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Sieben Gründe, weshalb Brasiliens Tourismus schwächelt

Warum reist niemand nach Brasilien? Keine Sorge, wir fühlen uns nicht vernachlässigt und rufen um Hilfe. Die Frage warf dieser Tage eine brasilianische Website auf  – angesichts der Statistiken des World Travel & Tourism Council (WTTC) über den weltweiten Tourismus. Trotz Krisen und Kriegen boomt dieser, verzeichnet seit fünf Jahren ununterbrochenes Wachstum.

Nur in Brasilien schein man davon nichts zu merken. Dort sind die Zahlen seit 1998, also fast 20 Jahren auf dem nahezu identischen Wert von 5 Millionen ausländischen Besuchern zementiert. In anderen Statistiken liest man von rund 6 Millionen. Trotz WM, trotz Olympischer Spiele, trotz Weltjugendtags und anderer Großveranstaltungen.

12717652_945961068806079_5516583768760969010_nAuf die eine Million mehr oder weniger kommt es da kaum an. Vergleicht man das mit anderen Ländern, landet Brasilien irgendwo um Platz 40, bei Ländern wie Tunesien oder dem Iran. Eine Touristenhochburg sieht anders aus.

Woran liegt es? Einige Thesen.

Südamerika ist keines der großen politischen Krisengebiete. Sieht man mal von Venezuela ab, wo die Lage wirklich ernst ist, herrscht in Südamerika weitestgehend politische Stabilität.

Gut, schaut man sich da Brasilien etwas genauer an, dürfte man fragen, was genau unter politischer Stabilität zu verstehen ist. Dennoch: Bei allem politischen Chaos und wirtschaftlichem Taumel, kann man nach wie vor halbwegs unbesorgt nach Brasilien reisen. Länder wie die Türkei, Ägypten und auch Tunesien haben da ganz andere Sorgen.

Brasilien steht zwar nicht am Rande eines Krieges, ein Gewaltproblem hat das Land trotzdem. Und auch das mit dem Krieg sehen einige Bewohner mitunter ganz anders. Die Kriminalitätsrate ist ausgesprochen hoch, gerade in den großen Städten wie Rio oder Salvador, die beide Touristenhochburgen sind. Gerade vor den Olympischen Spielen wurde das Thema wieder hochgekocht. Und kaum ein Tag, auch während der Spiele, an dem es nicht in einer der großen Favelas knallte. Touristen, die sich nach Brasilien trauen, tun gut daran, sich an einige Verhaltensregeln zu achten. Nichts desto trotz ist es nicht so schlimm, wie vielerorts zu lesen war.

Warum klappt es in Südafrika?

Ungefährlich ist es in Ländern wie Südafrika auch nicht. Es liegt ebenso weit ab vom Schuss wie etwa Brasilien. Touristen dürften von beiden Ländern Ähnliches erwarten: Viel Natur. Was Südafrikas Krügerpark, ist Brasiliens Amazonas.

Dennoch kommen im Jahr rund 10 Millionen Besucher, doppelt so viele wie nach Brasilien – obwohl auch dort das Gefälle zwischen Reich und Arm ähnlich hoch ist und Gewalt und Sicherheit ebenfalls ein nicht zu kleines Problem darstellen.

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Santa Teresa in Rio.

Ein wichtiger Grund dafür: In Südafrika spricht man Englisch. Durch die Bank. Egal, wohin man kommt, mit Englisch kann sich jeder verständigen. Als Tourist kann man es auch hier und da mit seinem Volkshochschul-Xhosa versuchen – aber Englisch ist einfach eine Bank. In Brasilien jemanden zu treffen, der mehr als nur drei Brocken Englisch spricht ist ein ausgesprochener Glücksfall. Hinzu kommt: Internetseiten sind oft nur einsprachig. Genau, Portugiesisch. Das dürfte eines der größten Probleme des Tourismus in Brasilien sein. Englisch als Verkehrssprache ist hier einfach noch nicht angekommen.

Zweiter Vorteil Südafrikas: Man braucht weniger Impfungen und muss sich um Krankheiten wie Dengue oder Zika, für die es bislang keine Prophylaxe gibt, Sorgen machen. Reist man ins Amazonasgebiet, spielt auch noch Malaria eine gewisse Rolle. Inzwischen steigen auch die Ansteckungen  mit Syphilis wieder. Gewiss: Zika verläuft in der Regel harmloser als man denkt und nicht jeder Stich verursacht gleich eine Infektion, doch wenn die Reisevorbereitung zu aufwendig und kompliziert wird, bleibt man halt lieber gleich ganz weg. Gibt ja genügend Alternativen.

