Kater Kafka und wir

Ginge es nach Ella, hätten wir ein Pferd. Oder einen Hund, mindestens jedoch eine Katze. Meerschweinchen? „Ne, die können ja nur quieken“, sagt sie. Recht hat sie. Ich weiß gar nicht, wie oft wir schon über das Thema Haustiere gesprochen haben. Es begann, glaube ich, schon in Frankfurt, als plötzlich Gott und die Welt sich Katzen zulegte. Dort hatten wir sogar noch einen Garten, in dem sich ein Haustier hätte bewegen können. Hier in Rio haben wir keinen Garten. Die halbe Wohnfläche im achten Stockwerk eines Wohnkomplexes. Zum Nachbarhaus könnte man hinüberspucken – maximale Ausnutzung des Baugrunds ist hier üblich, ja keine Rendite verschenken. Dennoch sind die Mieten happig, selbst wenn man aus einer der Big-7-Städte kommt. So nennt man in der Immobilienbranche die Städte Hamburg, Berlin, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart, München. In ihnen sind die Mieten bundesweit am höchsten.

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Ella und Änni.

Für das, was man hier in Rio in der Südzone – in her halten sich praktisch alle Expats auf – eine 100 qm große Wohnung mietet, und ich rede keinesfalls von Luxus und Neubau direkt am Meer, kann man auch im Frankfurter Holzhausenviertel wohnen mit Aufzug und Marmor. Oder in Schwabing, oder in Blankenese – ich glaube, ihr versteht, was ich meine.

Haus mit Garten? Unbezahlbar. Und wenn, dann Stunden von der Stadt entfernt. Kurzum: Das Thema Haustier kann und sollte man in Rio getrost abhaken. Sollte man meinen. Doch weit gefehlt. Kein Land der Erde, in dem es mehr kleine Hunde pro Einwohner gibt. Das hat Gründe: Kleine Fifis, wie sie auch B-Promis wie Paris Hilton haben, gelten als Statussymbol. Wer einen Hund hat, gehört mindestens mal zu Mittelschicht. Auch wenn er ihn am Ende gar nicht selbst ausführt. Darum geht es ja nicht.

Und wenn die Hunde dann doch mal gelüftet werden, zeigen die Cariocas ihre ganze Zuneigung. So sieht man durchaus in den Wintermonaten (August, durchschnittlich 23 Grad Celsius) Hunde mit Deckchen, Schnürschühchen oder Regencape. Einmal sah ich gar einen Husky im Mäntelchen. Mit lief beim bloßen Anblick die Brühe runter. Gut gemeint ist halt immer noch das Gegenteil von gut.

Und für das Viehzeug, überwiegend Hunde, schießen die Fachgeschäfte und Boutiquen wie Pilze aus dem Boden. Einige Zeit lang eröffnete an jeder Ecke eine Apotheke. Der Bedarf scheint gedeckt. Jetzt machen die Einzelhandelsstartups in Rio offensichtlich in Haustieren. Ein paar Häuser weiter. Der leerstehende Laden, ca. 16 qm nur groß, war die letzten Wochen aufwendig renoviert worden. Gestern war Eröffnung. Überraschung! Eine Hundeboutique. Für die ersten Gäste gab es Häppchen und Sekt – wie bei einer Vernissage.

Hundehaltung in Rio grenzt an Tierquälerei

Man darf sich schon fragen, wie schlau es ist, in einer dichtbesiedelten Stadt wie Rio einen Hunde im neunten, zehnten, fünfzehnten Stock zu halten, der einmal pro Tag kurz auf die Straße darf. An der Leine versteht sich. Ich habe hier noch keinen Hund rennen sehen.

Die Sinnlosigkeit der Haustierhaltung die Kinder auch soweit eingesehen. Wobei neulich wäre Ella beinahe schwach geworden. Gleich neben dem Platz, wo üblicherweise das Obdachlosenfrühstück stattfand, lebte ein kleiner Händler mit seinen Hunden. Dort gab es nun Nachwuchs – acht Welpen. Niemals könnte der Mann die Tiere durchfüttern, also verschenkte er sie. Auch mir bot er eins an, wegen der Kinder. Ich lehnte ab.

