Wasser marsch! Es gibt genug – nur nicht da, wo man es braucht

Wenn es drei Tage lang am Stück regnet, so wie von Freitag bis Sonntag, verschwinden die Gehwege unter Wasser. Es bilden sich knöcheltiefe Pfützen, die es teilweise unmöglich machen, halbwegs trockenen voranzukommen. Wenn es drei Tage regnet, kann man sich nicht vorstellen, dass Brasilien, vor allem der bevölkerungsreiche Südosten mit den Metropolen Rio (7 Mio.) und Sao Paulo (15 Mio.) erst im Frühjahr 2015 eine heftige Trockenheit erlebten. Nur mal so: In Rio regnet es im Schnitt knapp 1200 mm pro Jahr. In Frankfurt ist es die Hälfte.

Der Regen bringt so allerhand unliebsames zum Vorschein. Etwa, dass etwa 80% der Stadt Rio nicht an das öffentliche Kanalnetz angeschlossen sind. Und die Gegenden, die angeschlossen sind erleben ein oft marodes, überlastetes und verstopftes Netz. Drum ist es auch nicht alles Regenwasser, was da in den Straßen steht. War man da mit Flipflops draußen, ist es nicht dumm, erst einmal die Füße gründlich zu waschen.

Schaffen es die Rohre, das viele Wasser zu schlucken und wegzutransportieren, endet die Reise meist drei Kilometer vor der Küste im offenen Meer, sagt man.

Oder gleich zu duschen. Die Cariocas sind Weltmeister darin. Laut Euromonitor duschen sie zwölf Mal pro Woche, gerne morgens und abends vor dem Schlafengehen. Und es stimmt: Egal, wie voll die Metro ist und wie heiß der Tag war. Schweißgeruch habe ich noch keinen riechen müssen. Dafür allerhand Wohlriechendes. Cariocas sind ohnehin sehr auf das Äußerliche bedacht und sehr reinliche Leute. Deutsch duschen übrigens im Schnitt sechsmal pro Woche.

Weltmeister. Im Duschen

Nicht nur die Anzahl der Duschen ist unterschiedlich. Auch die Art und Weise. Neulich erzählte mit Sprachlehrerin Karla amüsiert, wie ihre anderen deutschen Sprachschüler ihr von ihren Duschgewohnheiten erzählt hatten: Andrehen, nicht zu heiß. Zum einseifen und shampoonieren wird das Wasser abgedreht. Schnell abspülen. Raus. Wenn es hochkommt also 3 bis 4 Minuten. „Macht ihr das auch so?“ fragte sie. „Klar, wie denn sonst?“ fragte ich zurück. Und nicht nur das. Die Gastherme, die die Wassertemperatur regelt, haben wir auf maximal 37 Grad geregelt. Heißer als Körpertemperatur braucht kein Mensch. Schon gar nicht in den Tropen. Ich erinnere mich, dass wir die ersten Wochen nach unserer Ankunft komplett kalt geduscht hatten.

Verständnisloses Kopfschütteln. „Weiß du wie wir das machen?“, fragte Karla. Erst einmal die Temperatur hochdrehen, damit das Wasser schön heiß ist. Ist es zu heiß, wird die Temperatur über den Kaltwasserregler angepasst. Und während des Einseifens läuft das Wasser selbstredend voll Kanne weiter.

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Wenn es regnet, dann richtig.

Dass Brasilianer einen anderen, sorgloseren Umgang mit der Ressource Frischwasser pflegen, war mit spätestens da aufgegangen, als wird das erste Mal beim Spülen in der deutschen Gemeinde halfen. Dort wird zunächst der Hahn bis zum Anschlag aufgerissen um anschließend das Frühstücksgeschirr von 15 Personen einzeln unter laufendem Wasser zu spülen. Ich würde schätzen, da rauschen jedes Mal 300 bis 400 Liter Wasser durch. „Machst Du das auch so?“ will ich von Karla wissen. „Klaro, wie sonst?“

Ich winke sie in die Küche. Dort haben wir eine Plastikspülschüssel, weil die Spüle selbst sehr tief ist und Unmengen Wasser bräuchte. Aus der Leitung kommt nur kaltes Wasser. Heißes Wasser zum Mischen erhitzen wir auf dem Herd. Pro Spülladung verbrauchen wir so rund 10 Liter. Manchmal mehr, wenn wir nachladen müssen, oder, was selten vorkommt, großen Schmutz kurz vorspülen.

