Da simmer dabei: Der Konsul bittet zum Empfang

14469481_10154596652421974_8288914424038313042_nEmpfänge, Festakte und dergleichen mochte ich schon in meinem früheren Leben als Lokalredakteur nicht sonderlich. Neujahrsempfang des Landrats, der CDU, der SPD, Festakt Tag der deutschen Einheit, Jubiläen – weiß der Geier. Irgendwas war ja immer. „Premiumtermine“ wurde das eine Zeit lang in der Redaktion genannt, was gleichbedeutend war mit: Nein, da geht kein freier Mitarbeiter hin, da muss der Redakteur höchst selbst antanzen. Klar, nach einem normalen Tag in der Redaktion. Und am nächsten Morgen wieder normal antreten.

Doch das war nicht das, was mich anödete. Es waren die Veranstaltungen selbst. Steifes Rumgestehe, Händeschütteln, Grußwort hier, Grußwort da, selbstbeweihräuchernde Sonntagsreden ohne Nährwert. Hinterher verglichen die Parteien die Anzahl der Zeilen, in denen ihre Vertreter zitiert wurden. Wehe, da hatte einer eine Zeile mehr Raum erhalten. Standen Wahlen an, gingen die Beschwerden gleich an die Chefredaktion.

14590433_10154596652516974_7497956288761061238_nInhaltlich dünn, langweilig und einfach ohne journalistischen Nährwert das Ganze. Ist ja nicht so, dass einem ausgerechnet beim Smalltalk jemand eine heiße Story steckt. Also brav hin, möglichst auffällig ein paar Fotos machen als Anwesenheitsbeleg (War von der Zeitung keiner da? Doch, doch, der ist doch da durch die Blumendeko gerumpelt und hat Fotos gemacht) und dann möglichst zügig wieder weg.

Diesmal war es anders. Der Generalkonsul von Rio de Janeiro hatte in sein Anwesen in Santa Teresa eingeladen, zum Tag der Deutschen Einheit. Viele Lehrer der deutschen Schule erhielten eine Einladung, Wiebke auch. Klar gehen wir hin.

Schon alleine, um sich die Location etwas genauer anzuschauen. Der Konsul residiert im Stadtteil Santa Teresa, der liegt am Nordhang des Corcovado, des Bergs auf dem Cristo Redentor steht. Kopfsteinpflastergassen, hohe Mauern, große, blickdichte Grundstücke. Santa Teresa ist historisch ein großbürgerliches Viertel, entstanden um die vorvergangene Jahrhundertwende. Inzwischen ist der Stadtteil weitgehend gentrifiziert, Reiseführer preisen ihn als Hotspot für Künstler, Nachtschwärmer, die Bohème von Rio.

Am Eingang Blaulicht und Ausweiskontrolle. Das gehört in Rio meist dazu, auch wenn vor dem Eingang kein geifernder Pegida-Mob die Gäste beschimpfte, wie am Montag in Dresden. Das Anwesen selbst ist eine stattliche Villa mit Türmchen. Natürlich geschmackvoll eingerichtet mit Antiquitäten. Der eigentliche Star ist jedoch der Garten. Leicht abschüssig mündet er in eine Terrasse mit kleinem Pool. Von der Terrasse hat man einen fantastischen Blick über die Innenstadt, die Stadtteile Gloria, Flamengo und natürlich auf den Zuckerhut. Dazu Kölsch und Currywurst. Nur die Kölner Tatort-Kommissare Ballauf und Schenk haben in der obligatorischen Schlussszene an der Wurstbraterei einen ähnlich schönen Blick.

14484835_10154596652556974_3338558516354375067_nRecht leger das Protokoll. Klar, Schlips und Kragen sind irgendwie Pflicht. Der Ablauf weniger Steif. Ein kurzes Grußwort des Konsuls, etwas untergegangen im fortwährenden Gemurmel. Ein Beamer wirft Impressionen aus Deutschland in Endlosschleife auf eine Leinwand – Reichstag, ein Schäfer in der Lüneburger Heide, Teutoburger Wald, Heidelberg, Reichstag…. Unterlegt durch elektronisch aufgepeppter Bosa Nova.

200, vielleicht 300 Gäste lassen sich Nürnberger Bratwürste schmecken, Kartoffelsalat, Wiener, Fleischkäsebrötchen und spülen die Currywurst mit Mühlen Kölsch, Krombacher und Henkel Trocken herunter. Erfreulich unprotzig das Ganze. Gut, das Land – also Brasilien – ringt mit der Wirtschaftskrise, während Olympia gab es sicher auch den einen oder anderen Empfang dort, da muss man die Korken nicht allzu laut knallen lassen.

Erstaunlich auch: Relativ viele Gesichter, die ich schon kannte. Klar, die Schule war stark vertreten, aber auch Kollegen waren dort und ein paar andere, die uns irgendwie schon einmal über den Weg gelaufen sind, seit wir hier sind. Das macht die Sache kurzweilig. Die deutsche Community scheint relativ überschaubar. Daneben relativ viele Gesichter, deren mehr oder weniger jugendlichen Aussehen offensichtlich ein wenig nachgeholfen wurde. Aber gut, muss jeder selbst wissen.

Gegen 23 Uhr düsen wir wieder ab – Babysitter Ben ablösen. Den hatte uns dankenswerterweise Leni vermittelt. Ohne seine Hilfe wäre das nämlich nichts geworden, mit dem Empfang beim Konsul.