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Edgar und Ringo.

Und wenn nicht, dann stellt sich die Frage: Was würde mit dem Tier passieren, wenn wir in zweieinhalb Jahren wieder nach Deutschland zurückkehren? Tierheim? Verschenken? Einfach laufen lassen? Streunende Hunde gibt es reichlich. In Flamengo gibt es einen Park, in dem hunderte Katzen leben. Irgendwo eingesammelt, werden sie dort Nachts kartonweise ausgesetzt. Es stinkt bestialisch. Gäbe es nicht ein paar nette Omis aus der Nachbarschaft, die Tiere müssten verhungern oder würden an Krankheiten eingehen.

Für Ella und Edgar haben wir einen Kompromiss gefunden. Julia, die gute Seele der Schule (die sich immer um unsere Wohnung gekümmert hat, oder mit dem Telefonanbieter NET sich in unserem Namen expliziert) besitzt zwei Hunde. Mit ihr treffen wir uns ab und an einem Sonntag und die Kinder dürfen die Hunde Gassi führen.

Edgar hat es Ringo angetan. Ringo ist ein Beagle (kein Beatle, obwohl genau daher sein Name stammt), etwas gemütlicher veranlagt und lange nicht zu quirlig wie die Mischlingshündin Änni, die Ella seither als ihren „Patenhund“ bezeichnet.

Gerade Ella hat schon ein riesiges Herz für Tiere und das wollen wir auch nicht im Keim ersticken. Kaum ein Hund auf der Straße an dem sie vorbeigehen kann, ohne den Besitzer zu fragen, ob sie einmal streicheln darf (passar mao). Ist ja schließlich im Grunde eine gute Sache. Nur ein halbwegs passender Rahmen muss halt vorhanden sein. Das Modell Patenhund funktioniert prima. So haben die Hunde jemanden zum herumtollen und die Kinder auch.

Das Zusammenleben mit einem Tier ist damit aber immer noch nicht geübt. Auch wenn es Ella und Edgar zu gerne gehabt hätten, wenn wir Julias Hunde in Pflege genommen hätten, als sie ein paar Wochen in Deutschland war.

Vielleicht ist ja eine Katze besser geeignet

Isaac und Cristina haben wir vor ein paar Monaten kennengelernt. Isaac arbeitet für eine Nachrichtenagentur, die beiden sind im Juli aus Havana nach Rio gezogen. Wegen der Olympischen Spiele konnten sie keine Wohnung finden – vom Olympiakuchen wollte sich jeder Vermieter ein möglichst großes Stück abschneiden. Da kam mir eine Idee: Die ersten beiden Augustwochen planten wir nach Curacao zu fahren. Unsere Wohnung war also frei. Da mir Isaac gleich sympathisch war, fragte ich, ob ihm das weiterhälfe, dann könnten sie ruhig einziehen.

Mit Cristina und Isaac zog auch Kafka vorübergehend ein. Kafka (klingt fast soschön wie Helge Schneiders Orang Utan-Klaus) ist der Kater der beiden.

Nun, im Oktober sind die beiden unterwegs. Und was ist mit der Katze? Cristina und Isaac sind extrem hilfsbereit. Vorigen Samstag genügte ein Anruf und Cristina stand auf der Matte, um auf die Kinder aufzupassen, während Wiebke mit mir ins Krankenhaus ging. Mit kam eine Idee – Könnten wir nicht ein paar Tage auf Kafka aufpassen? Eine Woche oder zehn Tagevielleicht? Dann hätten die Kinder endlich mal ein Haustier für eine  längere aber überschaubare Zeit, könnten sehen, wie sie mit einem solchen Mitbewohner klarkämen. Eine Katze ist zudem pflegeleichter als ein Hund. Kein Gassi gehen, keine Würstchen aufsammeln auf dem Gehweg. Wäre doch ein schöner Kompromiss.

Was Kafka von der Idee hält – schwer zu sagen. Plötzlich mit zwei quirligen Kindern zusammenleben ist sicher eine Umstellung für ihn. Ella und Edgar waren dagegen gleich Feuer und Flamme. Von ihnen aus könnte es gleich losgehen.