„Und was macht ihr mit den Schaumresten?“ fragt Karla entsetzt. „Was wohl, das läuft doch ab.“

„Aber das musst Du doch abwaschen!!“

„Wieso denn das? Wenn das Geschirr trocken ist, ist der Schaum weg. Man schmeckt auch nichts.“

„Ehrlich?“

„Natürlich. Oder hast Du bei der Kaffeetasse vorhin etwas bemerkt?“

Karla stutzt. „Nein.“

„Siehst Du!“

„Da kommt ihr aber lange mit dem Spülmittel aus, oder?“

„Denke, so 10 Tage, bis zwei Wochen pro Flasche.“ Bei dreimal spülen pro Tag.

„Oh, bei mir ist die Flasche nach zwei Tagen spätestens leer“, sagt sie.

Viel hilft viel

Willst du viel, spül mit Pril – dieser Werbespruch aus den 80er-Jahren war sicher anders gemeint. Aber so wie Karla denken und handeln viele Brasilianer. Auch bei der Wäsche werden Weichspüler und andere Waschmittel reichlich eingesetzt. Viel hilft halt viel. Wobei ich das bei den Waschmaschinen hier (überwiegend Kaltwaschautomaten) irgendwie noch nachvollziehen kann.

Spartasten bei der Klospülung sind weitestgehend unbekannt. Und in Deutschland sind sie ja auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Längst sparen die Verbraucher so konsequent Wasser, dass die Wassermengen kaum noch reichen, das Kanalnetz sauber und funktionsfähig zu halten. Größere Städte müssen regelmäßig die Kanäle mit Frischwasser durchspülen. Auch irgendwie hohl.

Dabei ist Wasser in Brasilien ziemlich teuer. 9 Reais zahlen wir rund pro Kubikmeter, knapp 3 Euro zurzeit. Dasselbe für das Abwasser.

Ein Problem ist sicher, dass sich Wassersparen nicht wirklich lohnt. Wasserwird nach Wohnfläche bezahlt, egal, wie viele Menschen dort wohnen. Der tatsächliche Verbrauch wird, vor allem in älteren Häusern, nicht ermittelt. Erst neuere Gebäude haben Wasseruhren für jede Wohneinheit.

Außerdem ist das Leitungsnetz marode. 30 bis 40% des Trinkwassers, so Schätzungen, versickern, ehe sie beim Verbraucher ankommen. Zahlen muss man dafür aber auch irgendwie. Und: Ähnlich wie beim Strom, werden in den Favelas gerne die Leitungen illegal angezapft und Wasser somit ohne dafür zu zahlen entnommen. Irgendjemand muss auch dafür blechen.

Landwirtschaft braucht am meisten Wasser

Doch bei allem Sparpotenzial: Die privaten Haushalte sind das kleinste Problem. Sie verbrauchen nur 9% des Trinkwassers, so die Agenci Nacional de Aquas (ANA). Richtig geast wird beim Wasser in der Landwirtschaft. 70% des Wasserverbrauchs gehen auf Kosten riesiger Rinderzuchten und gewaltigen Sojaanbaus.

Dabei ist Brasilien an sich ein sehr wasserreiches Land. Man liest immer wieder, dass Brasilien alleine rund 8% der weltweiten Süßwasservorkommen besitzen soll. Allerdings ist das Wasser nicht dort, wo es gebraucht wird. Das meiste Wasser ist in den Regenwäldern und der Amazonasregion gespeichert. Dort wohnen kaum Menschen. Es von dort in die Metropolen an der Küste und im Südosten zu bekommen, ist nahezu unmöglich oder aber sehr sehr aufwendig und dann auch teuer. Es gibt natürlich angelegte Trinkwasserreservoirs, aber bei einer anhaltenden Trockenheit wie zuletzt Anfang 2015 drohen selbst diese auszutrockenen.