Warum uns der Begriff Auswanderer nicht gefällt

IMAG1044Es gibt einen Begriff, mit dem kann ich nicht viel anfangen. Ja, er ärgert mich sogar ein wenig. Wenn uns jemand als Auswanderer bezeichnet. Auswandern, das klingt nach den Hirnis, die ihr Hab und Gut versilbern, ohne Job, aber mit einer todsicheren Geschäftsidee, ohne Sprachkenntnis in ein Land ziehen, vornehmlich am Mittelmeer und denen RTL2 dann genüsslich beim Scheitern zusehen darf.

Auswanderer, das klingt für mich nach der Zeit um die vorvergangene Jahrhundertwende, als ganze Dorfgemeinschaften mit Dampfern in die neue Welt aufbrachen, um ihr Glück zu suchen – meist getrieben aus der Not heraus, durch Missernten und Wirtschaftskrisen.

Auswanderer, das klingt nach Zelte abbrechen, abhauen auf Nimmerwiedersehen. Im Stich lassen.

Alle diese Dinge treffen auf uns ja nicht zu. Wir kommen ja wieder! Und wenn ich die Fotos von der Weingarage heute sehe, oder als wir kurz per Skype zugeschaltet wurden, dann wissen wir auch warum.

Wir haben nicht unsere letzten Ersparnisse zusammengekratzt für ein One-Way-Ticket ins Ungewisse. Wir wissen, unsere Mission ist zeitlich begrenzt. Danach geht es wieder weiter in Frankfurt, alles wie gehabt.

Wie sagte neulich ein junger Este im ARD-Weltspiegel: „Nur weil wir neugierig sind und gerne Neues kennenlernen heißt das ja nicht, dass wir unsere Wurzeln nicht zu schätzen wissen.“ Das drückt unsere Haltung eigentlich ganz gut aus.

Zum Glück brauchen wir nicht die bürokratischen Hürden zu überwinden die nötig sind, um in Brasilien eine Existenz zu gründen. Und auch kein Geschäftsmodell mussten wir uns zuvor überlegen.

Wir laufen vor nichts davon, wir flüchten nicht. Wir tun dies freiwillig, ganz aus eigenem Antrieb. Aus reiner Reise- und Abenteuerlust. Weil wir in der Welt herumkommen wollen, solange es viele Dinge noch zu sehen gibt. Weil wir neugierig sind auf andere Kulturen, versuchen wollen zu verstehen und sehen wollen, wie es sich anfühlt, nicht nur auf der Durchreise irgendwo vorbeizukommen, sondern bleiben zu dürfen und ohne Zeitdruck entdecken zu können.

Wir sind Reisende, keine Ausreißer.

P1070280Ausreißer vielleicht schon, im übertragenen Sinne, aus der Alltagstretmühle. Unser Leben verlief bisher in mehr oder weniger geordneten Bahnen. Das ist  natürlich auch etwas Schönes. Aber allzu lange immer dasselbe schläfert ein, stumpft ab, lässt einen nicht mehr so genau hinschauen. Man funktioniert und trottet mit bis man irgendwann innehält und sich fragt, was die letzten Jahre eigentlich so passiert ist. Darum ist ein Tapetenwechsel manchmal nötig. Im Job, oder, wie jetzt, gleich mal ganz.

Sicher, man kann sich fragen, ob ein gewisser Trott nicht auch etwas Angenehmes ist. Ist es, keine Frage. Der Alltag bietet auch eine gewisse Komfortzone, einen Schutzraum. „Ich könnte das nicht“ – diese Reaktion haben wir relativ oft gehört, gleich nach „boah, ist ja cool“.

Es ist auch manchmal zum verzweifeln, wenn einen ein Verkäufer wiederholt fragend anblickt, obwohl man glaubt, sein bestes Portugiesisch ausgepackt zu haben. Wenn man vor der nächsten Hürde steht, wieder ein Papier fehlt, oder man jemandem einfach nicht verklickern kann, was man jetzt will.

Mindestens genauso oft sind es aber die kleinen Erfolgserlebnisse, die einen bestärken. Wenn es eben doch klappt und einem der Gegenübermit erhobenem Daumen signalisiert: ich habe verstanden. Wenn man das Gefühl hat, beim Small Talk doch etwas erzählen zu können. Oder wenn es gelingt, aus dem Nichts, völlig fremd in einer Stadt, einem Land, einem Kontinent, ein tragfähiges Netzwerk mit Menschen zu spinnen, die einem das Gefühl geben, abgekommen und willkommen zu sein.