Bücher über Rio, die man kennen sollte

Es gibt schon wieder Lebkuchen im Supermarkt, also ist bald auch wieder Weihnachten. Das bedeutet wiederum, dass man sich Gedanken um Geschenke für die Lieben machen muss. Ein echter Fuchs ist, wer das nicht auf den letzten Drücker tut, sondern beizeiten. Drum hier ein paar Buchtipps aus und über Rio de Janeiro. Und weil ich mich erst vor ein paar Tagen mit dem Betreiber eines der letzten CD-Läden hier in die Rio unterhalten habe, gebe ich keinen Amazonlink an (davon hat keiner was, denn Afilliate mache ich nicht), sondern ISBN-Nummern. Der Fachhandel in Eurer Nähe wird es Euch danken. Dieser Text wird fortgeschrieben. Das bedeutet, dass künftig weitere Bücher, die mir in die Finder kommen, die ebenfalls vorgestellt werden.

Nemesis

indexNem heißt eigentlich Antônio Francisco Bonfim Lopes. In Rio, bzw. Brasilien besser bekannt unter dem Spitznamen Nem do Morro – Nem vom Felsen, oder Nemesis. Der Felsen, damit ist die Favela Rocinha gemeint, eine der größten mit 300.000 Einwohnern, wie man sagt. Genau weiß das niemand. Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends gehörte er, bis zu seiner spektakulären Festnahme, als Don (Chef eines Drogenkartells) der Favela zu den gesuchtesten Verbrechern Brasiliens. Seine Geschichte beschreibt das Buch „Nemesis“ (ISBN-10: 0099584654) von Misha Glenny.

Die teilweise recht rohe Gewalt in den Fevelas lässt einen erschaudern und fasziniert zugleich. Glenny versucht mit diesem Sachbuch, das auf zahlreichen Interviews beruht, eine menschliche Seite des knallharten Drogengeschäfts zu zeichnen. Das gelingt in Teilen. Aber es misslingt überwiegend, weil es die Figur Nem überzeichnet, teilweise gar schon glorifiziert. Der noble Schurke, eine Art Robin Hood der Favelas, ist demnach Nem gewesen. Das mag in Teilen vielleicht sogar stimmen, wird aber am Ende doch übertrieben.

Und es bleiben Fragen offen Wichtige Fragen. Etwa: Warum gelang es dem vormals rechtschaffenen Mann nicht, vom Drogengeschäft loszukommen? War es Zufall, dass die Polizei in festnahm, sollte es nur wie eine Festnahme wirken, weil es in Wirklichkeit eine Kapitulation war? Glenny schneidet viele Interpretationswege an, lässt diese Frage am Ende aber unbeantwortet.

Wie dem auch sei – man erlangt einen Einblick in ein Milieu Rio, in das man sich als Außenstehender tunlichst nicht verirren sollte. Und viele der Erklärungen der Strukturen des Drogengeschäfts sind inzwischen zum Allgemeingut geworden. Was das betrifft, ist Nemesis durchaus als ein Standardwerk zu betrachten.

Mühsam und von außen schwer nachvollziehbar ist der Versuch, die in Brasilien einzigartig verworrene Polizeilandschaft aufzudröseln, das ist und bleibt verwirrend. Vermutlich auch, weil es einfach auch verwirrend und kaum zu durchschauen ist.

Insgesamt ein interessantes Sachbuch, das sich wie ein Thriller liest und einen immerhin etwas weniger verwirrt und ratlos zurücklässt.

Bossa Nova – Der Sound von Ipanema

index2Wenn ich den Autor Ruy Castro (ISBN-10: 3854453671) einmal persönlich treffen sollte, werde ich ihn fragen, weshalb er den Untertitel seines Buchs „Der Sound von Ipanema“ genannt hat. Klar, das Mädchen von Ipanema (Garota de Ipanema) ist DER Bossa-Nova-Song schlechthin und Tom Jobim und Vinicius de Moraes sollen ihn in einem Café in Ipanema geschrieben haben. Aber die musikalische Entwicklung spielte sich in den Hotelbars Clubs des Nachbarstadtteils Copacabana ab.

Sehr detailliert und kenntnisreich rekonstruiert Castro die Vorgeschichte, die sich eng um die frühen Lebensjahre des Gitarristen Joao Gilberto rankt. Sein Werdegang, die Aufs und Abs der Selbstfindung, die Kontakte die er knüpft – das alles setzt sich mit der Zeit wie ein Mosaik zusammen. Bis zu dem Tag, an dem er bei Aufnahmen in einem Tonstudio seinen Musikerkollegen Tom Jobim zur Weißglut treibt und am Ende doch noch der Song „Chega de saudade“ entsteht. Dieser Song gilt als musikalisches Fundament des Bossa Nova.

Castro erzählt diese Geschichte nicht nur kurzweilig – ganz nebenbei bekommt man als Leser noch einen Bossa-Nova-Essential-Listening-Kanon an die Hand geliefert und natürlich Zig Namen anderer Musiker, die Gilbertos Wege kreuzten, ihn beeinflussten und prägten. Unter diesen Gesichtspunkten ist Bossa Nova – Der Sound von Ipanema nicht nur ein idealer Schmöker für Musikfreunde, besonders dieser Richtung und des Jazz. Es fängt auch ganz wunderbar den Zeitgeist dieser musikalischen Bewegung ein, damals, im eleganten und mondänen Rio de Janeiro der 50er-Jahre.

Darüber hinaus erhält der Leser etliche Tipps und Anregungen sich weiter in die Materie einzuarbeiten, in die Geschichte eines Musikstils und Lebensgefühls. Gilt zurecht als Standardwerk.