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Rabattaktion: Kampf ums Messer

Mit dem Vertrauen der Supermarktkette Pao de Açucar in seine Mitarbeiter scheint es nicht sehr weit her zu sein. Denn bei einer Rabattaktion stellt man sich teilweise derart hölzern an, dass das an sich nur einen Rückschluss zulässt: Nur keinen Fehler machen und den Mitarbeitern jede Chance auf einen unerlaubten Zugriff ermöglichen.

Im September ging es los. Auf einmal ziemlich viel orange in meinem, mehr oder weniger, Stammsupermarkt. Ich plante einen Großeinkauf für den anstehenden Kindergeburtstag. „Juntou & trocou“ lautet der Titel der Aktion. In jedem Gang, über jedem Gang orange Hinweistafeln. Sagt mir nichts, denke ich und ziehe los.

Mit einem hochvollen Einkaufswagen (80 Dosen Bier alleine, die letzten vier sind noch im Kühlschrank) komme ich zur Kasse. Donnerwetter, selbst die Kassierer leuchten wie Apfelsinen. Da ich nicht der erste in der Schlange bin, habe ich genügend Zeit, mich in die Materie einzulesen – dauert ja meist ein wenig.

Rabattmarken gegen Messer tauschen

Im Prinzip kennt man das in Deutschland von Rewe. Für einen gewissen Einkaufswert, hier 20 Reais, erhält man ein Aufkleberchen, dass man auf ein Faltblatt kleben kann. Hat man dann irgendwann 50, 80 oder gar 100 zusammen, kann man sie eintauschen – gegen Küchenmesser. So bekommt man für 50 Aufkleber ein Brotmesser, wenn man 3 Reais zuzahlt. Oder schon für 30 Kleberlein, dann beträgt sie Zuzahlung aber 35 Reais.

In Deutschland haben wir auch immer mitgesammelt. Auch wenn die Messer nicht so der Knaller sind. Einmal war mir bei einem Aktions-Brotmesser von Zwilling beim Butterstreichen die Klinge durchgebrochen. Umgehend reklamiert, eingeschickt, ersetzt bekommen.

Willkommene Aktion, denke ich. Unsere Messer sind alle mehr oder weniger Schrott. Die Aktion lauf bis Weihnachten, das sollte doch zu schaffen sein. Als ich an der Reihe bin, nehme ich das Faltblatt mit und gleich die erste Ladung Aufkleber. Der Geburtstagseinkauf ist schon fast die halbe Miete.

Nun, gut zwei Monate später wollte ich die ersten Früchte meines Sammeltriebs ernten. Ein Faltblatt mit 100 Aufklebern hatte ich komplett voll, auf einem anderen weitere 30. Genau so viele, wie ich brauche, für ein Brot- und ein Chefmesser. An der Kasse kündige ich stolz an: „Queria trocar (ich möchte gerne umtauschen)“ und wedele mit den Unterlagen.

100 + 30 sind nicht 80 + 50

Die 80 für das Chefmesser gehen klar, erklärt mit die Kassiererin. Aber für das Brotmesser müsste ich bei nur 30 Klebern 35 Reais zuzahlen.

Nein, nein, sie täuschen sich, sage ich. Sehen sie: hier sind 100, dort 30. Macht zusammen 130. Das Chefmesser für 80, das Brotmesser für 50 – wo ist das Problem.

Das Problem ist, dass ich mit einem Vorgang an die Dame herangetreten war, der sie entweder überforderte oder sie dazu gezwungen hätte eigenverantwortlich zu handeln.

„Nein, es gibt pro Faltblatt nur ein Messer“, zaubert sie eine Regelung aus dem Ärmel, die nirgendwo ersichtlich war – nicht mal im Kleingedruckten.

„Aber zusammen sind das doch die passenden Punkte“, versuche ich es noch einmal.

Aber nicht zu machen. „Nur ein Messer pro Faltblatt.“

Nur ein Messer pro Faltblatt

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„Das ist lächerlich!“ Mehr schimpfen kann ich leider auf Portugiesisch noch nicht. Ist vielleicht aber auch gut so. Ziemlich sauer packe ich die beiden Formulare wieder ein und gehe. Ich bin so wütend über die Bräsigkeit, dass mit draußen erst nach 50 Metern auffällt, dass ich den Einkaufswagen noch vor mir herschiebe. Rache ist süß, denke ich, und lasse ihn einfach mitten auf dem Gehweg zurück. Wieder zu Hause mache ich mich daran, die 20 überschüssigen Kleber von dem einen Faltblatt abzupopeln und auf das zweite zu kleben, bis ich die geforderte Verteilung erreicht habe.

Am nächsten Tag versuche ich es aufs Neue, diesmal in einer anderen Filiale. Dort gibt es eine eigene Messeraktionstheke. Der Mitarbeiterin dort halte ich die beiden Sammelkarten unter die Nase. Sie nickt, murmelt etwas – und macht sich ab in die Pause. Nur fünf Minuten später übernimmt eine Kollegin.

Sie bittet mich gleich an eine freie Kasse. Zunächst müsse ich die 3 Reais pro Messer zahlen. Einzeln, wohlgemerkt. „Bitte Steuernummer eintippen.“ Die kenne ich zum Glück inzwischen auswendig. Ich bin nämlich bei Paode Acucar inzwischen „Cliente Mais“ (Treuepunktesammler) – ein Kundenbindungsprogramm, ähnlich wie Payback. Nur wird man hier mit nutzlosen Sandwichtoastern oder Taschenlampen belohnt, sondern mit teilweise wirklich nennenswerten Rabatten.

Jetzt habe ich gezahlt. Bekomme ich jetzt meine Messer? In einer Glasvitrine sind sie zum greifen nah. Doch zunächst müssen die Belege an die Faltblätter getackert werden. Ordnung muss sein. Nun dämmert mit. Mit meiner punkteübergreifenden Regelung tags zuvor wäre dieses, wahrscheinlich dringend vorgeschriebene Arbeitsschritt nicht ordnungsgemäß vollzogen worden. Folge: Die Mitarbeiterin hätte sich womöglich irgendwann wegen fehlender Aufkleber rechtfertigen müssen.

Ich vermute das hat System. Auch die Herausgabe der Märkchen erfolgte immer sehr gewissenhaft und eher abrundend. Wer für 78,65 einkaufte erhielt drei, nicht vier. Wahrscheinlich will man so vermeiden, dass zuviele Marken ausgegeben werden, etwa an Bekannte. Oder gar eine Art Schwarzmarkt mit Rabattmärkchen entsteht. Schließlich ist Krise, Kohle ist knapp und die Messer könnte man gut weiterverticken. Könnte mir gut vorstellen, dass jede Kassiererin eine feste Anzahl erhalten hat, die später mit dem Umsatz abgeglichen wird. Und um noch eine Vermutung draufzusetzen: Bei Paode Acucar wird man wissen, warum man das so straff durchorganisiert.

Vitrinenschlüssel in der Rohrpost

Jedenfalls muss jetzt nur noch die Vitrine aufgeschlossen werden. Das geht nicht einfach so. Auf der Wand verläuft ein Rohr. Nein, kein Abwasser: Rohrpost. Die Dame füllt einen Zettel aus, steckt ihn in die Kartusche, feuert sie in den ersten Stock. Eine Minute ploppt es, der Schlüssel ist da.

Langsam, fast schon feierlich, schreitet die Dame zur Vitrine, schließt sie auf – und überreicht mir meine Messer.