Brasilien, ein Land mit ausgeprägter Vergewaltigungskultur

Es sind Nachrichten, die fassungslos machen. Beinahe tägliche Nachrichten wie diese:

Eine Frau soll vor wenigen Tagen in der Nähe von Rio de Janeiro Opfer einer Massenvergewaltigung geworden sein. Laut Medienberichten soll die Polizei nach zehn Männer fahnden, die die 34-jährige Frau zunächst in einer Kneipe in Sao Gonzalo, später auf offener Straße vergewaltigt haben sollen. http://www.foxnews.com/world/2016/10/25/brazil-probe-past-gang-rape-attack-same-woman.html

Laut der Ermittlerin Debora Rodrigues könnte es sich möglicherweise um Wiederholungstäter handeln.

Verstörend ist nicht nur die Rohheit des Delikts. Es ist auch das enthemmte Zur Schau stellen via Videomitschnitte im Internet. Bilder von Videokameras sollen einen Teil der Vergewaltigung ebenfalls aufgezeichnet haben, die Polizei wertet diese zu Fahndungszwecken aus.

Diskussionswürdig sicherlich auch die Arbeit der Medien, die dieses Video natürlich auch zugespielt bekommen haben und zeigen. Dient es der Hilfe bei der Fahndung oder bedient es simplen Voyeurismus? Auf letzteres lässt schließen, dass viele Medien dem Videoclip einen Werbespot voranstellen. Mit Crime lassen sich Clicks generieren und die garantieren Werbeeinnahmen – ein schmutziges Spiel.

Was schockierend klingt, ist in Brasilien, ist im gesamten Südamerika und auch im Rest der Welt leider kein Einzelfall. Massenvergewaltigungen sind in den Gesellschaften Lateinamerikas häufiger anzutreffen, als man denkt.

16-Jährige betäubt und vergewaltigt

Ein besonders grausames Beispiel ereignete sich im Mai dieses Jahres. Zur Unzeit, standen doch die Olympischen Spiele vor der Türe, blickte die ganze Weltöffentlichkeit nach Rio. Und als ob es nicht mit der Alltagsgewalt, mit Korruption, Politchaos und Wirtschaftskrise nicht schon genug Abschreckendes abgeliefert hatte, dann das.

Ein junges Mädchen, 16 Jahre, traf sich abends mit ihrem Freund in dessen Wohnung. Offensichtlich wurde sie mit KO-Tropfen odereiner ähnlichen Substanz willenlos gemacht. Als sie wieder zu sich kommt befindet sie sich an einem anderen Ort. Sie ist nackt. Unter ihr ein fremder Mann, auf ihr ein fremder Mann. Zwei weitere halten ihre Arme fest. Um sie herum stehen etwa 30 junge Männer, teilweise bewaffnet, dem Mädchen völlig unbekannt. So schildert sie ihr Martyrium einige Wochen später in Zeitungsinterviews.

Den Schritt an die Öffentlichkeit hatte die Familie des Opfers bewusst unternommen, um die Chancen zu erhöhen, dass die Täter auch gefasst werden.

Nur kurze Zeit nach dem Verbrechen werden am 28. Mai über Twitter und Facebook Videos in Umlauf gebracht, die Bilder von der Vergewaltigung des Mädchens zeigen. Und als wäre das nicht schon krank genug, erhalten die Posts hunderte Jubelkommentare.

Massenvergewaltigungen sind in erster Linie als Mittel der Kriegsführung bekannt.

In jüngster Zeit erreichen uns solche Nachrichten vor allem aus dem Nahen Osten, aus Syrien, aus dem Dunstkreis der Terroristen des selbsternannten Islamischen Staats (IS). Übrigens einer von vielen sehr gut nachvollziehbaren Gründen, das Land zu verlassen.

Aber nicht nur in Syrien und in Kriegsgebieten ist das Phänomen Massenvergewaltigung Alltag. In allen Gesellschaften der Welt ereignen sich solche Taten. Immer wieder liest man über Ähnliches aus Indien.

Übrigens gibt es Massenvergewaltigungen auch in Deutschland, wie das Magazin Spektrum der Wissenschaft schon 2014 in dem Aufsatz „Der Fluch der Gruppe“  (11.03.2014) herausgestellt hat. Und: Nur um es der Vollständigkeit halber zu sagen, ehe jemand versucht, dies zu Propagandazwecken zu missbrauchen: Mit Flüchtlingen hat dies nichts zu tun.

In diesem Text wird die Rechtspsychologin Miranda Horvath von der Middlesex University London zitiert, die zum Thema geforscht hat. „Bei Vergewaltigungen spielt die Kontrolle über einen anderen Menschen generell eine große Rolle“, so Horvath. „Das gilt auch, wenn mehrere Täter beteiligt sind.“ Heißt es in dem Text.

Primitives Imponiergehabe unter Halbstarken

Motive können der Wunsch sein, eine Frau für etwas bestrafen zu wollen. Aber auch ganz primitives Imponiergehabe unter Halbstarken, die einfach mal so richtig die Sau rauslassen wollen. Die forensische Psychologin Karen Franklin von der Alliant International University in San Diego, ebenfalls im Text zitiert, analysierte Daten zu 25 Gruppenvergewaltigungen. Dabei kristallisierte sich durchaus ein Muster heraus:

„Ein Mann gewinnt durch charmantes Auftreten das Vertrauen eines Mädchens oder einer jungen Frau. Dann wird sie durch Alkohol oder Drogen wehrlos gemacht und Freunde oder andere Mittäter zur „Party“ eingeladen. Die Täter vergewaltigen das Opfer nicht nur, sondern erniedrigen es, beschimpfen und beschmieren es oder führen Objekte in Vagina oder Anus ein. Dabei steigern sie sich in eine Art Siegesstimmung hinein und stacheln sich gegenseitig an. Oft gibt es auch Zuschauer, die zwar selbst nicht handgreiflich werden, die Täter aber durch Zurufe und Applaus anfeuern.“ Fast genauso, wie es sich in der Juninacht in Rio de Janeiro zutrug.