Hygiene ist sicher auch noch ein Stichwort, das manch einen von Brasilien fernhalten könnte. Nur knapp die Hälfte aller Haushalte ist ans Kanalnetz angeschlossen. Das heißt im Umkehrschluss. Der Rest ist es nicht. Abwässer laufen im großen Stil ungefiltert ins Meer. Seit den Olympischen Spielen ist die Guanabara-Bucht als größte Kloake der Welt in aller Munde. Touristen kommen meist über den Flughafen Geleao in Rio ins Land. Von dort führt die Autobahn entlang der Bucht hinein in die Stadt. Es stinkt erbärmlich. Kein guter erster Eindruck. Auch Leitungswasser kann man, anders als wieder in Südafrika, nicht trinken.

Umgang mit der Umwelt tut weh

Überhaupt das Thema Umweltschutz. Es tut schon fast weh zu sehen, wie sorglos die Brasilianer mit der Ressource Natur umgehen. Gut, davon gibt es ziemlich viel in Brasilien. Aber eben auch viel, was man versauen kann. Müll findet sich überall, an jedem Strand. Die Strände von Copacabana uns Ipanema müssen jede Nacht gereinigt werden, damit sie am nächsten Morgen wieder benutzbar werden. Selbst drei Meter neben Mülltonnen liegt Müll. Im Park, am Straßenrand. Hier mangelt es am Bewusstsein. Fortschritte, daran was zu ändern, sieht man nicht. Das Potenzial ist gewaltig, doch niemand scheint es zu jucken.

Brasilien ist gewaltig groß. Von Rio bis Manaus im Amazonas fliegt man 5 Stunden. Um das Land zu bereisen, muss man gewaltige Strecken zurücklegen. Das geht am besten im Flugzeug, ist jedoch entsprechend teuer. Überlandbusse gibt es auch, brauchen aber Zeit. Beispiel: Von Rio nach Sao Paulo fliegt man 45 Minuten. Der Bus braucht 6 bis 7 Stunden – je nach Verkehr. Hinzu kommt: Gerade einmal 10% des Straßennetzes, so sagt man, sind überhaupt geteert. In Sachen Infrastruktur ist Brasiliens Hinterland noch immer Dritte Welt.

P1040927Marketing. Kleines Beispiel, die Karibikinsel Curacao. Klein, aber auf Zack, wenn es um die Selbstvermarktung geht. Eine Berliner Agentur betreut den touristischen Online-Auftritt der Insel. Und der ist Vorbildlich: Inhalte in fünf Sprachen abrufbar. Übersichtlich, alle Sehenswürdigkeiten sofort auffindbar, mit weiterführenden Informationen und Links. Selbst Individualreisende fühlen sich hier gut aufgeheben, verrät die Seite doch einige „Geheimnisse“. Kontaktanfragen werden fix beantwortet, es gibt sogar einen Pressebereich mit allerhand Material und auch noch leicht zugänglich.

Und Brasilien? Ein einheitliches Tourismuskonzept scheint ebenso weit entfernt, wie stabile politische Verhältnisse. Jeder wurschtelt vor sich hin. So bleibt eine Menge Potenzial auf der Strecke. Wer etwas sucht, ist oft verloren, scheitert nicht selten an der Sprachbarriere.Für Brasilienreisede gibt es zwei Möglichkeiten: Teure Komplettpakete von Deutschland aus buchen und dabei keinen Einfluss auf die reisegestaltung zu haben, oder man sucht und klickt auf eigene Faust. Dafür braucht man jede Menge Zeit. Ein Paradebeispiel für mangelndes Marketing ist der Niemeyer-Weg in Niteroi.

Anfang des Jahrtausends hatte man diesen Makel scheinbar erkannt, hatte man sogar ein Ministerium für Tourismus geschaffen. Doch der Ministerposten scheint ein heißer Stuhl zu sein, in kurzen Abständen wird gewechselt. Zuletzt war jemand am Ruder, dessen Frau sich gleich in Pose zu werfen wusste: Nur bekleidet mit einer Schärpe posierte sie vor den Regierungsgebäuden in Brasilia.