Premiere: Erstmals als Fremdenführer in Rio unterwegs

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Faultier.

Nach gut 7 Monaten in Rio schlüpften wir am Wochenende mal in eine andere Rolle. Anstatt die Ecken und Winkel des neuen Lebensraums zu entdecken, waren wir als Fremdenführer unterwegs. Jan und Daniela aus Mainz hatten sich Rio als Ausgangspunkt ihrer Brasilienreise ausgesucht. Der erste Besuch.

Der Start war holprig, aber nicht ihre Schuld. Weil es am tag vor der Abreise am Frankfurter Flughafen zu einer Teilräumung gekommen war (eine Frau war mit zwei Kindern durch die Sicherheit geflutscht), hatte es den Flugplan komplett zerschossen.

Für die beiden bedeutete das zwar eine nette Entschädigung, dafür aber ein Urlaubstag flöten und alle getroffenen Vorbereitungen im Eimer. Denn wir hatten vorgesorgt, hatten Karlas Mann Mauro gebeten, die beiden am Flughafen abzuholen. Eigentlich schon um 6 Uhr früh. Dass Mauro in aller Herrgottsfrühe vergeblich am Terminal warten musste, konnten wir zum Glück noch verhindern – ein Hoch an dieser Stelle auf Whatsapp und Facebook Messenger – aber wussten wir nicht so ganz, wann und wie die beiden nun hier aufschlagen würden.

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Viel los, beim Cristo.

Der einzige Flug, der am Abend noch Frankfurt verlassen hatte, ging über Sao Paulo. Das wiederum hätte bedeutet, dass sie per Inlandsflug nach Rio gekommen wären. Dass es die selbe Flugnummer bleiben würde, auf diese naheliegenste aller Möglichkeiten war ich nicht gekommen. Doch egal, Mauro fand die beiden, hielt unser selbstgemaltes Schild in die Höhe (hergestellt aus einer alten Cornflakespackung) und gegen 18 Uhr waren sie erschöpft aber glücklich am Hostel.

Witzigerweise eines, das wir bisher nicht kannten, von dessen Terrasse man aber prima auf unseren Balkon schauen kann. Wir beließen es bei einem Abendessen und Willkommensbierchen und schicken sie früh in die Federn. Schließlich sollten sie am nächsten Tag den Aufstieg zum Cristo Redentor, der Christusstatue bewältigen – immerhin mit rund 700 Höhenmetern eine schweißtreibende Angelegenheit.

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Quati.

9 Uhr Start. Zunächst ein Stückchen laufen – damit wir die Schule immerhin mal von außen gesehen haben. Danach mit dem Taxi zum Parque Large. Es ist diesig. Noch sieht man den Cristo nicht. Ich hatte schon kurz daran gedacht, den anderen Besichtigungsteil – Ecaderia da Selaron, Strand von Copacabana – vorzuziehen und den Ausflug zum Cristo Nachmittags zu machen. Schließlich will man ja auch was von der Aussicht haben. Wir wagen uns aber trotzdem hoch.

Erwartungsgemäß geht es schneller, als mit den Kindern. Die felsige Kletterecke, an der bislang nur eine Kette Halt bot, wurde nachgebessert. In die Felsen wurden Metalltritte eingearbeitet. Das macht die Sache erheblich leichter.

Auf dem letzten Stück haben wir Glück. Ein Faultier hat sich gleich neben der Straße in einem Busch verhakt. Nachdem es einen kleinen Stau verursacht hat – die Vans mit Touristen fahren dort im Minutentakt – nimmt sich ein Busfahrer ein Herz, hängt das Faultier ab und trägt es auf die andere Straßenseite. Ohne diese Hilfe hätte der Kollege wahrscheinlich vier Stunden gebraucht, die Querung aber wegen der vielen Autos ohnehin kaum überlebt. Wüsste gerne, was er mit der gewonnenen Zeit angefangen hat. Erstmal ein Nickerchen vermutlich…

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Treppe des Selaron.

Unsere Mühe wird auch belohnt. Die Wolken reißen auf. Zwar ist der Blick hinunter auf die Stadt nicht glasklar, aber es passt schon. Außerdem erleben wir noch ein tierisches Highlight: Ein Quati, Maskottchen der Fußball-WM 2014, kreuzt unseren Weg. Bei so viel Viecherei ist es schade, dass die Kinder zu Hause geblieben sind.

Einen Markt möchte Daniela sehen. Einer der schönsten ist in Laranjeiras, nicht weit von der Endhaltestelle der Bergbahn entfernt. Karolin und Tiago hatten ihn uns mal gezeigt.  Als wir kommen, haben die Obst- und Gemüsehändler schon mit dem Abbau begonnen. Aber für ein Pastel mit Carne Seca (in Öl gebackene Teigtasche mit getrocknetem Fleisch) und Caldo de Cane (Zuckerrohrsaft) ist aber noch Zeit. Außerdem gibt es einen Tapiocafladen mit Doce de Leite.

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Selaron himself.

Nächster Stop: Die Treppe des Selaron. Von dort weiter mit der Metro zum Strand von Copacabana – beide wollen noch kurz schwimmen gehen und, wenn möglich, einen Caipirinha am Strand trinken. Ein Verkäufer macht uns als Kunden aus.

Zwei Caipirinha 30 Reais.

Noch ehe wir etwas sagen können sinkt der Preis.

  1. Zwei für 25.

Jan und ich schauen uns fragend an.

Und alle drei? Frage ich.

Alle drei für 30.

Abgemacht!

Offenbar hatten wir gut verhandelt, denn als zwei Jungs, die ein paar Meterentfernt saßen, die Preise hörten, waren sie plötzlich auch sehr interessiert. Drei Mal ein halber Liter (!) für umgerechnet je knapp 3 Euro am Strand von Copacabana direkt vor dem Copacabana Palace – das ist nun wirklich kein Rip off.

Geschafft! Alles gesehen, noch vor Sonnenuntergang zurück. Dazu ein hübsches Cristo-Panorama, ein Faultier, ein Gamba und und und. Ohne Scheiß – das hätte ich vorher nicht wirklich gedacht. Premiere als Fremdenführer gelungen. Und Daniela und Jan: Gerne wieder!

Nächstes Jahr geht es weiter. Mit Laura, der Tochter meines Cousins Thomas, hat sich bereits der nächste Besuch angekündigt.