Dominanz zelebrieren, Zugehörigkeit zu einer Gruppe zeigen, Solidarität innerhalb einer Gruppe stärken. Dieser Drang sei dann so machtvoll, dass sämtliche Vorsicht über Bord geworfen wird – es entstehen Videos und Fotos die, später zur Krönung der Tat, wie Trophäen im Internet herumgereicht werden und das Opfer noch weiter und nachhaltiger demütigen. Wer sich in das Thema vertiefen mag, sei die Lektüre des gesamten Artikels empfohlen.

Archaisches und primitives Rudelverhalten –mehr scheint also nicht dahinter zu stecken?

Opferschilderungen gibt es viele. Die BBC hat diese aus dem britischen Rotherham gesammelt, das Opfer aus dem Juni wagte ebenfalls den Schritt in die Öffentlichkeit.

Im Falle der 34-Jährigen kam inzwischen heraus, dass sie bereits seit mehreren Jahren von Mitgliedern der Gruppe, die sie nun kollektiv brutal vergewaltigte, sexuell belästigt worden sein soll. Erst jetzt soll sie ihre Peiniger angezeigt haben. Dafür muss sie nun in Sicherheit gebracht werden. Denn höchstwahrscheinlich muss sie nun um ihr Leben fürchten. Nicht nur, weil Täter nun mutmaßlich vor nichts mehr zurückschrecken.Denn die gesetzlichen Strafandrohungen für Vergewaltiger sind in Brasilien durchaus hoch. Zwischen sechs und zehn Jahren Gefängnis drohen verurteilen Vergewaltigern.

Nun ist es leider in Brasilien nicht so, dass man, als Opfer eines Verbrechens, in der Obhut der Polizei Sicherheit grundsätzlich genießen könnte. Die Polizei gilt im Allgemeinen nicht als Freund und Helfer. Nicht bei Verkehrsunfällen, nicht bei Raubüberfällen und leider auch nicht bei Vergewaltigungen.

Zahlen sind selten und mit Vorsicht zu genießen, wegen der hohen Dunkelziffer. Aber zum Verdeutlichung, dass es sich um ein verbreitetes gesellschaftliches Phänomen in Brasilien handelt, taugen sie allemal.  Rund 6.000 angezeigte Vergewaltigungen soll es 2012 alleine im Bundesstaat Rio de Janeiro gegeben haben. 500.000 sollen es jährlich in ganz Brasilien sein.

Vergewaltigungskultur in Brasilien

Proteste gibt es immer wieder gegen die „Vergewaltigungskultur in Brasilien“. So auch im Juni. Überdimensionale Bilder von Frauen, über deren Mund ein blutiger Handabdruck zu sehen ist – es soll symbolisieren, dass Opfer gewaltsam zum Schweigen gebracht werden. Diese Platziert am Strand von Copacabana. Davor, verstreut im Sand, 420 Unterhosen – ein eindringlicher Protest mit Schockwirkung, ähnlich den Schockbildern auf Zigarettenschachteln.

Immer wieder gehen wütende Frauen auf die Straßen, fordern die Politik zum Handeln auf und die Gesellschaft endlich vor dem Problem Machismo die Augen zu öffnen. Im Staat Rio de Janeiro hat man sogar ein Gesetz erlassen, das Gesetz Nummer 6,457  für einen besseren Informationsfluss im Falle von Gewalt gegen Frauen, am 3. Juni 2013 war das. Kaum drei Jahre später bewirbt sich ein Politiker namens Pablo Paulo um die Nachfolge von Eduardo Paes als Bürgermeister der Stadt Rio de Janeiro.

Bürgermeisterkandidat verprügelt seine Frau

Paulo, der Protegée von Paes, wurde nicht aus politischen Gründen bekannt. Vielmehr war er plötzlich Stadtgespräch als ein Magazin enthüllte, dass er offenbar mehrfach seine damalige Lebenspartnerin verprügelt haben sollte. Schnell hatte man ihn aus der Schusslinie genommen, nach Brasilia abkommandiert, bis Gras über die Sache gewachsen war. Im August 2016 war er zurück, wäre um ein Haar in die Stichwahl um das Bürgermeisteramt eingezogen. Er war knapp Dritter. Häusliche Gewalt? Ein Kavaliersdelikt, scheinbar kaum der Rede wert.

Um den Fall des 16-jährigen Mädchens war es nach wenigen Tagen wieder ruhiger geworden. Von den gut 30 Tatzeugen hat die Polizei laut Medienberichten sieben Verdächtige festnehmen können – wohl auch ein Verdienst des gewaltigen weltweiten Medieninteresses im Vorfeld der Olympischen Spiele. Die Polizei war zum Erfolg verdammt.

Zu welcher Strafe sie letztlich verurteilt werden – in den Nachrichten wird dies vielleicht noch einmal eine Randnotiz werden.