fotos zu veröffentlichen, ohne Informationen zur Person, um einen Täter bereits zu verurteilen. Mahne, in die Arbeit der Justiz zu vertrauen – immerhin ist Deutschland ein Rechtsstaat (den genauen Wortlaut habe ich leider nicht mehr. Zwar hatte ich den Thread, die Diskussion gespeichert, offenbar wurde sie jedoch komplett gelöscht). Aber Besonnenheit will niemand hören. Ich like einige Kommentare von Personen, die ähnliche Absichten zu haben scheinen wie ich. Doch wir sind ganz deutlich in der Unterzahl, werden mitgerissen im Abwärtsstrudel.

Das Chatfenster springt auf. Ein wildfremder Mensch bedankt sich für meinen Support. Ichversichere ihm, dass wir auf der richtigen, der guten Seite kämpfen und bitte ihn, nicht aufzuhören dagegenzuhalten.

Ein kleines Gespräch entsteht. Ich schaue auf das Profil der Person, will wissen, mit wem ich es zu tun habe. Wobei man vorsichtig sein muss – Angaben in einem Facebook-Profil entsprechen nicht immer der Wahrheit. Ich scrolle die Timeline entlang, sehe drei junge Männer herumalbern – kahlgeschoren, Poloshirt, Hosenträger – offenbar aus der Skin-Szene.

Das muss nichts heißen. Nicht jeder Skin ist ein Nazi. Da gibt es Unterschiede, die aber die wenigsten kennen. Differenzieren ist zur Zeit nicht sehr in Mode. Ich bin auch verunsichert. Diskutiere ich jetzt hier mit einem Skinhead? Ich frage nach – Entwarnung. Redskins, also linke. Zur Erklärung: Linksradikale „Skins“ stehen in besonderer Opposition zu den von ihnen so genannten Boneheads, den rassistischen Skinheads. Alles gut.

Man fühlt sich in der Unterzahl

Derweil poppt ein zweites Chatfenster aus. Die Person kenne ich tatsächlich, aus Frankfurt. Wir hatten früher schon Kontakt. Wir tauschen unsere Beobachtungen im Alltag aus. Sie arbeitet in einem Hort, berichtet, was Kinder dort zum Thema Flüchtlinge so alles von sich geben. Oder was Nachbarn von ihr so bei Facebook posten. Einer ist Polizist. Sie überlegt seit längerem ihn anzuzeigen. Wir versuchen uns Mut zu machen. Fühlen uns aber eigentlich zunehmend hilflos.

Ich fühle mich  ohnmächtig ob der scheinbaren Übermacht der so genannten besorgten Bürger, die den Umgang mit Facebook & Co perfektioniert zu haben scheinen. Plötzlich bin ich froh, wenn ich auf halbwegs gleichgesinnte stoße, noch klar denkenden Menschen, auch wenn es teilweise Fremde sind. Unbewusst sucht man den Kontakt, man rückt zusammen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, beklemmend. Mich erinnert das an Filmszenen aus Kriegsdokumentationen, wo Menschen in Kellern kauern, sich Trost spenden und warten, bis der Fliegerangriff vorüber ist.

Eine Stunde ist rum – ich muss da raus. Rechner aus. Handy – auf dem die Facebook-App auch ist, weg. Nicht mehr draufschauen, nicht bei jeder Benachrichtigung reflexartig hingreifen. Es fällt schwer, ziemlich schwer.

Meine Laune ist versaut, fast für den Rest des Tages. Unglaublich, wie sehr einen dies doch emotional mitnimmt. Eigentlich sollte Facebook doch das Gegenteil dessen sein. Inzwischen ist es öfter so, dass mit der Besuch darin aufs Gemüt schlägt.

Laune für den ganzen Tag versaut

Posttraumatische Belastungsstörungen, das attestierten Reporter der Süddeutschen (übrigens keinesfalls exklusiv, wie angekündigt) den Mitarbeitern des Subunternehmers, der im Auftrag von Facebook das Netzwerk vom gröbsten Dreck freihalten soll: Gewaltvideos, Pornografie, Lügen, Hetze. Mehr als 600 Mitarbeiter hat ein Berliner beschäftigt, die rödeln rund um die Uhr. Sie schauen im Akkord solche Videos und Bilder an und müssen innerhalb von Sekunden entscheiden. Keine eingehende Prüfung. In dieser Zeit kann man ein paar Kriterien durchleiern – viel rutscht aber durch.

23 Beiträge aus der oben genannten Diskussion hatte ich gemeldet. Eindeutiges Zeug, dachte ich. Sieht man wohl dort etwas anders. Ein einziger Beitrag, der mit dem „Vergasen“ wurde tatsächlich gelöscht. Der Rest ging anscheinend noch. Sicher: Man muss auch an das Geschäftsmodell von Facebook denken.

Gesund ist das alles aber nicht. Dass dies auf Dauer mindestens abstumpft, mit Sicherheit aber auch krank machen muss, ist klar. Seelisch krank meine ich. Entsprechende Betreuung? Gibt es nicht.

Facebook macht die Seele krank

Politiker wie Justizminister Maas über sich in Kritik, treffen sich sogar mit Chefs des Netzwerks, wollen es dazu zwingen, stärker regulierend einzugreifen. Notfalls auch per Gesetz. Erfolgsaussichten? Würde ich als gering ansehen. Facebook ist ein Geschäft, ein Unternehmen mit Sitz in den USA. Nationale Bemühungen können einem global aufgestellten Unternehmen heute wohl kaum noch gefährlich werden.

Das soziale Netzwerk ist zum asozialen Netzwerk verkommen. Vielleicht ist es zu schnell gewachsen. Vielleicht hatte man seitens Facebook das Problem bislang nicht erkannt. Fakt ist: Dort verbreitete Fake-News gewinnen Wahlen, wichtige Wahlen, machen unberechenbare Hitzköpfe zu Präsidenten der USA. Was kann das Netz noch alles? Wird es Deutschland möglicherweise eine rechtsextreme Regierung bringen? Sicher nicht 2017, aber was ist in vier oder acht Jahren. Ich hätte das nie für möglich gehalten. Inzwischen ist es sehr gut vorstellbar.

Es muss also der einzelne einen gesunden Umgang damit lernen und selber sehen, welche Dosis auf Dauer erträglich ist. Ich persönlich werde mich einschränken. Weniger virtuelle Welt, mehr echte Welt. Denn dort geht es, Gott sei Dank, noch gesitteter zu. Facebook ist kein Abbild der Gesellschaft, es ist ein Zerrbild, ein Verstärker von Emotionen und Meinungen. Zumindest hoffe ich das. So ganz sicher bin ich mir da manchmal nicht mehr.

Einzelmeinungen, die normalerweise kaum gehört werden können, entsprechend orchestriert und geschickt gestreut, gewaltige Wellen verursachen – eine vergleichsweise große, ähnlich gesinnte und aktive Gruppe vorausgesetzt. Diese zu mobilisieren, das haben sie gelernt, die Schreihälse, Hetzer, Stänkerer. Immerhin: Das Profil des Rappers und Aktivisten wurde anscheinend von Facebook gesperrt. Am nächsten Tag war er wieder da, neues Profil, schon wieder mehr als 7000 Fans mit kämpferischer Ansage „Wir werden immer mehr“. Er ist wie die Hydra in der griechischen Mythologie: Schlägst du einen Kopf ab, wachsen an der selben Stelle zwei neue nach.

Gäbe es ein alternatives Netzwerk, in dem es gesitteter zugeht – ich wäre sofort dort.