Uderson und sein Traum vom Profi-Kampfsport

Tja, Uderson, was mache ich jetzt mit Dir? Vor einigen Monaten trafen wir uns, bei einem Ausflug mit der Sprachschule Caminhos. Uderson erzählte mir, wie er ein paar Tage vorher überfallen worden war und dabei sein Handy eingebüßt hatte. Konntest Du Dich nicht verteidigen, Du bist doch Boxer? Fragte ich ihn. Das hatte ermit kurz vorher erzählt. Außerdem sieht man das. Der Kerl ist athletisch und muskelbepackt. Aber bei Schusswaffen nützen auch Boxen und Muskeln nichts. Als ich ihm erzählte, dass ich Journalist sei, wurde er hellhörig. Ob er mir seine Geschichte erzählen dürfe?

Ein paar Wochen später treffen wir uns in einem Café nahe der Sprachschule. Bislang konnte ich niemanden dafür erwärmen, Udersons Geschichte drucken zu wollen. Es ist zwar kurz vor Olympia und Geschichten aus Brasilien sind vergleichsweise gefragt. Aber ohne Olympiabezug sinkt das Interesse rapide. So ist es: Die Geschichte eines Jungen, der es schafft, sich aus den armen Verhältnissen zu befreien, sprichwörtlich rauszuboxen, ist für die meisten Zeitungen offensichtlich zu normal, zu wenig exotisch. Nein, sowas brauchen wir nicht, danke schön. Ich möchte sie trotzdem erzählen.

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Foto (Repro): Privat

Als Uderson neun Jahre alt war, starb seine Mutter. Wie man damit fertig wird? Man geht auf die Straße, lenkt sich ab, spielt Fußball, zwei Wochen lang. Als er an einem Tag nach Hause kommt, erwischt er seinen Vater dabei, wie er versucht, die ältere Schwester zu vergewaltigen. Doch sie wehrt sich. Darum versucht der Vater sie zu töten. Er verfehlt das Ziel – das Messer verletzt das Mädchen am Arm schwer. Der Vater flüchtet. Uderson und seine 7 Geschwister sind nun ganz auf sich alleine gestellt.

„Wir hatten nette Nachbarn“, sagt Uderson. „Dennoch war es nicht leicht für uns, als Familie zusammenzubleiben.“ Zwei Familien nahmen je vier Kinder zunächst bei sich auf. Doch auch dort ist das Geld knapp. Sie schicken Uderson und die anderen Geschwister in das Waisenhaus Consielho Tutelar.

Anfangs hatte er Angst. Die Einrichtung war berüchtigt. „Aber es war gut. Wir konnten zur Schule gehen, mussten kleinere Aufgaben im Haus übernehmen und lernten so Verantwortung“, sagt er rückblickend. Mit 18 jedoch musste man das Heim verlassen.

Im Waisenhaus Kontakt zum Kampfsport

Das Heim machte 2013 dicht. Uderson ist jetzt 22 Jahre alt. Die meisten seiner Geschwister leben im Großraum Rio de Janeiro. Hin und wieder sehen sie sich. „Das Verhältnis zu den Geschwister ist gut“, sagt er. Es ist vor allem die ältere Schwester, die versuche, die Familie zusammenzuhalten. Doch jeder muss auch sehen, dass er seinen eigenen Weg findet. Viele Jugendliche landen dann in den Fängen der Drogengangs. Sie versprechen Geld, Prestige und eine Art Sozialgefüge.

Uderson hat mit Drogen nichts am Hut, er hatte eine Freundin, das hielt ihn von den Drogenjungs fern. Wenn überhaupt ist seine Droge der Sport. Genauer, im Kampfsport. Mixed Martial Arts (MMA) ist seine Leidenschaft, für die er jede freie Minute wie ein Besessener trainiert. Doch auch dort lief es eine Zeit nicht gut. Eine Verletzung ließ ihn zweifeln. „Ich konnte lange nicht trainieren, dachte sogar ernsthaft daran aufzugeben“, erzählt er.

Doch ein väterlicher Freund machte ihm Mut. Sagte: Du hast jetzt schon so viel in den Sport investiert, Du kannst nicht einfach aufgeben.

Ersten Kontakt zu den Mixed Martial Arts hatte er im Waisenhaus. Dort wurden verschiedene Kurse angeboten – Fußball natürlich, Graffiti, Capoeira. „Bis ich 18 Jahre alt war, wusste ich überhaupt nicht, was ich wollte, also begann ich zunächst mit Capoeira“, erzählt Uderson. Vom Capoeira kam er zum Kickboxen. „Ich merkte, dass das Spaßmachte und dass ich ein ganz gutes Potenzial zu haben schien.“ Schnell war das Ziel klar formuliert: Er wollte Profi werden. Über das Kickboxen lernte er andere Kampfsportarten kennen, stieß so zum MMA, eine noch recht junge Mischung aus vielen Kampfsporten. MMA gibt es erst seit den 1990er Jahren, ist vor allem in Brasilien, aber auch in den USA und Russland, zunehmend auch in Europa beliebt. In Brasilien gibt es Profis, die vom Sport leben können.

Die Kämpfer bedienen sich sowohl der Schlag- und Tritttechniken (Striking) des Boxens, Kickboxens, Taekwondo, Muay Thai und Karate als auch der Bodenkampf- und Ringtechniken des Brazilian Jiu-Jitsu, Ringens, Judo und Sambo. Auch Techniken aus anderen Kampfkünsten werden benutzt.

Uderson möchte Profi werden

Um vom Sport leben zu können, ist es ein weiter Weg. Uderson gewann schnell kleinere Meisterschaften für Amateure. Amateure in diesem Sport erkennt man daran, dass sie relativ viel Schutzkleidung verwenden. Je professioneller der Sport wird, desto weniger Schutz wird verwendet. Irgendwann gibt es nur noch Handschuhe und Mundschutz.

Inzwischen hat Uderson sogar schon einige Amateur-Landesmeisterschaften des Bundesstaats Rio de Janeiro in seiner Gewichtsklasse gewinnen können. Um davon zu leben, reicht es noch nicht. Noch immer muss er kleinere Jobs annehmen, oder um Sponsoren kämpfen und regelmäßig Klinken putzen. Irgendwann, daran glaubt Uderson fest, wird es aber soweit sein.

Seinen Vater hat er seit dem Vergewaltigungsversuch nicht mehr gesehen. Möchte er auch nicht. „Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde hatte man mich und meine Geschwister gefragt, ob wir ihn treffen wollten.“ Sie hatten abgelehnt.