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Ist Rio für Crivella nur ein Zwischenstopp zum Präsidentenamt?

Rios neuer erster Bürger will keine Zeit verlieren. Kaum 12 Stunden nach dem Wahlerfolg legt Marcelo Crivella auch schon los. Erste Ankündigung: Den Verwaltungsapparat der Stadt straffen und die Zahl der Ämter kräftig zusammenstreichen. Um mehr als die Hälfte.

Es hatten die Spatzen von den Dächern gesungen, dass Rio de Janeiro künftig wohl von einem extrem konservativen Prediger als Bürgermeister regiert werden würde. Seit Sonntag ist es Gewissheit. Rund 60% der Cariocas, der Einwohner Rios, scheinen dem 59-jährigen Marcelo Crivella am ehesten zuzutrauen, ihre Stadt in die Zukunft zu führen.

60% – das war am Ende deutlicher, als viele erwartet hatten. Crivellas Rivale, der Linke Marcelo Freixo von der Partei PSOL erhielt nur 40% der Stimmen. Schon bei den Umfragen hatte Crivella stats einen komfortablen Vorsprung vorweisen können.

Es sieht so aus, als wäre es dem Ex-Prediger der evangelikalen Igreja Universal do Reino do Deus (IURD), politisch vertreten durch Crivellas Partei PRB, Partido Republico Brasileiro, gelungen, seine Wähler besser zu mobilisieren. In einigen Randgebieten mag das sogar zutreffen. Im Osten erzielte Crivella seine besten Ergebnisse – teilweise über 70% der Wählerstimmen. In Santa Cruz waren es 77,8%.

Crivella punktet bei Armen, Alten und weniger Gebildeten

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Titelseite des Umsonst-Magazins Metro.

Crivellas Widersacher Freixo vermochte selbst in seinem Heimatkiez nicht annähernd so zu punkten, verlor sogar diesen an Crivella. Dafür zeigten sich die Stadtteile Cosme Velho und Laranjeiras als ausgeprägte Freixo-Hochburgen. Dort wohnen viele Studenten und linke Intellektuelle, während Crivella anscheinend die Alten, Armen und weniger gut gebildeten Bevölkerungsgruppen ansprach.

Anderserseits mobilisierte die Bürgermeisterwahl generell so wenige Wähler wie lange nicht. 25% der Wahlpflichtigen – in Brasilien herrscht Wahlpflicht – gingen gar nicht erst hin, riskierten so, eine Strafe zahlen zu müssen. 3,50 Reais beträgt die, ziemlich genau 1 Euro. Weitere 20% teilten ihre Nicht-Zustimmung für beide Kandidaten dergestalt mit, dass sie leere Wahlzettel abgaben.

Fast 45% Nicht-Wähler

Dass im an sich sehr katholischen Rio de Janeiro ausgerechnet einem erzkonservativen Evangelikalen auch durch das Nicht-Wählen maßgeblich der Weg ins Rathaus geebnet wurde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Doch die nicht-abgegebenen Stimmen wurde ausgerechnet eine Stimmegestärkt, die in der Vergangenheit scharf gegen Katholiken und generell Andersgläugige gewettert hatte.

In frühen Jahren hatte Crivella Karriere in der IURD gemacht, eine Freikirche, die sein Onkel Edir Macedo, gegründet hatte. Macedo ist inzwischen Milliardär und einer der mächtigsten und einflußreichsten Nicht-Politiker Brasiliens. Als Marcello Crivella Ende der 90er-Jahre im Missionsauftrag der IURD in Afrika war. Dort verfasste er ein Buch mit dem Titel “Evangelizando a Africa”, erschienen 2002. Der katholischen Kirche warf er darin beispielsweise vor, sie “trage eine diabolische Doktrin”.

Crivella steht für die neopentekostalische Strömung der evangelikalen Freikirchen, eine konservative, fast schon fundamentalistische Strömung. Crivella ist Gegner der Evolutionstheorie, äußerte sich mehrfach homophob und kämpft gegen die Legalisierung der Abtreibung. Da darf man sich also im vergleichsweise freizügigen lebenszugewandten Rio de Janeiro durchaus auf einiges gefasst machen in Zukunft. Die neopentekostalische Strömung predigt eine Wohlstandstheologie. Vereinfacht formuliert: Je mehr ein Gläubiger der Kirche spendet, desto besser stehen seine Chancen, selbst zu Reichtum und Ansehen zu kommen.

