Zum ersten Mal im Stadion: Vasco 2, Joinville 0

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Christian macht ein Foto vom Mannschaftsbus.

Mindestens so wichtig wie der Besuch von Cristo und Zuckerhut ist ein Besuch in einem brasilianischen Fußballstadion. Den Haken kann ich nun auch setzen. Nein, es war nicht das berühmte Maracana – dort ist der Rasen nach den Olympischen Spielen derart lädiert, dass er wohl noch ein paar Wochen Pause braucht. Die Reise ging in das ebenso altehrwürdige Stadion Sao Januario, Heimstätte von Vasco da Gama, seines Zeichens amtierender Stadtmeister Rios und souveräner Tabellenführer, allerdings der 2. Liga.

Auf dem Spielplan jenes Freitagabends stand der Kracher gegen die stark abstiegsgefährdete Truppe aus Joinville im Süden des Landes. Da sollten doch Tore wie am Fließband fallen. Anpriff: 21.30 Uhr, das bedeutet: Flutlichtspiel.

Aber erstmal hinkommen zum Stadion. Freitagsabends ist der Verkehr stets dicke Suppe, da muss man wohl schon etwas Zeit einplanen, zumal wir – Christian und ich – nur eine grobe Vorstellung davon hatten, wie lange wir zum Sao Januario wohl brauchen würden.

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Durchgehend Beton.

Das liegt im Stadtteil Sao Cristoval, den man wohl noch zum erweiterten Stadtzentrum zählen kann. Fährt man hinaus zum internationalen Flughafen, kommt man relativ nah dran vorbei. Wenn man weiß, wo es liegt, erkennt man es sogar. Entfernung, je nach Route von Botafogo, 13 bis 17 km – im Freitagabendverkehr kann das zur Weltreise werden.

Drum verabredeten wir uns an der Metrostation, 8 Uhr. Etwas Puffer schadet nie, gibt es halt vorher noch gemütlich eine Wurst und ein Bier. Dumm nur, dass Christian – überzeugter Uberist – ja auch durch diesen Verkehr zunächst hindurch muss. Irgendwann steht er dann aber doch vor mir – Im Eintracht-Polohemd! Ach, egal, schnell rein ins Taxi und weiter, schließlich ist es inzwischen schon fast 9 Uhr und Tickets haben wir ja auch noch keine.

Der Verkehr ist gar kein Problem, knappe 20 Minuten später lässt uns der Kutscher direkt vor dem Tickethäuschen raus. 34 Reais Fahrpreis sind auch okay, knapp 10 Euro.

Komisch, keine Schlange für Tickets?

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Paar hätten schon noch gepasst.

Um an Tickets zu kommen, muss man in ein ziemlich kleines, ziemlich tiefes Loch in der Wand sprechen. Das Loch ist so klein, dass vielleicht ein Arm hineinpassen könnte, aber so tief, dass die Hand kaum bis hinter ins Kabuff greifen könnte. 50 Reais pro Nase, 15 Euros, für zweite Liga auch passabel. Allerdings haben wir keinen Schimmer, ob wir nun Steh- oder Sitzplätze gekauft haben. Ist eh Wurst. Christian kauft sich erstmal ein schönes Trikot in den Vereinsfarben (schwarz-weiss, kann er ja später noch im Waldstadion auftragen) und ab.

Am Einlass sind genau 2 Leute vor uns. Von Innen hört man übrigens auch nichts. Ob wir richtig sind? 30 Sekunden später stehen wir in einer Art Innenhof. Ziemlich dunkel alles. Links ein Ü-Wagen von TV-Globo, in einer Nische der Mannschaftsbus. So sieht es also aus, das erste private Fußballstadion in Rio, fertiggestellt 1927. Rund 21.000 Zuschauer sollen hineinpassen.

Hinter einem Pfeiler versteckt, entdecke ich eine Biertheke. Auch hier: nix los. Hinter der Theke Langeweile. Die Köbesse im Gespräch vertieft. Ich räuspere mich kurz, bestelle dann zwei Bier. Preistafel? Ah, die Kellner tragen die Preisliste auf’s T-Shirt gedruckt. Hübsche Idee, aber ob man den Preis schwerst biertbauchverzerrt auch noch lesen könnte? Oder ob ich aus Scham eine Cola bestellt hätte, weil der Preis dafür weiter unten steht, wenn eine Kellerin nur dort gewesen wäre? Egal – für 7 Reais bekommt man lecker Brahma von der Dose in den Becher gekippt. Ganz normale Becher, nicht Pfandsystem. Und gezahlt wird übrigens bar. Stadionkarte? So einen Mumpitz kennt man hier noch nicht. Das gefällt mir schon mal.

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Wie beim Eishockey.

Gleich neben der Ballerbude scheint es in den Block zu gehen. Sieben Stufen, und du stehst vor einer Plexiglasscheibe, wie beim Eishockey. Bis zum Rasen ist es relativ weit, sieht fast aus, wie auf einer Trabrennbahn.

Hinter uns erheben sich die Sitzreihen. Das Station ist hufeisenförmig, eine kurze Seite ist offen. Eine Gerade ist so ausgestattet, wie man das kennt: Sitzschalen in Vereinsfarben, Blockstruktur. Mit Zaun aber vom Rest des Stadions abgetrennt. Dort scheinen die sogenannten Edelfans wohl zu logieren.

Der Rest sind durchgehend umlaufende Betonstufen, auf denen mal wahlweise sitzen, stehen oder laut Samba machen kann. Wie die vielleicht 300 Ultras in der einzigen Kurve. Dorthin gesellen wir uns auch mal.

Ein Stadion alter Schule. Ein schönes Stück Ruhrgebiet. Hier wird Fußball nicht in der VIP-Loge als Geräuschkulisse wahrgenommen. Hier ist ein Fußballspiel noch 90 Minuten hardcore, echte Gefühle. Wie schön!

Für Bier muss man auch gar nicht weit laufen, das bringen einem flinke Verkäufer mit großen Styroporboxen gleich an den Platz. Selber Preis wie draußen.

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Fans.Immer nur die 10.

Vasco da Gama, genauer der CR Vasco da Gama (CR steht für Club de Regatas. Die meisten großen Fußballclubs in Rio – Fluminense, Botafogo – haben nämlich ganz klein als Ruderclubs angefangen. Erst später kam der Fußball hinzu), ist der Club der portugiesischen Einwanderer. Deswegen besteht das Vereinslogo aus einer Barke, die auf ihrem Segel ein großes rotes Kreuz trägt. Seit Saisonbeginn spielt der Club in der zweiten Liga, peilt den direkten Wiederaufstieg an. Der letzte große Titel ist gar nicht so lange her. Im Frühjahr wurde der Club Stadtmeister von Rio. Zuletzt brasilianischer Meister wurde Vasco 2000.

Und das Spiel?

Das ist schnell erzählt. Ein müder Kick mit viel Quergeschiebe und wenig Torchancen, weshalb das Ergebnis von 2:0 für die Hausherren zwar irgendwie in Ordnung geht, aber fast schon zu hoch ausfiel. Sportlich erinnerte mich das dann eher an die 3. Liga, Stuttgarter Kickers gegen Elversberg (wie einst im Januar 2014) oder sowas. Kein Leckerbissen, den die 2.000 (!) Zuschauer dort geboten bekamen.

Aber: Wir mussten nicht frieren, das Bier war billig und kalt und Fußball bei Flutlicht ist dann ja doch immer was Feines. Von daher: Recht bald wieder.