Nach dem Frühstück sang der Cantor Ella ein Ständchen

Papa, was machst Du eigentlich da bei diesem Obdachlosenfrühstück? Das haben mich Ella und Edgar häufiger gefragt, wenn sie mich montagabends oder, inzwischen oft auch donnerstagsabends, paketweise Margarine auf Toastbrotscheiben streichen sahen. Das gehört inzwischen zu meiner Wochenroutine.

Ich habe kurz überlegt, ob ich die beiden mal mitnehmen soll, damit sie sich das anschauen. Aber dann dachte ich: Warum nicht? Und weil ja Winterferien waren, nahm ich Ella einfach mit auf den kleinen Platz nahe der Metrostation Botafogo. Edgar war schon einmal dabei, vor den Ferien, er war etwas kränklich, hatte ich ihn mitgenommen und Ella anschließend viel davon erzählt.

Anfangs bemerkte man ihre Nervosität. Sie entlud sich in zahllosen Fragen. Papa, kommen immer so viele? Papa, schau mal, dem einen fehlt der Fuß. Papa, warum kommen eigentlich so wenige Frauen? Nicht auf jede Frage weiß Papa auch eine Antwort.

Da bin ich fast dankbar, dass die Hunde des Gemüsehändlers, der irgendwie auch an/auf diesem Plätzchen zu leben scheint, die Kinder ablenken. Pipoca (Popcorn) ist ein Mischlingshund ein echter Frechdachs. Eine andere Hündin hatte vor wenigen Tagen Junge bekommen – acht Welpen. Eines davon landet ruckzuck auf Ellas Arm. Sie ist selig. Später wird mir ihr Besitzer eines der Tiere anbieten, für die Kinder. „Au ja, bitte Papi, bittööö!“

Natürlich fällt es schwer, im Angesicht flehender Kinderaugen ein solches Angebot abzulehnen. Aber eine Wohnung im 8. Stock, 80 qm, ohne Auslauf. Außerdem: Was passiert in zweieinhalb Jahren, wenn wir wieder in den Flieger nach Deutschland steigen? Nein, nein, obrigado, aber das ist nichts für uns.

Ella hat schnell raus, worauf es ankommt. Beherzt verteilt sie die Plastikbecher – einen für jeden. Kurz drauf geht sie, Schritt für Schritt, die Reihen ab und gießt Wasser aus der dicken Flasche in die Becher.

Das kommt prima an. Einige, die sonst leer und versunken vor sich hinstarren, sind hin und weg. Manche sehe ich das erste Mal lächeln. Das kleine blonde Mädchen, dass da so munter wirbelt, scheint eine willkommene Abwechslung zu sein.

Wie heißt Du?

Ella.

Danke, Ella!

?

Unser Frühstücksplatz wird bebaut. Wir müssen umziehen.

Mit Saftgetränk und Brot drehte Ella weitere Runden. Es scheint ihr Spaß zu machen mithelfen zu dürfen. Berührungsängste hat sie jedenfalls keine. Kinder sind herrlich unkompliziert. Sie denken nicht groß nach, sie machen einfach. Wenn man sie läßt.

Bei der obligatorischen Runde nach der Frühstücksrunde stimmt der Cantor ein Lied an. Der Cantor, das ist ein sehr dünner Mann mit einem Hut und warmen Lederstiefeln. Er hat kaum noch Zähne. Aber singen kann er. Daher der Spitzname: Cantor = Sänger. Heute bringt er Ella ein Ständchen.

Der Kulturschock blieb aus, die nächsten Ferienwochen gingen Ella und Edgar beide mit zu Frühstück. Ellas Zupacken gab auch Edgar den Mut mitzuhelfen. Bei seinem ersten Mal war er eher beobachtend im Hintergrund geblieben. Zwischendurch liefen sie hinüber zum Gemüsemann. Hunde streicheln!

Wo ist Ella? Diese Frage hörte ich beim ersten Frühstück nach den Schulferien sieben, achtmal. Natürlich vom Cantor, aber auch von anderen, die noch nie einen Ton gesagt hatten. Bring sie wieder mit! Mache ich. Mache ich gerne. Auch Ella hat schon gefragt, wann sie wieder mitdarf. Bis zu den nächsten Ferien hilft sie mir nun beim Brote schmieren.

Ich habe keine Ahnung, ob das pädagogisch sinnvoll ist, die Kinder mitzunehmen. Vielleicht sind sie noch zu jung, das Szenario zu begreifen. Allerdings hatte ich den Eindruck nicht. Sie wissen schon recht genau, was es bedeutet, auf der Straße leben zu müssen. Sie werden ja auch ohne das Frühstück gelegentlich mit dem Thema Obdachlosigkeit konfrontiert. Es gehört mit dazu – in Rio unmittelbarer als in Frankfurt. Aber auch dort. Dort machten ihnen die Obdachlosen sogar ein wenig Angst.

Angst ist hier überhaupt nicht zu spüren. Sie wissen nun, dass diese Leute, die da staubig und schmutzig am Straßenrand sitzen, auch nur Menschen sind. Normale Menschen. Die vielleicht Pech hatten, krank wurden anfällig waren, nicht stark genug manchmal und so aus der Bahn geworfen wurden. Und für einige hatte es vielleicht auch nie wirklich eine andere Option gegeben. Man kann auch in diese Lebenssituation hineingeboren werden.

Vorgestern, auf dem Weg zur Schule, saß einer der Männer an der Straße. Ella erkannte und grüßte ihn. Ganz normal.