Zeit der großen Partys scheint vorbei

Die große Tageszeitung O Globo analysierte das Wahlergebnis so, dass Rio gegen die Legalisierung der Abtreibung gestimmt habe und dagegen, dass in Schulen künftig über die “Geschlechter-Ideologie” diskutiert würde. Auch die Zeit der großen Partys (Olympia, Panamerica Games, Weltjugendtag) sieht O Globo beendet. Auch als Stadt der Kultur und der großen baulichen Veränderungen (Museumsneubau Museu do Amanha, Hafenneugestaltung)  sieht O Globo Rio de Janeiro auf absehbare Zeit nicht mehr. Und so, wie es sich dort liest, kann man den Eindruck gewinnen, dies sei auch ganz gut so.

Crivella brauchte insgesamt drei Anläufe, um endlich im Bürgermeisteramt landen zu können. Dabei kam ihm, wie auch Stichwahl-Widersacher Freixo, jetzt sicher ein Stück weit die allgemeine Politikverdrossenheit der Cariocas, der Brasilianer, zugute. Die großen Parteien stecken in der Glaubwürdigkeitskrise. Die PMDB, der auch Amtsvorgänger Eduardo Paes und Präsident Michel Temer angehören, ist in die Ermittlungen um den Korruptionsprozess Lava Jato (Ölkonzern Petrobras) tief verstrickt. Die linke Arbeiterpartei PT, Partei der Ex-Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff, ist nach dem Impeachmant-Prozess gegen Rousseff völlig ausgebrannt. Wahrscheinlich auf Jahre.

Erst profitiert von Politikverdrossenheit

Ihr Ansehen und die Glaubwürdigkeit hatten in den vergangenen Monaten derart gelitten, dass dies sogar auf den linken Kandidaten Marcelo Freixo ausstrahlte. Keine Politdiskussion im Vorfeld der Wahl, die nicht in einem heilosen PT-Bashing endete. Und weil Freixo eben auch von einer linken Partei nominiert worden war, wurde er gleich mit hineingeworfen in den Diskussionstopf.

Mac Margolis, Journalist beim amerikanischen Nachrichtendienst Bloomberg formulierte das so. Die Wahl sei keine demokratische Erneuerung gewesen, sondern habe sich eher wie ein Kulturkampf angefühlt, befeuert durch rivalisierende Dogmen die wenig gemein hätten, als ihren Enthusiasmus für exotische Ideen und gegenseitigen Spott.

Crivella ist der erste evangelikale einer bedeutenden brasilianischen Großstadt. Rio ist die zweitgrößte Stadt des Landes. Sein Sieg steht auch als Symbol für den immer größer werdenden politischen Einfluss der Freikirchen auf und in der Politik. Schon derfrühere Senatspräsident Eduardo Cunha war bekennender Evangelikaler, der Sitzungen gerne einmal mit einem Bibelvers eröffnet haben soll. Im Senat sollen rund 15% der Politiker Evangelikale sein. Meist, aber nicht ausschließlich, vertreten in der Partei PRB, Partido Republico Brasiliero, die als politischer Arm der Kirche gilt.

Wachsender politischer Einfluss der Evangelikalen

Die PRB ist eine pragmatische Partei, wenn es darum geht, ihren Einfluss geltend zu machen, oder zu vergrößern. Crivella selbst war unter Präsident vorübergehend Fischereiminister. Später, als sich das Ende der Rousseff-Regierung abzeichnete, wechselte er schnell auf die Seite Michel Temers.

Dass die Evangelikalen um politischen Einfluss bemüht sind, daraus macht Crivella überhaupt keinen Hehl. Das Magazin Veja zitierte ihn in der Ausgabe vom 21. Oktober mit dem Satz: “Evangelikale werden auch den Präsidenten der Republik wählen. Er wird für unsere Kirche arbeiten und die Mission erfüllen, das Gotteswort in alle Länder der Welt zu bringen.” (“Os Evangélicos ainda vão eleger um presidente da república que vai trabalhar por nossas igrejas para cumprirmos a missão de levar o evangelho a todas as nações da Terra.”).

Und in mancher Kommentatorenspalte war bereits zu lesen, dass es durchaus vorstellbar wäre, wenn Marcelo Crivella 2018 sogar für das Amt des Präsidenten kandidieren würde. Sicher, er wird sich erst einmal bewähren müssen, den Worten Taten folgen lassen. Aber im politischen Brasilien muss man zurzeit mit allem rechnen.

Paes, der zum Jahresende offiziell aus dem Amt scheiden wird, hatte bereits vor einiger Zeit angekündigt, was er nach seiner Amtszeit tun werden. Er plant nach New York zu ziehen.