Wie bekomme ich einen Gesprächstermin beim Premierminister?

p1060164Zum Schluss noch schnell ein Foto. „Möchten Sie lieber am Schreibtisch mit König Willem Alexander fotografiert werden, oder vielleicht lieber neben der Fahne?“, frage ich Suzy Camelia-Römer (links). Sie ist die Ministerin für Verkehr, Transport und Städtebau der Karibikinsel Curacao.

Meine jetzt entspannte Jovialität lässt sie kühl abblitzen. Frau Römer hatte von Anfang an keine große Lust auf ein Interview. Schon gar nicht mit einem freien Journalisten aus Deutschland. Was geht es Deutschland an, was auf Curacao geschieht?

Vorangegangen war ein etwa halbstündiges Gespräch über Stadtplanung und das Welterbe in Willemstad, der Hauptstadt Curacaos. Deutlich länger waren die Vorbereitungen auf dieses Gespräch gewesen.

p1060078Wochenlang hatte ich versucht, Kontakt zu einem Kabinettsmitglied herzustellen. Lieber hätte ich Premierminister Ben Whiteman getroffen. Ihn wollte ich zur Zukunft der Ölraffinerie in Willemstad befragen. Ein heikles Thema. Schließlich ist die Isla-Raffinerie inzwischen ziemlich genau hundert Jahre alt. Shell hatte sie der Inselregierung 1985 aufs Auge gedrückt, als es dem Ölkonzert deuchte, dass mit dieser alten Dreckschleuder auf der Karibikinsel auf Dauer nur noch Ärger mit Umweltschützern droht.

PM Whiteman reagiert auf nichts

Whiteman, ein Arzt von Beruf, hätte bestimmt was zu erzählen zu dem Thema – der Leasingvertrag mit der staatlichen venezolanischen Ölfirma PDVSA läuft 2019 aus. Und bislang, wenn ich das richtig gesehen hatte, gibt es kein Rezept für die Zeit danach.

Doch Herr Whiteman reagiert nicht. Noch schlimmer. Über die offizielle Internetseite der Inselregierung ist überhaupt kein Kontakt möglich. Ich bevorzuge den schriftlichen Erstkontakt per Mail. Kann hinterher niemand sagen, da wäre nie was gewesen. Auch, als ich später, schon auf Curacao, seine persönliche Mailadresse in die Finger bekam und sogar noch ein paar Tage Zeit gehabt hätte – nichts. Keine Reaktion. Keine Absage. Nichts.

Bei Suzy Römer, immerhin vor der Unabhängigkeit Curacaos (10.10.10) einmal Premierministerin der Niederländischen Antillen und mit jahrzehntelanger politischer Routine, habe ich mehr Glück. Sie hat ein Facebook-Profil. Ich schreibe eine Nachricht. Nach ein paar Tagen erhalte ich Antwort.

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Parteizentrale PAR.

Gerne sei sie bereit für ein Gespräch, ein Mitarbeiter werde mich in den nächsten Tagen zwecks Terminabsprache kontaktieren. Tat er aber nicht. Also nochmal, etwas devoter: Könnte ja möglicherweise sein, dass meine Kontaktdaten verloren gegangen sind…deshalb wollte ich nur mal nachhören, ob der Mitarbeiter schon versucht habe, mich zu erreichen. Sie wissen ja, wie das so ist mit den Mails und ich möchte doch sichergehen….etc. Die Nachricht kam nicht, aber wir waren schon auf der Insel.

Penetranz zahlt sich manchmal tatsächlich aus. Nach dem dritten Nachhaken bekam ich einen Termin zugeteilt. Ort des Geschehens: Im Ministerium.

Das Ministerium für Verkehr, Transport und Städtebau liegt auf einem Hügel gleich neben der großen Brücke, die nach Königin Juliane benannt ist. Von dort hat man einen hübschen Blick auf die Ölraffinerie, eine der größten und ältesten nach wie vor.

Im Foyer sitzen vier Personen. Eine Frau am Schalter und drei Herren, deren Funktion sich mir nicht erschließt. Einer von ihnen stopft sich ohne Besteck sein Mittagessen rein. Aber im Anzug. Ich solle einen Moment warten.

Nach zehn Minuten kommt ein sportlicher Mann, Mitte 30, im gutsitzenden Anzug die Treppe hinunter. Er bittet mich hinauf. Im ersten Stock soll ich noch einen Moment warten, die Ministerin wäre gleich bereit. Gleich ist ein dehnbarer Begriff. Zehn Minuten sind es wieder. Das vereinbarte Gespräch hätte schon längst laufen sollen. Aber bereit ist, wenn die Ministerin sagt.

