Klein-Curacao: Spagat zwischen Tourismus und Umweltschutz

p1060040Weiße Strände, türkisfarbenes Meer – nirgendwo auf Curacao ist das schöner, als auf dem Inselchen Klein-Curacao, ca. 2 Bootsstunden östlich vor der Mutterinsel. Das Eiland ist ein unbewohntes Naturschutzgebiet, dort brüten Meeresschildkröten. Ein sensibles Ökosystem also. Wie sich das mit dem Tourismus verträgt?

Eine örtliche Fotografin gab mit den Tipp, den Ausflug über den Anbieter Mermaid Boattrips zu buchen. Sie sind die einzigen, die auf der Insel feste Hütten haben als Sonnenschutz. Ich halte den Ausflug anfangs noch für einen Geheimtipp. Wer kommt schon so früh raus, in diesen abgelegenen Hafen? Sonntagmorgen um 6.45 Uhr werde ich eines Besseren belehrt. Der Kutter ist ratzfatz voll. 200 Touristen mögen es sein, vornehmlich Holländer, die mit uns in den Sonnenaufgang schippern.

Auf Curacao herrscht immer Ostwind und zwar kein leichter. Entsprechend der Seegang. Drum entschieden wir uns für das Oberdeck. Vor Abfahrt gibt es für jeden noch einen Becher Kaffee und ab.

p1060043Nach gut anderthalb Stunden zeichnet sich im Gegenlicht eine Inselsilhouette ab – besonders markant wegen des alten verlassenen Leuchtturms. Kurze Zeit später gehen wir von Bord. Nein, wir hüpfen, springen, arschbomben und schwimmen anschließend die letzten Meter. Endlich da. Weißer Strand, Palmenhütten- erst mal Platz im Schatten suchen und der Ansprache des Käpt’ns lauschen: Gleich gibt es Frühstück, um 13 Uhr ein Barbecue. Getränke stehen da, Klos dort hinten, bitte keinen Müll an den Strand werfen – Viel Spaß.

Ein Geraschel in einer Ecke der offenen Hütte macht mich neugierig. Dort wo die Betonplatte endet, ist alles voller Leguane. Also voll – nicht einer, fünf, fünfunddreißig. Einige hundert der blau-grauen Kameraden tummeln sich dort in allen erdenklichen Größen. Kommt man einen Schritt näher, huschen sie weg. Daher das Geraschel. Dazwischen, daneben, überall sonst ist alles voll mit Einsiedlerkrebsen. Flinker als gedacht kriechen sie mit ihren Schneckenhäuschen zwischen den Tischen her. Anscheinend hoffen sie auf herunterfallende Essensreste.

Wir sind nicht die einzigen Touristen. Neben uns 200 tummeln sich noch weitere ca. 50 Besucher am Strand- auf einer Länge von 300-400 Metern verläuft sich das. Kite-Surfer haben sich ein Stückchen rauf mit ihrem Equipment niedergelassen. Dass die Taschen und Säcke ausgerechnet dort liegen, wo Naturschützer die Nester der Wasserschildkröten markiert haben, juckt keinen.

p1050990Auf Curacao gibt es eine Seaturtle Conservation Society, ein Ableger des staatlichen Meeresfoschungsinstituts. Auch sie nutzen die Mermaid-Boote, um mit ihnen nach Klein-Curacao zu fahren, damit sie nach den Schildkröten schauen können. Glücklich ist man bei den Naturschützern über den Tourismus auf Klein-Curacao nicht.

“Ja, wir betrachten die Kitesurfer auch mit Sorge”, schreibt mir jemand von der Gruppe zurück, der offenbar Zugriff auf deren Facebook-Konto hat, nicht jedoch seinen Namen nennen will. „Nicht nur, weil sie auf den Nestern herumlaufen, sondern auch im Wasser, wo die Schildkröten an dieser Stelle zum Fressen des Seegrases kommen und immer wieder an die Oberfläche zum atmen müssen. Einige Kiter versuchen wirklich, mit uns zu Kooperieren.“

Das Problem dort ist, wie an vielen Stellen auf Curacao: Offiziell ist Klein-Curacao ein Naturschutzgebiet, aber es gibt keine Gesetze, die diesen Schutz auch einfordern. „Es gibt keine Gesetze, die unser Programm schützen, kein Gesetz, dass das Kitesurfen dort verbietet, so traurig das auch ist“, so der oder die Aktivistin via Facebook. „Aber wir versuchen, das Problem von verschiedenen Seiten anzugehen und unser Schutzprogramm zu schützen.“

Die größeren Unternehmen seien nicht das Problem, so die Tierschützer. Sie seien sensibilisiert für die Umweltproblematik, arbeiteten eng mit den Naturschützern zusammen und seien bereit, in den Umweltschutz zu investieren. “Was uns größere Sorgen bereitet sind die kleinen Charterschiffe und private Bootsbesitzer.” Zurzeit arbeiten die Schildkrötenschützer an Infotafeln, um dieInselbesucher über den besonderen ökologischen Wert der insel aufzuklären. Bislang fehlt es jedoch noch an Geld dafür.

Ein Problem, dass man auf Curacao auch an anderer Stelle kennt. Die alte Isla-Raffinerie in der Stadtmitte ist eine gewaltige Dreckschleuder, stößt Abgase mit Schwefeldioxid, Vanadiumpentoxid und dem Schwermetall Nickel aus – alles weit über den Grenzwerten. Die Regierung juckt das wenig.

Immerhin scheinen die Mermaid-Leute auch daran interessiert zu sein, der Natur dort möglichst wenig Schaden zuzufügen. Essensreste, Abfälle – das alles kommt hinterher in Säcken mit zurück auf das Schiff. Mit dem alten Brot werden Fische gefüttert, zur Freude der Schnorchler, also praktisch aller.

p1060038Doch auch die Mermaid-Touris hinterlassen Spuren. Blickt man vom hölzernen Aussichtsturm hinunter, hinter die Hütten, entdeckt man eine seltsam rosafarbene Pfütze, einige Quadratmeter groß. Hierhin laufen also die Abwässer der Toiletten. Alte Sandscooter stehen dort ebenfalls herum. Ob bei allen wirklich alle Betriebsflüssigkeiten abgelassen wurden?

Doch genug geunkt. Gut organisiert ist die Tour, das muss man ihnen lassen. Und irgendwie wird man einfach einen Weg finden müssen, die Schildkröten auf Klein-Curacao nicht dem Tourismus zu opfern. Andererseits: Gäbe es dort nicht die Möglichkeit, mit etwas Glück beim Schnorcheln den Tierchen zu begegnen – wer sollte dann für den Trip Geld bezahlen wollen? Beides bedingt einander ein Stück weit.