Im fünften Anlauf hängen jetzt auch unsere Bilder

Hin und wieder braucht man etwas mehr Geduld. Das lernen wir hier immer wieder. Nichts geht sofort glatt und reibungslos, irgendwas ist immer. Deshalb hängen die Mitbringsel unseres „Winterurlaubs“ erst jetzt an der Wand.

Jetzt blickt die blaue Frau unmutig über unseren Esstisch, leistet uns künftig Gesellschaft. Warum hat euch das Bild so gut gefallen? fragte Ella. „Weil ich die leuchtenden Farben mag und das Bild etwas freundlich friedliches ausstrahlt und mir gute Laune macht“, habe ich geantwortet. Und weil es mir in der kleinen Galerie auf Curacao (Nena Sanchez) auf Anhieb gefiel und Wiebke und ich immer mal wieder nach Dekorativem Ausschau halten. Doch zwei Monate dauerte es, bis es mit dem Aufhängen klappte.

Eine Bohrmaschine hatten wir nicht in unseren acht großen Koffern und Seesäcken versteckt, als wir am 29. Januar aufbrachen. Ich bin beileibe kein Heimwerker, der Strom hat hier eh nur 110 Volt – was soll ich also damit?

Deshalb waren wir auch froh, dass uns die Schule Herrn Edson vermittelte, als des darum ging, in der Wohnung Lampen, Jalousien, Gardinenstangen anzubringen. Mit dem Zeigefinger alleine geht das schlecht.

Edson meldet sich nicht

Als er fertig war, versprachen wir in Kontakt zu bleiben – schließlich fällt immer mal was an. Außerdem träumen wir noch von Fliegengittern vor den Klimaanlagenschächten. Ich solle mich melden, wenn ich Nähere wüsste, sagte Edson und verschwand.

Nun wollte ich den Kontakt auffrischen und schickte eine Whatsapp. Am 17. September war das. Brasilianer sind süchtig nach Whatsapp, dachte ich. Normalerweise erhält man sofort eine Antwort. Edson ist da offenbar anders. Wie es ausschaut, hat er die Nachricht bislang noch nicht einmal gesehen. Ich vermute stark, dass er sein Handy verloren hat. Anders ist das nicht zu erklären.

Und nun?

?

Sitzt, wackelt und hatLuft.

Ich erinnerte mich an eine Art Hausmeister. Er wurde vorbeigeschickt, als wir einmal ein verstopftes Klo hatten. Hin und wieder sehe ich ihn im Foyer sitzen. Als er mir dieser Tage im Flur entgegenkam, schnackte ich ihn an.

Klar, kein Problem, er komme später am Tag vorbei und schaue sich das Ganze mal an. Prima, dachte ich, heute Abend hängen die Bilder. Naja, nicht ganz.

Eduardo, so heißt der Knabe, kam tatsächlich. Jedoch, das sah ich gleich, ohne Werkzeugkasten. Mit dem Aufhängen gleich würde es wohl nichts, schloss ich messerscharf.

„Ich brauche die Pläne der Wohnung, wegen der Leitungen. Nicht, dass wir aus Versehen eine Leitung anbohren.“

Im Grunde nicht doof. Aber auf den betreffenden Wänden gibt es keine Steckdosen. Strom dürfte dort eigentlich nicht laufen. Richtig, eigentlich. Wir sind in Brasilien. Kann mir nicht vorstellen, dass man hier etwas von deutschen Baunormen gehört hat.

„Okay, besorge ich“, sagte ich großspurig. „Wo bekomme ich die denn her? Von der Hausverwaltung?“

Eduardo schüttelte den Kopf. „Vom Vermieter.“

Uff. 80, 100 oder wieviel Wohnungen, die Verwaltung hat keine Pläne. Sehr schön. Ich verprach mich drum zu kümmern.

Die Pläne waren wider Erwarten flott da. Sogar ohne Nachfragen. Jetzt wissen wir, wo Wasser- und Stromleitungen verlaufen. Und alles andere auch.

Fünf bis sechs Anläufe sind normal

Zwei Tage treffe ich Eduardo wieder. „Die Pläne sind da!“ rufe ich. Er verspricht vorbeizukommen.

Eine Stunde später steht er im Wohnzimmer, versucht mir zu verklickern, weshalb er nicht Bohren will. Aber er will sich drum kümmern, er brauche nur Geld für Material. Eine weitere Stunde später ist er wieder da. Mit sechs Plastikaufhängern, wie man sie für Küchentücher o.ä. kennt. Tragelast nominal 450 Gramm pro Stück. Noch nie hat bei uns eines länger als ein paar Wochen gehalten.

Ich sage erstmal nichts. Er misst an der einen Wand, wo die blaue Frau hinsoll. Als er an einem Haken die Folie von der Klebefläche abpopelt frage ich doch mal, was er vorhat. Na, das Bild aufhängen, entgegnet er.

„Damit?“

„Ich wollte zwei benutzen.“

„Ich glaube, es wäre schlauer zu bohren. Meinst du nicht?“

„Da bräuchte ich eine Bohrmaschine.“

„Das stimmt.“

„Ich frag mal, ob eine im Haus ist.“ Er geht zum Interfone, ruft bei den Porteiros an. „Es ist keine da. Da müsste ich meine von zu Hause mitbringen.“

„Das ist doch eine gute Idee“, versuche ich ihn zu bestärken.

„Also dann bringe ich die Bohrmaschine mit und komme dann nochmal vorbei.“

Dafür bekommt er von mir zwei Daumen hoch. Die übrigen drei Handtuchhalter kommen in die Küchenschublade.

Weitere Tage verstreichen. Es klingelt. Eduardo! Mit Bohrmaschine! Wir schieben die Möbel beiseite, ich hole den Staubsauger. Es kann losgehen. Wrumm, flupp. Der erste Hohlziegel ist aufgebohrt. Eduardo kramt nach dem passenden Dübel. Keiner passt.

„Ich fürchte, ich muss Dübel kaufen gehen.“ Wieder gebe ich ihm Geld.

„Dann bring doch auch gleich Bilderhaken mit“, schlage ich vor. Er nickt.

Bilder mit Handtuchhaltern aufhängen? Lieber nicht

Eine halbe Stunde später scheint alles zu klappen. Es ist 12.10 Uhr. In einer halben Stunde kommen Wiebke und die Kinder zum Mittagessen, die Wohnung sieht aus wie frisch eingezogen, auf dem Herd kocht die Bolognese vor sich hin.

Doch es scheint zu klappen. Beim Dreisatz zum Bestimmen des Abstandes bin ich nochmal behilflich. Den Rest macht Eduardo. 12.25 Uhr, alle drei Bilder hängen. Sofa und Tisch stehen wieder an ihrem Platz.

„Was bekommst Du dafür?“ frage ich Eduardo.

„Nichts. Ich bin beim Besitzer der Wohnung für solche Dinge angestellt“, sagt er. Der Besitzer ist eine Firma aus Sao Paulo, die in dem Komplex 49 Wohnungen besitzt. Das scheint sich dann zu lohnen, einen eigenen Mann vor Ort zu haben. Nur: Warum hat der dann nicht einfach alle Pläne zur Hand? Und eine Bohrmaschine und zumindest einen kleinen Werkzeugkasten.

Vier- , fünf-, sechsmal muss jemand kommen, bis drei Löcher in der Wand sind und drei Bilder hängen. Kommt mir wie eine ABM vor. Und, sollte ich nochmal für längere Zeit in ein fremdes Land ziehen, werde ich zusehen, ob im Gepäck nicht doch noch Platz für die Bohrmaschine ist.