Weihnachtliches Karbonmonster: Ein Tännchen, please!

Der Weihnachtsbaum steht öd‘ und leer – klar, der Dezember ist ja auch noch einstellig. Was soll da also die Hektik? Was in Deutschland völlig normal ist, ist für brasilianische Verhältnisse aber allerhöchste Eisenbahn. Warten, bis zum 23. Dezember, und dann schön am Vorabend des Heiligabends den Baum schmücken? Pff! In Brasilien steht die Tanne ab dem ersten Adventssonntag kerzengerade.

Da staunten die Kinde, als wir vor 14 Tagen nach Hause kamen und im Foyer des Hauses ein mehr oder weniger geschmackvoll geschmückter Baum samt Krippe leise vor sich hinblinkte. Bis dahin hatten wir die Entscheidung wann wir etwas schmücken wollen – und vor allem was überhaupt – nach allenfalls kurzem andenken auf Wiedervorlage in drei Wochen gelegt.

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So sieht ein Baum aus. Wenn auch kein echter.

Doch so einfach ist das nicht. dienstags drauf fragte mich Sprachlehrerin Karla halbwegs entsetzt, ob wir denn etwa keinen Weihnachtsbaum hätten? Auf meinen Einwand, das hätte doch Zeit und außerdem gebe es doch Wichtigeres zu tun, erntete ich Entrüstung. Aber die Kinder und überhaupt, das ist doch so schön und toll und stimmungsvoll und da kann man doch nicht… Stop! Ist ja gut, ich habe verstanden.

Wenige Tage später gingen Wiebke und ich einen Baum kaufen. Nein, keine echte Tanne. Die gibt es hier nicht. Außerdem wären die innerhalb weniger Stunden vertrocknet und damit ein erhebliches Sicherheitsrisiko in der Stadt. Mag gar nicht daran denken, wenn irgendwo ein Baum Feuer fängt und die Bombeiros mit dem Leiterwagen im Stau stecken, weil sich niemand darum kümmert, wenn hinter ihm ein Auto mit Sirene und Blaulicht kommt.

Weihnachtsbäume in Brasilien sind aus Plastik. Was praktische Seiten hat. Unser Baum, 1,50 m groß, braucht keinen schweren Ständer. Er ist leicht und zusammenfaltbar. Wer mag, kann seinem Bäumchen mit den verdrahteten Ästen eine individuelle Sturmfrisur verpassen, oder diese so gleichmäßig versuchen hinzubiegen wie bei einem Bilderbuchbaum. 39 Reais kostet das Teil – 11 Euro. 39 Euro kostete in Deutschland bisher ein Baum ähnlicher Größe schnell. Und der hielt nur eine Saison. Bei guter Pflege sind bei unserem mehrere Jahre drin. Auch wenn wir ihn nur zwei Mal brauchen werden.

Deko muss auch her. Und wenn schon Plastik, dann eine bunte Lichterkette, bitteschön! Und rote Kugeln, jede Menge, matt und glänzend. Hilft ja nix.

Nun müssen wir nur noch einen Zeitpunkt finden, diesen überflüssigen Auswuchs des Karbonzeitalters zu schmücken. Innerlich wehre ich mich noch, doch die Kinder fragen jeden Tag schon danach. Wahrscheinlich wird es also an diesem Wochenende geschehen. Am dritten Advent! Sagenhaft.

Aber immerhin haben wir einen Baum. 20 Jahre lang gab es auch der Lagoa, das ist eine Lagune, die neben all den Felsen in der Stadt ein weiteres natürliches Verkehrshindernis darstellt, einen schwimmenden Weihnachtsbaum. Tierisch hoch, tausende Lichter. Voriges Jahr war das Teil in einem Gewittersturm teilweise eingestürzt. Heuer besteht die Gefahr nicht. Es gibt nämlich keinen Baum. Nix, nada, nicht mal ein Tännchen wie unseres. Bradesco, Versicherungsunternehmen und in den letzten Jahren Sponsor des Baums, hat sich entschlossen, die – wie man sagt 5 Millionen Reais – zu sparen und keinen Baum zu sponsern. Bradesco war auch schon Spondor der Olympischen Spiele und irgendwann ist ja auch mal gut mit Geld verplempern, wenn es gesamtwirtschaftlich eher unrund läuft. Kann man irgendwo verstehen.

Aber auch andere Unternehmen ließen sich nicht bewegen. So wird das Jahr 2016 als das erste im Jahrtausend in die Geschichte eingehen, in dem auf der Lagoa in Rio kein Weihnachtsbaum schwamm und wir uns einen Plastikbaum zulegten. Und wollen wir wetten, dass ihr das noch nicht wusstet? Nadeln tut ernämlich auch, der Plastikbaum.