Black Friday: Konsumfest mitten in der Krise

img-20161125-wa0003

Bier gehört zu beliebter Aktionsware.

Black Friday, also den schwarzen Freitag kannte ich bislang nur von der Börse. Black Sabbath auch. Aber Black Friday im normalen Einzelhandel? Für Sprachlehrerin Karla eine große Nummer. Zum Unterricht hat sie den Angebotszettel eines Supermarkts mitgebacht.

„Hier, schau, Dosenbier echt günstig!“ Sagt sie mit dem Zettel wedelnd. „Gehst Du da auch hin?“, fragt sie.

„Macht man das hier?“

„Ja klar! Wahrscheinlich werden sich die Leute schon für Weihnachten und Silvester eindecken. Ganz sicher.“

„Aber dann gibt es ja bestimmt riesige Schlangen an der Kasse!“ (als ob die jetzigen nicht schon reichen würden). „Da wäre es ja schlau, den Lebensmitteleinkauf schon am Donnerstag zu machen.“

„Nein, Andi! Die Angebotegelten doch nur am Freitag!“

Bin ja nicht blöd. Aber wegen ein paar Dosen Bier oder Flaschen Wein extra lange in der Warteschlange stehen?

Am Freitagmorgen um 7.08 Uhr betrete ich den Supermarkt Pao de Acucar. Einige Sachen brauchen wir, aber ich bin in erster Linie neugierig. Überall schwarze Luftballons, Palletten mit Aktionsware, zusätzliches Sicherheitspersonal. Auch schwarz.

img-20161125-wa0014

Wie nach dem Bombeneinschlag.

Das Regal, in dem das günstige OMO-Flüssigwaschmittel stand, ist leer. Eine Frau mit einem Einkaufswagen kommt mir entgegen. Darin: mindestens fünf der OMO-Flaschen, je 5 Liter. Günstig wäre der frische Orangensaft gewesen: Nimm drei, zahl eine! Auch schon weg. Wie gesagt: Es ist 7.15 Uhr inzwischen. Importkäse ist auch ein Black-Friday-Schnäppchen. 100 Gramm Gouda statt 6.99 Reais (2 Euro) nur 2.99 (80 Cent). Endlich mal ein halbwegs akzeptabler Preis. Ich nehme 2 Stücke. Außerdem Flüssigwaschmittel von Ariel (halber Preis), eine Flasche Rotwein (halber Preis, immer noch 9 Euro) und zwei Becher Haagen Däsz-Eis. Halber Preis steht dran. Zu Hause sehe ich: von wegen. Voll abgerechnet – Ersparnis quasi egalisiert.

An den Kassen dauert es gar nicht länger. Alle acht Kassen sind besetzt. Sonst höchstens zwei. Am Ende bin ich ein wenig enttäuscht vom ach so tollen Black Friday.

Ich wäre es auch geblieben, hätte ich nicht am Abend nach 22 Uhr noch ein Geschäft von Lojas Americanas in Laranjeiras betreten. Ein riesiger Laden, mehr als hundert Meter tief, so tief, wie ein ganzer Block. Kassen an beiden Seiten.

Es sieht aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Palletten mit Aktionsware auseinandergerupft, zugerümpelt mit anderen, wohl irgendwann doch nicht mehr erwünschten Produkten. Ein totales Chaos. Morgens mag es mal eine gewisse Ordnung gegeben haben. Jetzt sieht es aus, als hätte man die Regale blind bestückt.

img-20161125-wa0015

Die Kundenmassen hinterlassen Spuren.

Die Kassen sind alle besetzt. Bei Americanas schlängeln sich die Wartenden durch ein Labyrinth aus Aktionsware. Vielleicht findet man beim Warten ja doch noch Gefallen an den ausgestellten Süßwaren. „Penner-Renner“ nannte meine frühere Tankstellenchefin die Schokoriegel und Flachmänner vor der Theke. Sie waren die besten Umsatzbringer.

Bei genauerem Hinsehen stelle ich fest: Die Schlange geht noch weiter. Eine Frau mit grünem Top hat es fast geschafft, die Kassenzone ist in Sicht. Sie wartet bereits zwei Stunden, sagt sie. Ganz ruhig steht sie da. Wohl auch noch die nächsten Stunden. Hinter ihr haben sich noch einige eingereiht, nein, Viele. Sau viele. Die Schlage geht fast bis an das Ende des Ladens. 50, 60, 70 Meter. Einkaufswagen, vollgestopft. So muss es ausgesehen haben, wenn es irgendwo in der DDR Bananen zu kaufen gab.

Um die Ecke ist eine Snackbar. Doch weil die Ladenangestellten irgendwann ja auch Feierabend haben wollen, wird dort ebenfalls kassiert. Die Schlange dort ist nur unwesentlich kürzer. Die meisten werden den Laden wohl nicht vor Mitternacht verlassen.

Im Unterschied zu Deutschland bemerkt man bei den Wartenden keinerlei Ungeduld. Fast schon stoisch. Kein Gemotze, keine Aggressivität. Kein Kleinkrieg, mit dem Vor- oder Hinterstehenden. Man unterhält sich oder starrt, wie sonst auch, auf das Smartphonedisplay. Ich bin kurz davor mit auch etwas zu schnappen, irgendwas. Nur, damit ich mich einreihen kann, in das Heer der Wartenden. Ich möchte auch Teil dieser friedlichen Demonstration sein, von der sich jede Mahnwache eine dicke Scheibe abschneiden kann.

img-20161125-wa0008

Weihnachtsbäume. Praktisch, stapelbar, nicht verderblich.

Dabei sind es gar nicht Elektroartikel, Konsumgüter oder Spielzeug, was sich da in den Wagen und Körben türmt. Von wegen Weihnachtsgeschenke kaufen . Das war der ursprüngliche Gedanke des Black Fridays, natürlich in den USA, wo ja auch der Valentinstag herkommt. Der Muttertag auch? Ich weiß es nicht. Es sind Dinge des täglichen Lebens, die hier ein paar Reais billiger zu bekommen sind: Shampoos, Unterhosen, ab und zu Süß- oder Knabberkram. Dinge, die man sich jetzt, heruntergesetzt, vielleicht ein wenig eher leisten kann. Wir erinnern uns: Brasilien steckt in der Wirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Leute haben weniger in der Tasche. Das merkt man. Hier geht es nicht darum, es sich gut gehen zu lassen.

Die allgemeine Stimmung wird ruppiger. Neben der deutschen Schule ist die Favela SantaMarta. Eigentlich eine Vorzeigefavela. Die erste, die vor der WM 2014 befriedet wurde. Vor ein paar Tagen gab es dort Schusswechsel. Auch in anderen Teilen der Stadt wird wieder häufiger geschossen. Die Olympiaparty ist rum, die Stadt ist pleite. In einem Monat ist Weihnachten.