Erster intensiver Kontakt mit dem Gesundheitswesen

Patsch, da hatte es mich erwischt. Edgar noch schnell Gnocchi hingestellt, mit Ella esse ich donnerstags immer zu Mittag in ihrem Schwimmclub, weil Edgar Fußball-AG hat, noch schnell „Kinder, ich lege mich mal ein Stündchen hin, mir ist nicht gut“ gesagt, und das war’s. Die Kinder waren in der Tat sehr leise, als Wiebke wiederkam und ich die Augen kurz öffnete, war es drei Stunden später. Als ich das nächste Mal die Augen öffnete, war es der nächste Morgen, nach 16 Stunden.

Eigentlich hatte ich bis dahin nur eine Erkältung. Husten, genauer gesagt, ziemlich heftigen, der mich zeitweise nachts auf das Sofa im Wohnzimmer umziehen ließ – im trügerischen Glauben, mein hohles Gebelle würde dort weniger stören. Ist natürlich Quark. Auf unseren paar Quadratmetern hier hört jeder immer alles. Inklusive der Lebensgeräusche der Nachbarn. Ist eher hellhörig das Ganze.

Zum Beispiel scheinen die Nachbarn über uns einen merkwürdigen Bodenbelag zu haben und ein Haustier. Ich vermute eine Katze, eine junge. Regelmäßig kann man ihr bei Spielen zuhören. Es klingt, als würde man ein Glas voller Reißnägel auf Parkett auskippen. Und kurzdrauf noch eins in der anderen Ecke. Noch eins, noch eins. Ich hoffe jedenfalls, es ist eine Katze. In Wahrheit erinnert mich das Geräusch an einen Aufenthalt in einem Hostel in Johannesburg, als nachts Ratten über das Wellblechdach unseres Anbaus huschten und ganz ähnliche Geräusche machten. Aber kommen Ratten überhaupt hinauf bis in den achten oder neunten Stock?

Zweite Erkältung binnen eines Monats

Der Husten beschäftigte mich schon gut zehn Tag. Zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit hatte ich mich erkältet. Während in Deutschland der Rotz trieft und die Nase dick ist, äußert sich das hier eher durch Husten. Trockenen, bellenden Husten. Wahrscheinlich nicht aufgepasst in der Tiefkühl-Metro oder beim recht wechselhaften Spätwinterwetter – mal knallt die Sonne bei 30 Grad, dann binnen Minuten zieht es zu, kühlt ab, Wind kommt auf. Jacke an, zu, auf, aus – einmal den Zyklus verpennt, patsch, kennt man ja.

Vielleicht würde mir das Nickerchen ja weiterhelfen, dachte ich. Erst am nächsten Morgen erwachte ich, gewaltsam geweckt durch den Wecker -5.45 Uhr, Freitag – nach 16 Stunden schweißtreibenden Schlafs. Gott sei Dank sprangen Wiebke und die Kinder ein, schmierten meine sechs Toastbrote für das Obdachlosenfrühstück. Zu allem Überfluss obenauf auf das für Wiebke gerade ohnehin stramme Abiturkorrekturpaket.

Tags drauf schaffte ich gerade so, das Frühstück hinzustellen und – Nacht zusammen. Gegen neun war’s dann rum mit Pennen. Wach, aber noch lange nicht fit, versuchte ich, das Alltägliche zu regeln. Inzwischen gesellten sich Kopfschmerzen hinzu. Dass ich tags zuvor auf dem Rückweg von der Schule noch über eine Art Muskelkater in den Beinen gewundert hatte irritierte mich noch nicht. Auch nicht das Pieksen in der Nierengegend.

Ich schloss darauf, durch das viele Schwitzen vielleicht leicht dehydriert zu sein und erhöhte die Flüssigkeitszufuhr. An einen Arztbesuch dachte ich noch nicht. Wird schon werden.

Wie in amerikanischer Krankenhausserie

In der Nacht zum Samstag sah ich das dann anders. Ich hatte das Gefühl, mit dem Trinken gar nicht mehr hinterher zu kommen. Trinken, schwitzen, pullern – der Kopf dröhnte. Was war ich froh, als Wiebke feststellte: wir gehen heute zum Arzt.

Doch was ist mit den Kindern? Mitnehmen? Wiebke rief Cristina an, eine Freundin und ein sehr hilfsbereiter Mensch. Keine lange Diskussion, kurz drauf war sie da. Danke nochmal, Cristina!

Ein paar Minuten später schlich ich mit Wiebke durch Botafogo. Ziel: Das Samaritano Krankenhaus. Es war Samstag, Hausärzte haben da zu, also wohin? Richtig, in die Notaufnahme. Wobei ich zugeben muss – man kommt sich immer etwas dämlich vor, wenn man aufrecht gehend und mit vergleichsweise kleinem Gebrechen dort vorstellig werden muss.

Wir kennen das von den Kindern. Öfter schon waren wir im Höchster Klinikum, weil gerade Wochenende war. Drum stellte ich mich auch hier auf längeres Warten ein. Doch mein Identifikationsbändchen war kaum am Arm befestigt, da begann mein erster Vollkontakt mit dem brasilianischen Gesundheitswesen auch schon.

Zunächst in einen kleinen Raum – Bogen ausfüllen, Fragen beantworten. Ein paar Minuten später kommt eine Ärztin, die fließend Englisch spricht. Kurz abhören, danach werden wir in einen anderen Raum geführt. Die Notaufnahme ist quirlig. Überall Leute, manche mit Sanitäteruniformen, weißen Kitteln, Putzhauben. Irgendwie fühle ich mich, als würde ich durch die Kulissen einer amerikanischen Krankenhausserie laufen. Hier wird ein hoher Personalaufwand betrieben. Eine Schwester ist beispielsweise nur zum Blutabnehmen da.

Dies, stellte ich erleichtert fest, ist ganz offensichtlich keines der Krankenhäuser hier in Rio, in denen belegte Krankenbetten auf Fluren stehen, Medikamente und Verbandmaterial ausgehen, oder Ärzte den Dienst schwänzen oder fernbleiben, weil sie seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen haben. Man darf vermuten, welchen Typs Krankenhaus es in Rio wohl mehr geben dürfte.

Alles wird gecheckt

Nach der Urinprobe werde ich abgeholt. Es geht noch tiefer hinein in diesen fensterlosen Ameisenhaufen. Wir gehen zum Röntgen. Die Lung wird geröntgt (?), wegen des Hustens. Danach werde ich wieder abgeholt und in den ersten Warteraum gebracht, in dem Wiebke still vor sich hinfriert.

Kurz drauf geht es weiter. Die Urinprobe lasse vermuten, dass sich irgendwo ein Entzündungsherd befindet, irgendwo an der Niere, Blase, Prostata. Alles drei nicht schön. Man werde mir ein Antobiotikum verschreiben, wolle nur noch wissen, wofür genau. Also ab in den CT. Erstaunlich: Der Apparillo gibt seine Kommandos auf Deutsch.

Nach gut zwei Stunden bekommen wir einen Befund (Entzündung an/in/der Prostata – so langsam komme ich scheinbar in das Alter) und ein Rezept. Und natürlich die Rechnung für die Behandlung.