Paralympics: Kleiner, entspannter, authentischer

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Markus Rehm.

Zwei Dinge muss man Weitspringer Markus Rehm lassen. Bei den Paralympics in Rio 2016 zeigte er nicht nur einen beeindruckend starken Wettkampf, bei dem er die Konkurrenz von Beginn an dominierte und sich mit jedem weiteren Sprung auf am Ende 8,21 Meter zu steigern wusste (Paralympischer Rekord). Rehm weiß auch, wie man die Herzen der brasilianischen Zuschauer im Sturm erobert: Indem man sich am Ende die brasilianische Flagge zuwerfen lässt und auf der Ehrenrunde beide Fahlen – die deutsche und die brasilianische – um die Schultern hängt und bereitwillig für Fotos posiert.

Solche Gesten kommen bei den Brasilianern unheimlich gut an, das erfuhr nicht nur Sunnyboy Lukas Podolski während der Fußball-WM 2014. Ihn verehren die Brasilianer nach wie vor am meisten. Brasilianer wollen nicht nur jubeln, sie wollen auch gerne ein wenig becirct werden. Kein Zufall also, dass Markus Rehm  nach dem Weitsprungwettkampf soviel Jubel und Applaus bekam, wie kein anderer nicht-brasilianische Athlet am letzten Wettkampftag. Das kann man dann auch als Sportler richtig genießen. Und das tat Markus Rehm, das konnte man ihm ansehen.

Er und sein Teamkamerad Felix Streng sorgten für den letzten großen Erfolgsmoment der deutschen Leichtathleten. Streng hatte mit einer Weite von 7,13 Metern (persönlicher Bestlistung) im ersten Sprung bereits den Grundstock für einen guten Wettkampf gelegt, den er am Ende mit der Bronzemedaille abschloss. Seine zweite übrigens, nach dem 100-Meter-Lauf.

Vanessa Low und Ingrid Bensusan rundeten den erfolgreichen letzten Wettkampftag für das deutsche Team ab. Die beiden gewannen jeweils Silber über 100 Meter.

Für uns war es nicht nur die Paralympicspremiere, es war auch unsere Leichtathletikpremiere. Zum ersten Mal bei einem Wettkampf in einem Stadion.

Die Erkenntnisse des Tages

p1060745Bei den Olympischen Spielen im August wurde viel über die vermeintliche Unfairness der brasilianischen Zuschauer diskutiert. Davon war nichts zu spüren. Natürlich war der Jubel lauter, wenn ein Landsmann oder eine Landsfrau eine Medaille gewann. Aber alle anderen Sportler wurden ebenfalls auffällig freundlich begrüßt und angefeuert. Die einzigen Pfiffe gab es, als ein ganzer Stadionsektor verpennte, bei der Welle mitzumachen. Beim nächsten Durchgang fluppte alles und alles war gut.

Das Stadion war sogar ziemlich gut besucht.

Eine Frage stellte ich mir doch? Nein, mehrere. Welche Wahrnehmung mag die Silbermedaille von Noura Alktebi in ihrem Heimatland wohl haben? Wird man ihr, wenn sie morgen, oder übermorgen am Flughafen ankommt einen Jubelempfang bereiten? Schließlich gab es aus dem Land nur zwei Goldmedaillen- und drei Silbermedaillengewinner. Wird sie beim Bürgermeister oder Staatschef empfangen und darf sich in ein goldenes Buch eintragen?

Frau Alktebi gewann diese im Kugelstoßen. Sie stammt aus den Vereinten Arabischen Emiraten. Ich gebe es wirklich zu, dass ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht habe. Aber als Frau, die im Rollstuhl sitzt in einem streng muslimischen Land auf die Idee zu kommen, mit dem Kugelstoßen zu beginnen und dies bis zu einer olympischen Medaille durchzuziehen – ich Tippe mal das ging nicht ganz ohne Widerstände – das verdient größten Respekt. Hut ab, Frau Alktebi!

Apropos Wahrnehmung: Wann hat dieser Kugelstoßwettbewerb überhaupt angefangen? Irgendwie habe ich davon überhaupt gar nichts im Stadion mitbekommen. Ist halt doch wesentlich unübersichtlicher als am Fernseher. Falls es jemanden tröstet: Vom Speerwerfen habe ich auch nur den Einmarsch der Athletinnen mitbekommen.

Erkenntnisse von Olympia

p1060751Im Grunde waren die Paralympics die ungezwungene, unverkrampftere Fortsetzung eines Festes, auf das am Anfang hier in Rio niemand so richtig Lust zu haben schien, das, obwohl ja mit sieben Jahren Vorlauf geplant, zur Unzeit kam – wirtschaftlich wie politisch – aber trotzdem gelungener war, als man sich das vorher erhofft gehabt hätte.

Die Sicherheit, das zentrale Anliegen während Olympia, schien während der paralympischen Spiele nicht mehr so sehr im Vordergrund zu stehen, bzw. auf ein gesundes, immer noch wirkungsvolles Maß zusammengeschrumpft gewesen zu sein.

Nun durften auch Passanten ohne Tickets für Sportveranstaltungen im Olympiapark von Barra flanieren und stauen gehen. Im August war das noch nicht möglich. Auch das politei- und Militäraufgebot erschien irgendwie weniger verkrampft zu wirken, während an den Eingängen zu den Sportstätten eigentlich immer eine sehr entspannte Atmosphäre geherrscht hatte – vorausgesetzt, man kam nicht auf den letzten Drücker.

Das Transportnetz ist nicht nur nicht zusammengebrochen, wie viele Pessimisten befürchtet hatten. Es hat alles wunderbar funktioniert. Nirgendwo liefen Besucher, selbst wenn sie das Transportmittel wechseln mussten, Gefahr verloren zu gehen. Überall wo die Zäune nicht ausreichten oder sich Lücken auftaten, standen Menschen, die einem freundlich den Weg wiesen.

Wir haben sicher nicht alles mitbekommen, aber wir haben schon eine Menge gesehen, erlebt und mitgemacht um sagen zu können. Diese Spiel – egal ob Olympia oder Paralympics – haben Rio gut getan. Und Rio hat es gut gemacht! Die Natürlichkeit der Freude, wie sich Markus Rehm über seine Goldmedaille freute und die Aufrichtigkeit, mit der sich die Brasilianer mit ihm freuten war nur ein kleiner Moment, ein kleines Mosaiksteinchen in vielen Hundert oder gar Tausend Wettkampfstunden. Aber für mich dieser Moment einer, der für michpersönlich für diese Spiele steht.