Der Abschied ist ein mieses Arschloch

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Entdeckungen im Botanischen Garten.

Heute kommt alles zusammen: Es ist Montag, trübe Dunstsuppe draußen, Kinder, die einfach nicht aus dem Bett kommen und vier schwere Herzen. Gestern Abend sind Oma und Opa wieder zurück nach Frankfurt geflogen. Zwei Wochen waren sie hier, haben mit uns einen tollen Ausflug zu den Wasserfällen von Iguacu gemacht und unseren Alltag geteilt.

Als sie gestern Abend in das Taxi von Mauro stiegen und Richtung Flughafen davonfuhren, hatte ich nicht nur zwei herzzerreißend traurige Kinder im Arm, denen man in diesem Moment kaum Trost spenden konnte. Zum ersten Mal nach 9 Monaten, 25 Prozent unserer Brasilienabenteuers ist also schon rum, fragte ich mich kurz: Was, zum Henker, machen wir hier überhaupt?

Große Vorfreude bei den Kindern

Was hatten sich die Kinder auf den Besuch gefreut. Tagelang hatten sie sich den Kopf zerbrochen, was sie Opa und Oma von „ihrem“ Rio alles zeigen wollten. Schließlich war Rio für die Großeltern bis dato ein eher theoretisches Konstrukt, das sie nur aus Erzählungen kannten. Mit in die Schule mussten sie – klar. Ella zum Schwimmen begleiten, mit Edgar zu Fußballtraining. Nicht die großen Sehenswürdigkeiten waren es, die sie interessierten, für die sie gekommen waren. Die lange Reise auf sich genommen hatten sie in erster Linie für die Kinder und uns.

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Mittagessen auf dem Fischmarkt.

Ella und Edgar hatten ein großes Willkommens-Transparent gemalt: „Willkommen in Brasilien, Opa und Oma!“ stand darauf. Es klebte bis gestern Abend an unserer Wohnungstür. Unter Tränen popelten wir es ab, verstauten es im Schrank. Vielleicht können wir es ja noch einmal verwenden, hofften die Kinder und ich.

Entdeckt haben wir aber trotzdem eine Menge: Das neu gestaltete Hafenviertel war der Einstieg, das Stadtzentrum und eigentlich auch die Confeitaria Columbo – wären sie in der Lage gewesen, eine Reservierung entgegen zu nehmen. Auf dem Cristo waren wir – ziemlich wolkige Angelegenheit, wenig Fernblick, dafür unso besseres Abendlicht auf dem Zuckerhut. Niemeyers Niteroi gehörte zum Programm, natürlich mit der Fähre auch Lapa, die Treppe von Seleron oder die moderne Betonkathedrale São Sebastião.

Apropos Verkehrsmittel. Wir sind so ziemlich alles gefahren, was Rio mobilitätsmäßig zu bieten hat: Taxi, Bus in den Botanischen Garten, Metro, Fähre nach Niteroi, Bondinho hinauf zum Cristo und später zurück von Santa Teresa in die Stadt.

Viele tolle Sachen erlebt

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Niteroi.

Ein Konzert sahen wir auch: Das Urca Bossa Jazz. Copacabana entdeckten wir gemeinsam, Leblon und Ipanema erkundeten Oma und Opa auf eigene Faust. Auch wenn es immer wieder heißt, Rio sei so gefährlich: Es gab überhaupt keine Probleme. Selbst dann nicht, als wir fotografierend den Strand von Copacabana entlangliefen – die einzigen Menschen weit und breit mit Hemd, langer Hose, Fotoapparat, Rucksack – mehr Tourist ging eigentlich nicht.

Auch die kleinen Dinge abseits der großen Touristenpfade schauten wir uns an. Die Markthalle Cobal, den Fischmarkt in Niteroi, Ellas und Wiebkes Lieblingscafé, der Parque das Ruinas – und die Ideen hätten noch für ein paar Wochen mehr gereicht.

Während die Kinder sich vorbehaltlos auf den Besuch gefreut hatten, machten wir uns unsere Gedanken: Was, wenn den beiden Rio so gar nicht zusagt – zu dreckig, zu laut, zu chaotisch, zu gefährlich. Was, wenn wir ständig Diskussionen führen müssten? Diskussionen a la: Wollt ihr das den Kindern wirklich antun? Würde das Ganze Unternehmen grundsätzlich infrage gestellt?

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Pure Freude.

Sicher: Die Wohnung ist klein, viel kleiner als unser Reihenhäuschen in Rödelheim war. Unser Alltag besteht aus Improvisationen und Kompromissen, aus Abstrichen an Komfort und Geregeltheit. Gar keine Frage. Auch haben die Kinder weniger Spielzeug, können sich weniger frei bewegen, stießen – zumindest am Anfang – immer wieder an die Sprachbarriere.

Doch, welche ein Glück, alles das spielte überhaupt gar keine Rolle. Und nicht nur das: Oma und Opa scheinen wirklich Gefallen an Rio gefunden zu haben. Architektonisch, historisch, kulturell. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätten wir das gemerkt. Man muss ja nur irgendwo hinschauen und stellt mehr oder weniger große Unterschiede zur europäischen und speziell deutschen Alltagskultur fest. Auf den ersten Blick sieht alles gar nicht so viel anders aus. Aber schaut man sich das mal etwas genauer an. Und das taten sie – neugierig und aufgeschlossen. Wir waren erleichtert. Allen Beteiligten geht es prima, stellte auch oma fest. „Das werde ich auch den anderen berichten.“

Sie probierten Ellas heißgeliebtes Kokoswasser. Beim ersten Schluck war zu erkennen, dass dies nicht das Lieblingsgetränk werden würde. Muss es ja auch nicht. Hauptsache ausprobiert. Gerade kulinarisch wurde alles ausprobiert, was auch immer wir zum Probieren vorsetzten. Das war irgendwie schön zu sehen, setzt es doch auch ein gewisses Vertrauen voraus.