Der selbe Mann von vorhin bittet mich hinein, ins Vorzimmer, wo wieder drei Personen sitzen. Er öffnet die Türe zum Nebenzimmer – es ist das Ministerbüro. Ein großer Raum, schön geräumig. Schwerer Schreibtisch, darüber ein Ölbild des Königs Willem Alexander. Rechts in der Eine Sitzgruppe. Drei schwere, quadratische, cremefarbene Ledersessel, ein Glastischlein, eine Topfpflanze.

Frau Ministerin bleibt sitzen, lächelt süß-säuerlich und weist mir mit einer Queen-Mom-ähnlichen Kopfbewegung – ganz Staatsfrau eben – dass ich mich jetzt setzen darf. Für allgemeine Aussagen ist sie zuständig. Für fachliche Fragen hat sie sich die zuständige Referentin zur Hilfe geholt, mit der ich fortan den Großteil des Gesprächs bestreite, wenn es um das fachliche geht.

Ein paar Fragen hatte ich mir überlegt. Hätte ich mir sparen können. Die Antworten der Ministerin sind kurz und schablonenhaft. „Das wird ja lustig“, denke ich mir. Die Idee vom Selfie mit Ministerin habe ich innerlich längst begraben.

Ein paar brauchbare Sätze hatte sie aber auch gesagt. Nach zwei Dritteln schwenke ich ein auf das Thema Wahlen und die Zukunftsfrage für die Raffinerie. Immerhin habe ich ein Regierungsmitglied vor mir und irgendwas wird sie doch sagen. Oder mauern. Beides ist gut.

Nach einer knappen halben Stunde bin ich durch. Normalerweise kommt nun der Smalltalk-Part (oh, sie sind zum ersten Mal auf der insel, na, wie gefällt es ihnen denn so?). Hier nicht. Das Foto lässt die eiserne Lady noch über sich ergehen. Ansonsten gibt sie mir implizit zu verstehen, dass ich schon viel zu viel ihrer kostbaren Zeit geraubt habe und sie nur doch gerne noch ein wenig weiterregieren möchte.

An diesem Tag habe ich ziemlich Lehrgeld gezahlt.

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Parteizentrale MLK.

Ist ja nicht so, dass ich vor Ehrfurcht erstarrt gewesen wäre. Immerhin hatte ich in den letzten nun fast 20 Jahren schon mit allerhand Getier zu tun, auch als Lokalfuzzi: Bürgermeister (Klein-, Mittel- und Großstadt), Staatssekretäre, Landesminister, Vorstände von Konzernen. Und ich kann mich nicht entsinnen, dass ich allzu oft ehrfurchtsvoll gehemmt gewesen wäre. Hier war es aber schon ein Stück weit so. Sicher auch, weil ich hoch pokerte – eine Staatsministerin so lange zu penetrieren, bis sie sich zum Interview breitschlagen lässt und die Geschichte noch nicht einmal verkauft zu haben. Ein wenig fühlte ich mich wie ein Hochstapler.

Man hatte mich vor Schotte gewarnt

Nur gut, dass ich ein paar Tage später noch einmal Gelegenheit haben würde, einen früheren Premier von Curacao zu treffen. Gerrit Schotte, erste Premier Minister nach der Unabhängigkeit. Aber nur zwei Jahre lang. Im Frühjahr verurteilte ihn ein Gericht zu einer dreijährigen Haftstrafe wegen Geldwäsche und Bestechlichkeit. Doch Schotte wechselte den Anwalt, einen renommierten niederländischen Strafverteidiger, und legte Rechtsmittel ein.

Solange das Verfahren läuft, macht er Wahlkampf. Natürlich steht er auf Listenplatz 1,ist Gesicht und alleiniges Sprachrohr seiner Partei. Er will mit seiner selbstgegründeten Partei MLK wieder ins Parlament, möglichst als stärkste Kraft. Ihn hatte ich mir bei Twitter herausgefischt, über eine Direktnachricht. Das muss man Twitter lassen – in der Regel bekommt man eine Antwort.

Schotte ist Social Media-affin, ist hellwach und wittert seine Chance, der amtierenden Regierung gleich einen mitgeben zu können. Als ich ihm schreibe, dass ich in Sachen Denkmalschutz recherchiere und ein Treffen möchte, schickt er mit umgehend Unterlagen zu, in denen es um den umstrittenen Krankenhausneubau im Stadtteil Otrabanda geht, mitten im Denkmalschutzgebiet. Beim Vorschlag, sich zu treffen, zögert er. Erst kurz vor meiner Abreise erhalte ich eine Zusage. Offenbar will er derjenige sein, der den Takt bestimmt.

p1060282Das Wahlkampfbüro liegt in einem Gewerbegebiet im Stadtteil Salina. Zu übersehen ist es trotzdem nicht. Übergroß prangt sein Konterfei an dem Flachbau. Beim Betreten des Gebäudes bleibe ich unbemerkt. Drei Frauen sitzen vor Computern, Kopfhörer auf. Sie chatten oder verbreiten Wahlkampfbotschaften über Facebook und Twitter. Setze ich mich halt so hin.

