Bodenloses Rio – Unten, untener, am untersten.

Beim Obdachlosenfrühstück gibt es zwei Gruppen Menschen. Einen harten Kern, eine Gruppe von 20-25 Personen, die immer wieder kommen und Gelegenheitsbesucher, vermutlich aus anderen Teilen der Stadt. Es gibt einige, die sind so gut wie unsichtbar. Vielleicht aus Scham haben sie ihre Präsenz völlig heruntergefahren, man nimmt sie kaum wahr, obwohl sie fast immer kommen. Blickkontakt vermeiden sie, völlig in sich gekehrt, abgekehrt vom sonstigen Leben um sie herum. Vielleicht reicht das auch manchem.

Andere werden mit der Zeit zutraulich. Wieder andere sind richtige Typen. Von den wenigsten kenne ich die Namen. Einen gibt es, der hätte mir, wäre ich ihm nicht beim Frühstück begegnet, sondern vielleicht auf offener Straße, womöglich nachts, Respekt eingeflößt. Er wirkt auf den ersten Blick gefährlich, hat eine große Klappe. Er fing schnell an Witzchen zu machen, wenn ich mit der Kaffeekanne die Runde mache, amüsierte sich über mein Portugiesisch, dass mir in dieser Runde meist viel schlechter vorkommt, als es vielleicht ist. Für ihn war ich bei zweiten Mal „Alemao“, der Deutsche. Baseballkappe, ein Tuch piratenmäßig darumgebunden sitzt er immer da, lässig. Eher ein Typ Austeiler, ein Alphatier.

Einmal versuchte er mich sogar zu provozieren, deutete offensichtlich einen Hitlergruß an. Aus England kennt man das als Deutscher, aus Brasilien war mir das neu. Und es erwischte mich auf dem falschen Fuß, ich hatte damit nicht gerechnet, wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte. Auf Deutsch wäre mir was eingefallen. Aber die da aufkommenden Gedanken zunächst zu ordnen, dann zu formulieren, ins Portugiesisch zu übersetzen – das dauert zu lange. Mir fiel nur ein „das ist sehr dumm“ ein, während ich dem Nachbarn bereits den Kaffee eingoss.

Schwierig, der Provokation zu widerstehen

Die Provokation ärgerte mich. Sie ärgerte mich, weil ich dazu eigentlich keinen Anlass bot. Hin und wieder hatte ich ihm sogar einen Schluck mehr eingegossen, wenn er darum bat, auch wenn der Kaffee, die Milch, das Saftgetränk eher knapp bemessen waren, weil bei jenem Male eben viele Obdachlose gekommen waren. Ich überlegte beim Weitergehen nach Gründen. War das jetzt, weil ich Deutscher bin? Weil ihm vielleicht nichts anderes zu Deutschland einfällt, als diese Nazischeiße? Doch bestimmt – hey, 7:1 erinnerst Du Dich daran nicht, hä? Könnte ich ja auch bei jeder Gelegenheit raushängen lassen. Könnte auch sagen, hey, was willst Du, ich mache den Kram hier freiwillig, ich brauche das nicht, verstehst Du? Dann wäre dieser Hitlergrußscheiß vielleicht sogar verdient gewesen – wohl aber auch über das Ziel hinausgeschossen. Ich hakte es also ab, aber vergessen konnte ich es nicht. Sonderbehandlungen gab es seither aber auch nicht.

Neulich da fragte er mich, wie es Ella ginge? Ella war ja in den Sommerferien einige Male mitgekommen und hatte die Herzen der Leutchen dort im Sturm erobert. Ehrlich gesagt: Mich freute diese Frage.

Vorgestern nun war alles anders. Der Kollege saß dort, die Baseballkappe auf, das sah ich. Darüber eine weite Kapuze. Der Kopf gesenkt, abgewendet. Er redete nicht, obwohl er sonst immer mit den anderen herumflachst. Diesmal saß er nur still da.

Im Schlaf überfallen und zusammengeschlagen

Als er den Kopf kurz drehte, sah ich was los war: Das Gesicht war dick geschwollen, als hätte er eine Diskussion mit Mike Tyson mit den Fäusten ausgetragen. Und haushoch verloren. Blutkrusten überall. Über zugerichtet. Als sich unsere Blicke einmal kurz kreuzten, fragte ich: Was ist passiert? Er sagte nicht, schüttelte dafür nur die Hand, als hätte er kurz auf eine heiße Herdplatte gefasst.

Später fragte ich PC.

Er ist zusammengeschlagen worden. Er schlief, als zwei Räuber kamen und ihn traten und schlugen.

Im Schlaf. Wie feige.

?

Dass Rio eine gewalttätige Stadt sein kann, das liest man immer wieder. Überfälle, Entführungen, Drogenhändler, die Widersachern Autoreifen überstülpen und diese dann anzünden. Exzessive Polizeigewalt, teilweise ohne Grund, lose sitzende Schusswaffen. Man liest fast täglich darüber. Trotzdem überrascht es, wenn man dann damit direkt konfrontiert wird. Auf den Straßen Rios gilt das Recht des Stärkeren. Und Obdachlose gehören ganz sicher nicht zu diesen. Schon gar nicht, wenn sie schlafen.

Was ist das für eine sinnlose Gewalt? Einen Obdachlosen ausrauben wollen, der ohnehin nichts hat? Auf ihn einschlagen und –treten, obwohl er sich nicht wehrt? Wie krank ist das? Wahrscheinlich könnte jeder zweite, der dort dienstags und freitags vorbeikommt und ein paar Minuten Ruhe genießt – auch eine gewisse Schutzatmosphäre – eine ähnliche Geschichte erzählen.

Das Leben am untersten Rand ist hart

PC erzählte mit einmal von Polizisten, die wahllos Obdachlose aufgreifen und sie gegen ihren Willen in Sammelunterkünfte bringen, weil die Polizisten dafür eine Art Kopfgeld erhalten. In den Unterkünften würden sie teilweise geschlagen, ausgeraubt, misshandelt – kaum ein Obdachloser, der freiwillig einen Fuß in diese Unterkünfte setzt.

Dort, wo sich der Staat schon längst verabschiedet hat, am untersten Rand der Gesellschaft – gleich ob in Deutschland oder in Brasilien, wo es freilich noch viel härter zugeht. Zugehen muss, weil so viele hier Tag für Tag um das nackte Überleben kämpfen und sich die paar Krümel, die die Siebenmillionenstadt ihnen lässt, noch mit vielen anderen regelrecht schlagen müssen. Ich habe das Gefühl, als gäbe es für das Unten immer noch eine Abstufung. Unten, untener, am untersten, bodenlos fast.

Da herrschen Zustände, von denen wir, die wir alle, wie Europäer sowieso, aus einem komplett anderes Universum kommen, keinerlei Vorstellung machen, wie es da zugeht. Und welche Anstrengung man aufbringen muss, seine Würde nicht zu verlieren. Seine Sitten, den letzten Funken Anstand. Auch das ist Rio. Und wahrscheinlich wohnen, leben wir näher dran, als wir uns das gemeinhin vorstellen.