Kulinarischer Entdeckungsplan

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Lesen.

Ganz oben auf dem kulinarischen Entdeckungsplan standen natürlich ein paar Klassiker. Churrasco, das Grillgericht, bei dem die Kellner mit Fleischspießen an den Tisch kommen und frisch abschneiden, war ein Volltreffer. Das testeten wir gleich mehrfach – zumal wir ein Churrasco in einem Restaurant auch noch nicht erlebt hatten. Zum Abschluss gab es dann den Bohneneintopf Feijoada, natürlich am Wochenende, wie sich das gehört, stilecht mit einer Caipirinha vorweg.

Besonders schön zu sehen war jedoch, welche große Freude die Kinder an dem Besuch hatten. Sie wichen Opa und Oma kaum von der Hand, zeigten ihnen Rio und den Stadtteil Botafogo aus Kindersicht.

Umso herzzerreißender war da leider der Abschied. Schon donnerstags wurde es den Kindern so langsam bewusst, dass der Besuch nicht ewig dauert. „Ich möchte nicht, dass Opa und Oma wieder fahren“,hatten Edgar und Ella unter Tränen kurz vor dem Einschlafen geklagt. Auch am Sonntag taten sich die beiden schwer, war ihnen das Unbehagen des bevorstehenden Abschieds anzumerken. Sie waren fahrig, grätig, nölig – aber irgendwie müssen sie ja auch mit der Situation klarkommen.

Der Abschied ist ein mieses Arschloch. Den braucht kein Mensch. Das musste ich schon vor vielen Jahren feststellen. Damals, als Wiebke noch in Hamburg lebte, ich in Bonn. Als wir alle zwei Wochen die Tasche packten, uns auf die Schiene schwangen, um zumindest das Wochenende mit dem anderen verbringen zu können. Vier Jahre ging das so. Und ich weiß heute nicht mehr, was ich beschissener fand und was mehr wehtat: Das wegfahren dürfen oder das bleiben müssen?

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Flughafen Iguacu.

Klar, Abschiede muss man lernen. Edgar sagte einen bemerkenswerten Satz: „Jetzt fühlen sich Oma und Opa plötzlich viel weiter weg an.“ Mit sieben Jahren so ein Satz. Was soll man dazu sagen, außer: Du hast Recht? Und wenn dann noch ein Satz draufgesetzt wird wie: „Warum können wir denn Opa und Oma erst wieder in einem halben Jahr sehen?“ Dann gerät man ins Schwanken. Dann geraten Entscheidungen, die man bislang für absolut richtig und unumstößlich gehalten hatte, plötzlich ins Wanken, weil man plötzlich glaubt, man täte seinen Kindern grundlos unnötig weh. Nein, nicht grundlos, sondern aus Egoismus. Und es sind ja nicht nur die beiden, die die Kinder, die wir, von Zeit zu Zeit auch sehr vermissen. Aber was soll man sagen? Gehört das nicht manchmal auch dazu, zum groß werden? Nur eine Antwort hatte ich nicht parat. Ich wusste mir daraufhin nur mit einer Doppelfolge Laurel und Hardy zu helfen und die beiden auf dem Sofa fest an mich zu drücken.

Früher sahen sie ihre Großeltern einmal pro Woche

Zum Glück kam Wiebke nicht so kreuzunglücklich vom Flughafen zurück wie befürchtet. „Habt Ihr auch so viel geweint, bis Du auch traurig?“ fragte Ella Wiebke.

„Nur ganz kurz. Ich habe schon wieder viel gelacht mit Mauro“, sagte sie. Auf dem Rückweg im Taxi. Später wird sie mir noch erzählen, dass Opa und Oma schon daran gedacht haben, uns nicht vielleicht noch einmal besuchen zu kommen. Ein solcher Satz war mir am Nachmittag schon aufgefallen, als Wiebke ihm schnell noch ein großes Schreibwarengeschäft zeigen wollte. „Ich schreibe mir das auf die Liste für das nächste Mal“, hatte er da gesagt. Ganz beiläufig. Geht ja auch gar nicht anders: Er hat ja sein Hemd und seine Hose vergessen, als er sich für den Flug umziehen wollte.

Die Brasilianer haben einen Begriff, der sich scheinbar nicht ins Deutsche richtig übersetzen lässt: „Saudade“. Eine diffuse Sehnsucht, ein Schmerz, eine Mischung aus Heimweh und Weltschmerz.

Und heute? Geht der Alltag irgendwie weiter. Muss ja. Der Wecker klingelte wie eh und je um 5.45 Uhr. Heute fiel den Kindern das aufstehen besonders schwer. Die Wohnung ist halbwegs wieder aufgeräumt. Nur Katze Kafka ist noch da. Das Wetter bewölkt – Herbstblues, obwohl ja eigentlich der Frühling längst begonnen haben sollte. Das Transparent „Willkommen in Brasilien, Opa und Oma!“ haben wir vorsichtig eingerollt, damit es nicht kaputt geht. Sieht ja so aus, als bräuchten wir es nocheinmal.