SantosDuMont vs. Brüder Wright – der Kampf um die Lufthoheit

Folgende Situation: Ihr sitzt an der Bar. Neben Euch ein Amerikaner und ein Brasilianer. Irgendwie findet ihr kein richtiges Thema. Fußball? Juckt den Amerikaner nicht. Weltpolitik? Für Brasilianer kein Thema. Mit einer Sache bricht man das Eis jedoch in Nullkommanichts: Lenkt man das Gespräch auf die Anfänge der Luftfahrt und die Frage: Wer gilt als Erfinder der modernen Luftfahrt. Waren es, wie in vielen Geschichtsbüchern auch nachzulesen, die amerikanischen Gebrüder Wright? Oder vielleicht doch der Brasilianer Alberto SantosDuMont? Diese Diskussion fordert in beiderlei Landsleuten gleichermaßen den Patrioten heraus.

Es geht um nichts weniger als die Frage: Wen man in den Geschichtsbüchern als den rechtmäßigen Vater der modernen Luftfahrt preisen sollte – eine der herausragendsten Erfindungen des frühen 20. Jahrhunderts. Entsprechend ernst wird die Diskussion auch geführt.

Die große Bühne der Eröffnung der Olympischen Spiele nutzte Brasilien, um seinen Anspruch auf die Lufthohheit zu untermauern, als ein Nachbau des Flugmodells „bis-14“ von Alberto Santos Dumont durch das Maracana-Stadion segelte.

Die Diskussion ist akademisch, die Argumentation füllt Bände. Grob zusammengefasst, spitzt sie sich auf die entscheidende Frage zu: Was kann man als ersten Flug annehmen?

USA – Brasilien 1:1

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So hat das Fluggerät damals wohl ausgesehen.

Für Vertreter des Wright-Lagers sind das ganz klar die Flugversuche, die die Brüder im Herbst 1904 in der amerikanischen Provinz von Kitty Hawk unternahmen. Bis auf ein paar Freunde und Verwandte war niemand zugegen, der das später bestätigen konnte. Es waren also keine öffentlichen Flugveranstaltungen. Auch verwendeten die beiden keinen Motor, es waren also eher Gleitflüge. Aber eben Flüge. Einzelne Berichte darüber sollen bis in Fachmagazine im damals noch sehr weit entfernten Europa geschafft haben.

Dort lebte und tüftelte zu jener Zeit der Brasilianer mit französischem Vater, Alberto Santos DuMont an allerhand Fluggeräten herum.

Seinen größten Erfolg hatte er mit seinem insgesamt sechsten Luftschiff, der „Santos Dumont Nr. 6“. Mit ihr gelang ihm im dritten Versuch am 19. Oktober 1901 der erste erfolgreiche Rundflug eines Luftschiffes vom Pariser Vorort Saint-Cloud zum Eiffelturm über 5,5 Kilometer in 30 Minuten.

Mit seinem Flugzeug„bis-14“ gelang es ihm am 23. Oktober 1906, im Beisein der Kommission des Aéro-Club de France einen erfolgreichen gesteuerten Motorflug durchzuführen und so das vom Aéro-Club für den ersten Motorflug mit einem eigenstartfähigen Flugzeug von mehr als 25 Meter Weite ausgesetzte Preisgeld von 3.500 Franc zu gewinnen. Mit diesem, und einem weiteren, längeren Flug am 12. November, galt Alberto Santos Dumont zu diesem Zeitpunkt als erster erfolgreicher Motorflieger der Welt.

Die einen als erste Gleitflieger in einem flugzeugähnlichen Gebilde, der andere mit dem ersten motorgetriebenen Flug. Für weiterhin eigentlich SantosDuMont sprechen könnte ist, dass seine Flüge vom Aéro-Club de France gewissermaßen „abgenommen“ wurden, sie also gewissen Richtlinien entsprochen haben. Entsprechend werden die Brasilianer bei ihrem Anspruch stets von den Franzosen unterstützt.

Es ist in etwa so, wie mit dem Guinnessbuch der Rekorde. Es reicht eben nicht, den Rekord im, meinetwegen, Dauersackhüpfen aufzustellen. Es muss auch ein offizieller Vertreter dabei sein, der dies nach den Richtlinien der Gesellschaft dokumentiert. Erst dann kommt man in das Rekordebuch.

Akademischer Streit

Was Akademiker entzweit, wird auf anderer Ebene längst nicht so heiß gegessen wie es gekocht wird. Im Oktober 1997 war der damalige US-Präsident Bill Clinton zu Besuch in Brasilien. In einem Grußwort würdigte er SantosDuMont mit bemerkenswerten Worten:

„Brasilien hat den Vereinigten Staaten so viel gegeben. Ihr habt uns Künstler wie Candido Partinari geschenkt (…) und vom Entdecker Alberto Santos DuMont, der Vater der Luftfahrt („father of aviation“) bis hin zu einem brasilianische Astronauten der schon bald zur NASA kommen wird, um für die internationale Raumstation zu trainieren.“

Interessanterweise benannte die US-amerikanische Eliteuniversität Princeton einen Forscherpreis nach SantosDuMont und nicht etwa nach den Gebrüdern Wright. . Doch wir wollen nicht kleinlich sein.

Dann eben Erfinder der Armbanduhr

Es ist wie so oft in der Geschichte, gerade bei den bahnbrechenden Dingen, die sich um die vorvergangene Jahrhundertwende oder noch früher ereigneten: Der Erfolg hat meist viele Väter. Nehmen wir den Schotten Graham Bell, der als Erfinder der kommerziellen Nutzung des Telefons gilt. Der technische Vater des Fernsprechers ist jedoch der Hesse Philipp Reis.

Doch ob der Flugpionier oder nur ein Flugpionier – Alberto SantosDuMont wurde mit spätestens einer anderen Erfindung unsterblich. Da er bei seinen Luftschiff-Fahrten feststellte, dass das Ablesen einer Taschenuhr während des Lenkens des Luftschiffes schwierig war, entwickelte er 1904 gemeinsam mit seinem Freund Louis-François Cartier, ja, genau der Cartier, den Gedanken einer für Luftfahrtzwecke geeigneten Armbanduhr. Cartier fertigte diese Armbanduhr für SantosDuMont an und schuf so eine der ersten Fliegeruhren der Welt, die nach SantosDuMont „Modell Santos“ benannt wurde.

In der Stadt Petropolis, etwa 90 Kilometer von Rio de Janeiro entfernt, steht das Geburtshaus SantosDuMonts, das heute ein Museum ist.