Sicherheit: 48.000 Verkehrstote in Brasilien sind kein Zufall

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Kunst oder Mahnmal?

Es sieht aus, wie der Tatort eines Mordes. Mit weißer Farbe sind die Umrisse eines Menschen auf die Fahrbahn gemalt, drumherum ist rote Farbe verspritzt, sie soll Blut symbolisieren. Daneben in großen, roten Lettern ein Name: Julia. Ein weiß angestrichenes Fahrrad baumelt an der Ampelanlage, Ecke Rua Sao Clemente und Rua Sorocaba in Botafogo. Es wirkt erhängt.

Ist das Kunst oder ein Mahnmal?

Letzteres. Vor wenigen Tagen ist an dieser Stelle wohl ein Radfahrer tödlich verunglückt. Vermutlich wurde er von einem Auto oder Bus erfasst. Die Rua Sao Clemente ist eine der Hauptverkehrsadern der Südzone Rio de Janeiros. Auf der dreispurigen Einbahnstraße donnern täglich viele Tausend Fahrzeuge in Richtung Lagoa Rodrigo de Fraitas, Gávea, Ipanema, Barra de Tijuca und die größte Favela Rocinha.

Subjektiv hat man das Gefühl, dass der Straßenverkehr relativ glimpflich verläuft. Angesichts dessen, dass viele Autofahrer wührend der Fahrt mehr auf das Smartphone schauen als auf die Straße, Busfahrer an Fußgängerampeln gerne über Rot donnern, Motorradfahrer sich zwischen stehenden Autos entlangschlängeln, Fußgänger grün von rot kaum zu unterscheiden wissen und die wenigen Radfahrer, die es gibt, auch gerne gegen die Fahrtrichtung fahren. Vom sicherheitstechnischen Zustand der Räderganz zu schweigen. Licht, Bremsen? Das hat fast kein Rad. Radhelm? Daran erkent man allenfalls den Gringo.

Doch der Eindruck täuscht. Brasilien ist eines der Läder mit den meisten Verkehrstoten der Welt. Laut dem Institut Instituto Avante Brasil rangiert Brasilien in den absoluten Zahlen auf Platz 4 der Welt. Nur in China, Indien und Nigeria sterben mehr Menschen auf der Straße. In China sind das im Jahr fast 276.000 Menschen. In Brasilien waren es 2014 48.342. Also 4029 im Monat, 132 pro Tag, sechs pro Stunde oder alle zehn Minuten einer. Alleine im Bundesstaat Rio de Janeiro waren es 2015, laut Gesundheitsministerium, 2835. In Deutschland starben, wohlgemerkt im ganzen Land, im selben Zeitraum 3459.

Was sind die Ursachen? Neben dem bereits oben skizzierten unangepassten Verhalten der Verkehrsteilnehmer sieht die Organisation Anti Drogas den Alkohol als größtes Problem. Laut Anto Drogas ist Alkohol bei 61% der Unfälle die Ursache. Bei den Unfällen mit Todesfolge sogar bei 75% der Fälle. Dabei gilt in Brasilien eigentlich die 0,0-Promille-Grenze.

Hinzu kommt sicherlich auch eine sehr hohe Verkehrsdichte in den Großstädten und zu schnelles Fahren. Ein Unfall, der die Gemüter erregte, ereignete sich 2011. Als der Sohn des damals reichsten Brasilianers Eike Batista auf dem Rückweg von Petropolis auf kurvenreicher Strecke mit seinem McLaren Mercedes zu schnell fuhr und einen alkoholisierten Radfahrer totfuhr. Batistas Sohn war schon vor dem Unfall einschlägig bekannt gewesen für zu schnelles Fahren. Er hättezum Unfallzeitpunkt eigentlich keinen Führerschein mehr besitzen dürfen.

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Anklage.

Radfahrer sind in Rio besonders gefährdet. Rio ist keine radfahrfreundliche Stadt. Radwege gibt es zwar, jedoch sind dies meist nur Ausflugsstrecken (entlang der Küste Richtung Barra de Tijuca,oder entlang des Aterro in Flamengo). Ein alltagstaugliches Radwegenetz existiert nicht.

Im Bundesstaat Rio Grando do Sul hat man vor allem die Abend- und Nachtstunden als Unfallschwerpunkte ausgemacht  Das wundert nicht sonderlich, gerade Radfahrer sind in den allermeisten Fällen ohne Licht unterwegs. Aber einen anderen Grund hat man dort auch ausmachen können: Viele Verkehrsteilnehmer, insbesondere Autofahrer, ignorierten gerne die Ampelsignale und würde auch über Rot weiterfahren. Es scheint sich also auch um ein gewisses Bildungsproblem zu handeln. Aber es ist auch Ausdruck der allgemeinen Sicherheitslage in Brasilien. Geradein den Abend- und Nachtstunden haben Autofahrer Angst vor Überfällen an roten Ampeln und fahren deshalb lieber weiter. Das Risiko eines Unfalls erscheint ihnen niedriger als das, Opfer eines Überfalls zu werden.

Rund um um die Unfallstelle in Rio de Janeiro haben Aktivisten ebenfalls eine Botschaft hinterlassen, die in diese Richtung geht. “Morte no transito nao é acidente” – Tod im Verkehr ist kein Zufall.