Regen am Meer – Shopping Mall als Rettungsring

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Hostel aus Hütten.

Bisher hatte ich wenig Verständnis für Brasilianer, deren Wochenendprogramm darin besteht, den ganzen Tag in Shopping Malls abzuhängen. Seit vergangenem Wochenende weiß ich nun, wie sich das anfühlt.

Unsere Wahl fiel auf die Mall Recreio Shopping. Nicht etwa, weil siese besonders toll wäre. Nein, sie war die nächstgelegene, um uns bei Dauerregen auf andere Gedanken zu bringen. Wir hatten geplant, das verlängerte Wochenende in Recreio zu verbringen, einem Vorort oder sogar schon Stadtteil von Rio. Dieser liegt im Süden der Stadt, gleich hinter Barra de Tijuca, direkt am Meer und soll ein Paradies für Surfer sein. Also nix wie hin, dachten wir. Drei Nächte im Hostel O Encontro gebucht und ab. Bei schönem Wetter wäre das sicher ein Traum gewesen. Doch Sonntag und Montag regnete es in einem fort.

Andere Attraktionen gibt es dort nicht. Also: Shopping Mall. Gegen 10 Uhr liefen wir los: Regencape an und ab durch den Regen, sollten ja nur 10 Minuten sein.

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Hütte von innen.

Recreio hatte ich mit anders vorgestellt. Nobler. Schließlich soll der frühere Fußballer Zico dort leben. Doch Recreio ist anders: Jede Menge Leerstand, offenbar eine geplatzte Spekulationsblase. Beinahe jedes zweite Haus oder Apartment steht zum Verkauf. Selbst direkt am Strand sieht man in den Apartmentblocks etliche Leerstände.

Klar, was soll man auch hier? Zum Pendeln in die Stadt ist es zu weit. Zwei Stunden braucht die einfache Strecke minimum, inklusive zwei- bis dreimal umsteigen. Zu arbeiten gibt es hier vielleicht im Einzelhandel, als Verkäufer oder im Kleingewerbe. Sonst ist dort nichts.

Der Fußweg entlang einer der Hauptverbindungen führt durch ein Viertel, dass man wohl getrost als Favela bezeichnen könnte. Ich merke, wie meine Anspannung steigt. Ich werde unruhig. Ist es schlau, hier hindurch zu laufen? Schließlich sieht jeder gleich, dass wir hier fremd sind. Doch es geht gut. Taxi gab es aber auch eh keins. Weitergehen alternativlos? Ja.

Gegen 10.45 Uhr sind wir da. Nass. Wo ist der Eingang? Brasilianische Malls sind nur vom utofahrer her gedacht. Gehweg? Wofür? Ein Hotel ist im Komplex integriert. Wird ja wohl dort einen Eingang geben. Gibt es, wie uns ein Mann mitteilt, der uns am Aufzug abfängt – eine Art Vor-Empfangsschalter. Er fährt mit uns hinunter in die Tiefgarage. Dort weist er uns den Weg zu einer Rolltreppe.

Die Läden sind um diese Zeit noch zu. 11.07 Uhr ist es, wie uns eine Sicherheitsfrau mitteilt.

„Wann öffnen die Läden?“

„13 Uhr.“

„Die Restaurants?“

„Schon um 12 Uhr.“

Prima, ist ja schon bald.

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Langsam geht es los.

So fühlt sich also ein Shopping-Mall-Nachtwächter auf Schicht. Alles verrammelt, alles dunkel. Wir schlendern trotzdem. Am anderen Ende ist ein Supermarkt. Pao de Acucar, der ist schon geöffnet! Abgesehen von uns sieht man nur ein paar Frühaufsteher in Jogginghosen Besorgungen machen. Schön leer ist es ja.

Mit viel Ruhe, und ohne auch nur einen Gang auszulassen, kaufen wir zwei Flaschen Wasser und gehen wieder raus. 11.50 Uhr.

Vielleicht mal schauen, was so im Kino läuft? Dort ist alles dunkel noch. Und abgesperrt. Aber es sieht so aus, als liefe Trolls. Den hatten die Kinder schon am Wochenende zuvor gesehen. Läuft aber nichts anderes. Beginn: 15 Uhr. Also noch Zeit.