Eloquenter „Smoothtalker“

Vor Gerrit Schotte hatte man mich gewarnt. Ein eloquenter „Smoothtalker“ sei er, der seine Gesprächspartner einlullt. Alles voll mit Wahlkampfpostern. Hinter mir an der Wand eine Fotocollage: Gerrit Schotte mit allen Staatsoberhäuptern, die er in seiner kurzen Amtszeit als Premierminister getroffen hat: Hugo Chavez, Prinz Willem Alexander, Dilma Rousseff. Ganz uneitel scheint er auch nicht zu sein.

Die Tür fliegt auf. Ein dynamischer Mann im gehobenen Freizeitlook stürzt mir entgegen. Es ist Schotte. Er sieht anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hätte. Er ist kleiner, kompakter. Sein Haar an den Schläfen grauer, als auf den Wahlkampffotos. „Sir, welcome!“ Ruft er mir zu, während er forschen Schritts und mit ausgestreckter Hand auf mit zukommt. Jetzt merken auch die Ladys vor den Computern, dass sie nicht alleine im Raum sind.

Schotte setzt sich hinter den Schreibtisch, mich davor. Ein Fotograf schießt ungefragt Fotos. Interviewszenen mit Journalisten machen sich ja ganz gut im Wahlkampf. Vor allem internationale –von wegen Staatsmann und so.

Schotte beginnt. „Wo wird der Artikel veröffentlicht?“ Und er versucht mich, ein wenig in die Defensive zu drängen. „Viele Texte findet man von ihnen aber nicht im Internet.“ Dann kann es losgehen.

Zunächst antwortet er knapp. Als er merkt, dass ich bereit bin seinen Ideen und Visionen bezüglich der Raffinerie Raum zu geben, öffnet er, parliert, fühlt sich sicher. Ihm gefällt die Rolle als Oppositioneller. Das kann sich übrigens bald ändern. Bei letzten Umfragen lag seine MLK mit 27% gut im Rennen. Vorausgesetzt er muss nicht einrücken. Doch das Thema spare ich aus.

Bei Suzy Römer gab es ein Glas Wasser. Hier gibt es nichts. Der Terminkalender ist scheinbar eng. „Mein Wahlkampfmanager hat Sie mir in meine Mittagspause reingeschoben.“ Schotte spricht schnell, wirft mit Zahlen um sich und wittert seine Chance. Während er über Analysen und Untersuchungen spricht („diese hier hat eine Millionen Euro gekostet. Sie sehen, ich nutze sie und verschwende kein Geld“) klickt er auf seinem Rechner herum. Er schreibt mir eine Mail. Im Anhang: besagte Untersuchungen.

Streng geheim seien die eigentlich gewesen, ein internes Arbeitspapier. Aber die jetzige Regierung habe sie an die Pressedurchgestochen. Das war ziemlich dumm. Aber jetzt sei sie auf dem Markt und dann könnte ich die ja auch nutzen. Dass ich die Untersuchung längst von der Website von Umweltaktivisten kannte, sage ich nicht. Ich lasse ihn im Glauben, mir jetzt hier echt heißen Stoff zuzuschustern, damit mal Bewegung in die Sache kommt. „Nutzen sie die Unterlagen!“ lese ich später in der betrefflosen Mail.

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Schottes Ahnengalerie.

Zum Schluss erklärt er mit noch seine Ahnengalerie mit den Staatsoberhäuptern. Einen kleinen Minderwertigkeitskomplex scheint er schon zu haben, denke ich und verabschiede mich. Aber für ein paar gute Zitate ist er allemal gut, der Herr Schotte.

Kurzes Wiedersehen mit Frau Römer

Mit Suzy Camelia-Römer gibt es noch ein kurzes Wiedersehen. Am Freitagabend will sie offenbar, ebenso wie wir, die Insel verlassen. Sie sitzt mit einer Frau, könnte ihre Schwester sein, und einem Kind in einem Restaurant am Gate. Nebst Entourage. Ich erkenne den Mann mit dem gutsitzenden Anzug und noch zwei weitere Personen, die offensichtlich zum Hofstaat zählen.

Der Flughafen von Curacao ist nicht allzu riesig, dennoch verzichte ich darauf, mich von ihr persönlich zu verabschieden, als sie etwas später auf den Flieger nach Aruba boardet. Der Hofstaat musste übrigens mit (kam aber später wieder aus dem Flugzeug heraus), aber vorgedrängelt wurde sich nicht.