Der feine Unterschied zwischen „ist aus“ und „haben wir nicht“

Dass man in jedem Laden hier nicht zu jederzeit immer alles bekommt, daran haben wir uns gewöhnt. Genauer gibt es Produkte, die nur in bestimmten Läden zu bekommen sind. Entsprechend planen wir unsere Einkaufsroute und legen uns, wenn das gewünschte Produkt verfügbar ist, kleinere Vorräte an.

Ist ein Produkt nicht da, heißt es in aller Regel auf Nachfrage: „Acabou.“ Wörtlich übersetzt: Es ist vorbei, aus, weg. Sätze wie: „Fleischwurst ist aus“ kennt man ja auch von deutschen Wursttheken. Viel mehr Erklärung erhält man nicht. Sachverhalt ist ja geklärt. Der Begriff „acabou“ impliziert jedoch, dass sich das gewünschte Produkt tatsächlich einmal im Sortiment befunden hat, aus unglücklichen Umständen eben just im Moment nicht da. Synonym dazu könnte man auch „ausverkauft“ sagen. Wobei sich das für meine Ohren eher nach vorübergehender Aktionsware anhört. Weitere Fragen wie „wann kommt es den wieder neu?“ erübrigen sich. Meist bekommt man als Antwort ein gleichgültiges Schulterzucken.

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Hier ist ziemlich viel „acabou“.

Insofern unterscheidet sich „acabou“ sinngemäß doch ganz erheblich vom ebenfalls hin und wieder zu hörenden „não tem“. Übersetzt heißt das so viel wie: „Hamwa nich“ oder das vornehmere „diesen Artikel führen wir nicht“.  Also haben wir nicht und gleichzeitig auch: werden wir auch nicht bekommen. Noch implizierter: Brauchen Sie auch nächste Woche nicht nach fragen oder: Versuchen Sie es doch einfach woanders. Não tem ist also die eindeutig endgültigere Form.

Mit „acabou“ ist für den Einzelhandelsfachangestellten die Banane geschält. Lieber wiederholt man den Satz bis zu 300 Mal täglich, als irgendetwas in Bewegung zu setzen, um den Missstand zu beheben. Der Missstand nervt ja auch nur den Kunden, nicht den Angestellten. Dem ist das nämlich ziemlich Latte. Eine Sorge weniger.

Das mag man im Einzelhandel durchaus nachvollziehen können – hat man halt mal Pech gehabt. Deutlich mehr Gleichmut muss man da in gastronomischen Gefilden entwickeln, wo der Ausdruck ebenfalls nicht unüblich ist.

So wollte Wiebke dieser Tage Kuchen bestellen, der Kindergeburtstag steht bevor. Da Haselnüsse hierzulande nicht „acabou“ sind, sondern gar nicht erst aufzutreiben, ganz schnuppe, wo man fragt, beschloss sie einen Nusskuchen zu kaufen. Um nicht die Katze im Sack zu kaufen – trotz persönlicher Empfehlung einer sehr vertrauenswürdigen Person – machten wir einen Testkauf: Walnusskuchen mit Schokoguss. Nicht schlecht, kann man Gästen vorsetzen. Also zwei Tage später hin, um zu bestellen. „Nüsse haben wir diese Woche keine geliefert bekommen“, hieß es da.

In handwerklichen Betrieben in Deutschland bekäme der Stift nun vom Meister einen Hunderter zugesteckt mit den Worten: „Fahr mal kurz zur Metro und kauf‘ Nüsse, der Lieferant hat uns vergessen.“ Käme es ganz hart, würde wahrscheinlich ein anderer Bäckereibetrieb kurzfristig mit seinen Lagerbeständen aushelfen können.

In Brasilien ist eine nicht getätigte oder vergessene Lieferung gleichzusetzen mit einer Naturgewalt. Also unabwendbar. Kann man nichts machen, ist halt so. Auch wenn nur 150 Meter weiter ein Laden ist, in dem man Nüsse und Backzutaten aller Art lose in größeren Mengen kaufen könnte. Selbst in diesem Fall heißt es ganz klar, dann gibt es eben bis auf weiteres keinen Nusskuchen. Immerhin gehen selten alle Zutaten auf einmal aus, weswegen wir dann halt etwas anders bestellten. Schmeckt bestimmt auch. Alles gut.

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Geht garantiert in keinem Supermarkt je aus: Tiefkühlpizza.

Richtig ärgerlich wird es aber in der Gastronomie. Ein Bistro in schulnähe wirbt mit frischer Pasta: Spaghetti, Bandnudeln, Gnocchi, Tortellini – das Übliche halt. Wir nehme Platz, studieren die große Wandtafel, auf der die oben genannten Gerichte alle in Schönschrift angepriesen werden. Innerlich schwanke ich noch zwischen Tortellini und Bandnudeln, als die Kellerin die Szenerie betritt.

Jetzt also schnell, ok, Tortellini. Ich bestelle. Sie lächelt, schüttelt den Kopf: „Acabou.“ Gut, dann halt die Bandnudeln, bitte. Ist ja ganz praktisch, wenn einem auf diese Art die Entscheidung abgenommen wird. Selbe Reaktion, selbes Wort: „Acabou.“

Jetzt sieht sie sich genötigt, ein paar Worte mehr zu verlieren. „Wir haben gar keine Pasta, wir haben diese Woche keine Lieferung erhalten.“ Prima, heute ist ja auch erst Donnerstag, denke ich. Das Problem ist nur: außer besagter Pasta steht auf der Tafel sonst nichts.

„Haben Sie denn sonst irgendetwas?“

„Wir hätten Quiches.“

Pffft.

Sollen wir jetzt gehen? Wäre ich freiwillig vermutlich nie draufgesprungen. Sie reicht uns einen Bestellzettel, auf dem wir ankreuzen sollen, welche Quiche wir möchten und welche Salate als Beilage.

Was sehe ich ganz oben auf dem Zettel? Die nicht vorhandenen Pastagerichte. Die scheinen ein zentraler Bestandteil des gastronomischen Angebots des Bistros zu sein. Aber da frage ich mich doch schon: Wäre es nicht gescheiter, die Tafel zu wischen, oder, wenn man nicht alles nochmal schreiben will, abzuhängen? Wäre es nicht schlauer, dem Kunden die ohnehin arg dezimierten Alternativen kurz aufzuzählen, anstatt ihn, mit dem vorgedruckten Bestellzettel daran zu erinnern, dass er ja eigentlich viel lieber Tortellini gehabt hätte? Oder, vielleicht noch einfacher: Warum geht nicht einfach jemand kurz hinüber in den einen Block entfernt gelegenen Supermarkt (gehobenes Sortiment, dort gibt es auf jeden Fall frische Pasta) und kauft einfach ein paar Päckchen Gnocchi, Tortellini oder Bandnudeln?

Entspricht scheinbar nicht der Mentalität. Der Brasilianer ist Weltmeister im Improvisieren aber nicht im Organisieren. Also lieber, mit viel Charme und zig Umwegen dem Gast etwas anderes aufquatschen, als kurz darüber nachdenken zu müssen, wie sich das –zugegebenermaßen wenig komplizierte Problem – schnell und effizient beheben ließe.