Wir schleichen durch den Foodcourt und versuchen etwas zu finden, das uns für das bevorstehende Mittagessen  besonders zusagt. Dabei achten wir nicht nur auf die Speisen, sondern auch das Ambiente. Schließlich müssen wir ja eine ganze Weile dort abhängen und Zeit totschlagen.

Hatten wir nicht irgendwo ein Hinweisschild auf die Restaurantkette Outback gesehen? Als wir das erste Mal dort waren – irgendwann im Februar – hatten wir eine Art Piepser bekommen, wie ihn auch Ärzte haben. Der Laden war rappelvoll, wir mussten warten. Als wir nun ankamen, war das Restaurant erst eine Viertelstunde geöffnet. Trotzdem waren schon allerhand Leute dort. Einen Tisch bekamen wir aber dennoch sofort. Muss ja auch einen Vorteil haben, wenn man schon so früh da ist. Sogar am Fenster. Mit Blick auf den absaufenden Parkplatz.

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Alberne Bilder.

Auf gemütliches Zeitverbummeln ist man bei Outback nicht eingestellt. Alles geht hier zackzack! Brot mit Butter vorweg, gleich hintendrauf der bestellte Hauptgang. Kling klong, die Eisteebehälter, halb Tasse, halb Karaffe, sind auch schon da. Kaum zu Ende gekaut die Frage nach dem Nachtisch. „Nein, danke.“

„Noch ein Getränk?“

In der Karte ist ein kostenloser Refill angekündigt. Nein, nur für die Kinderbecher. Aber ich habe es doch gelesen. Ich schwöre!

Gegen 13.15 Uhr ist der Laden wieder rappelvoll, wir sind satt und auf dem Weg zurück in die Mall. Es regnet ja immer noch.

Aber nun haben die Läden geöffnet! Gut, den einen, eine Filiale von South (T-Shirts, Shorts, Jeans), gibt es eigentlich auch bei uns in Botafogo direkt um die Ecke. Drin war ich eigentlich aber nur einmal kurz. Nun habe ich mal Zeit zum stöbern.

Eigentlich will ich nur gucken. Aber die T-Shirts gefallen mir, sind auch nicht teuer. Das scheint der Verkäufer zu merken. Er ist hellwach, freundlich aber nicht aufdringlich – guter Mann. Am Ende verlassen wir den Laden nach mehr als einer Stunde mit zwei dicken Tüten. Hat sich doch gelohnt.

Die Stimmung ist okay, bleibt noch ein Bisserl Zeit für Albernheiten. Dafür hat uns die Mallverwaltung netterweise ein Surfbrett und einen Art Skateboardbahn mit Fototapete zur Verfügung gestellt. Auch unser Motiv für die Weihnachtsport haben wir dort gefunden.

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Was andere Leute so machen.

Inzwischen hat auch die Kinokasse geöffnet. Bis auf vier Plätze, di im hinteren Drittel bereits vergeben sind, haben wir freie Auswahl. Die Kinder wollen weit nach vorne. Reihe D, 6-9. Alles klar. Der Film, wie gesagt Trolls, wird so fast zu einer Privatvorstellung. Denn mehr wollen an diesem Tag den Film nicht sehen.

17 Uhr, der Film ist rum, ein ganzer Tag in einer Shopping Mall beinahe totgeschlagen. Das ist der richtige Ausdruck. Normalerweise hätte eine Stunde gereicht, um alles zu sehen. Wir waren aber gezwungen, das so genannte Einkaufserlebnis künstlich in die Länge zu ziehen. Extrem zu ziiiiiieeeeehen.

Im Supermarkt kaufen wir noch schnell für ein Abendpicknick ein (es gibt eine kleine überdachte Terrasse). Nach zwei Runden Kniffel gehen die Kinder irgendwann ins Bett. Wir beschließen, am nächsten Tag wieder Heim zu fahren. Meer im strömenden Regen ist kein Bringer.