Rio-Manaus-Curacao: Was tun bei 10 Stunden Zwischenstopp?

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Das alte Opernhaus. Leider montags zu.

Wenn am Ende des Urlaubs der Sohn sagt, dass das schönste am Urlaub das abendliche Leberwurstbrot auf dem Hotelzimmer war, dann hat man wahrscheinlich alles falsche gemacht. 11 Tage Curaçao – Sonne, Karibik, Exotik – und das schönste sollen Leberwurstbrote gewesen sein. Was ist da nur schiefgelaufen?

Wir kamen im Morgengrauen nach Willemstad. 5.53 Uhr raus aus dem Inselflughafen, rein in die warmfeuchte Wand. 28 Grad. Das sollten wir eigentlich gewohnt sein. Schließlich kamen wir nicht mit Air Berlin via Düsseldorf aus dem verregneten europäischen Sommer. Wir kamen frisch aus Rio de Janeiro, mit einem Zwischenstopp im Amazonasgebiet, in Manaus.

Millionenstadt im Dschungel

Keine Ahnung, wie es kommt, dass sich in Manaus, irgendwo inmitten tropischen Jungels sich im Laufe der Zeit zweiMillionen Menschen finden kommen, um eine Stadt zu gründen. Rundherum ist nichts. Also nichts, was auf großartige weitere Zivilisation schließen lässt. Minutenlang fliegt man über den Regenwald. Außer Flüssen, die braun das Grün durchschneiden, sieht man hier und da Rauch aufsteigen. Rodungen vermutlich. Mutmaßlich zu 90 Prozent illegal. Goldsucher, Sojaanbau, Holzfäller was weiß ich. Von oben nur zu erkennen aber nicht zu identifizieren.

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In der Bar do Armando waren wohl schon einmal Frankfurter.

Peter, ein Schweizer, steht am Ausgang. Ihn hatte Wiebke am Abend vorher noch ausfindig gemacht. Peter ist Tourguide und er soll uns nun bitteschön den knapp zehnstündigen Aufenthalt in Manaus mit einer Stadtführung verkürzen. Nächster Stop ist ein weißer Elefant. So nennt man viel zu große, viel zu teure ungenutzte Gebäude, gebaut für einen Zweck, danach dem Verfall freigegeben. Das Fußballstadion von Manaus ist so ein Beispiel. Gebaut für ein paar WM-Spiele, steht es seither überwiegend leer. Klar, man hatte seinerzeit versucht, das Stadion schönzurechnen. „Das wurde erzählt, es würde für Konzerte genutzt, die Rolling Stones könnten darin auftreten“, erzählt Peter. In Wirklichkeit war es den alten Rockherren viel zu schwül in Manaus. Recht haben sie.

Weißer Elefant

Also spielten sie ihre Südamerikatour im Frühjahr lieber in Rio, Sao Paolo und Belo Horizonte. Und Fußball? Gibt es auch in Maunaus, die hochklassigste Mannschaft spielt in der vierten Liga. Noch ein paar Spiele während Olympia und dann dürfte es das gewesen sein.

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Bananen gibt es zu später Stunde auf dem Markt noch reichlich.

Bekanntestes Bauwerk der Stadt ist das alte Opernhaus, gebaut zu einer Zeit, als Manaus durch Kautschuck stinkreich wurde und das Beste gerade noch gut genug war. Der in Paris lebende Brasilianer Crispim do Amaral aus Pernambuco gestaltete das Innere des Theaters, während sich der Italiener Enrico Mazolani um das Äußere kümmerte. Das Haus wurde am 31. Dezember 1896 eingeweiht, die erste Opernaufführung war am 7. Januar 1897 die Premiere der Oper „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli.

Die neobarocke Haupthalle ist für 701 Zuhörer ausgelegt. Die Decke ist durch das Bild „A Glorificação da Belas Artes na Amazônia“ (Zum Ruhm der Schönen Künste in Amazonien) von Domenico de Angelis geschmückt. Die Pflastersteine rund um das Gebäude wurden eigens aus einem Sand-Kautschuk-Gemisch angefertigt, um die Vorführungen nicht durch die vorbeifahrenden Pferdefuhrwerke zu stören. Ein Großteil der Baumaterialien wurde aus Europa importiert. So wurden beispielsweise die Kacheln der Kuppel aus Deutschland und die Pflastersteine vor dem Theater aus Portugal eingeführt. Dummerweise hat das Opernhaus montags zu. Dumm gelaufen.

Der Praca São Sebastião vor dem Opernhaus ist so etwas wie die gute Stube der Stadt, die ansonsten städtebaulich allerhand über sich ergehen lassen musste. Und entsprechend ausschaut. Hübsch gepflastert, von Bäumen gesäumt, kann man verstehen, weshalb sich vor allem die jungen Bewohner der Stadt hier gerne aufhalten.  Natürlich auch wegen des kostenlosen Wlans. Die wurden die Kautschuckmillionen einst geschmackvoll angelegt.

Schwellköpp und Frankfurt-Fahne friedlich nebeneinander

Gegenüber eine Kneipe, die Bar do Armando. Die hohen Türen stehen offen, damit Luft hinein kann. Schwül ist es sowieso, da muss es nicht auch noch stickig sein. Ein paar Tische eine Theke. Das interessanteste ist der Wandschmuck. Große Figuren, ähnlich den Meenzer Schwellköpf findet man dort. Und eine Fahne mit Frankfurter Stadtwappen. Bekannt wurde die Kneipe bei Fußballfans während der WM. Vor allem kroatische und englische Schlachtenbummler kamen hierher, machten daraus die inoffizielle Fanmeile.

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Rinderfüße auch.

Am Markt in der Nähe des Hafens, waren die Geschäfte des Tages so gut wie vorüber, als wir gegen 16 Uhr kamen. Viele Stände waren schon wieder verrammelt, an anderen wartete die Restware, ob sich nicht vielleicht doch noch ein Käufer für sie findet. Die Rinderfüße, schön aufgeschichtet am Rande der Theke, an der zwei Metzger mit weit aufgeknöpften Hemden ihre Arbeit verrichten, blieben an diesem Tag vermutlich unverkauft.

Im Hafen selbst liegen die Kutter vor Anker, mit denen man sich auf mehrtägige Amazonastrips begeben kann. Das sind weniger Kreuzfahrten, als tatsächliche Transportschiffe, die man sich, wenn sie voll sind, mit einigen hundert Mitreisenden teilen kann. Geschlafen wird auf offenen Decks in Hängematten, schön dicht. Wer es etwas intimer mag für den gibt es eine Suite. Eine fensterlose Bretterbude mit einem Doppelbett unten und einem Einzelbett darüber. Primitiv, aber wer auf Privatsphäre wert legt.

Klos und Duschen gibt es, jeweils eine pro Geschlecht. Damit irgendwie auch alle satt werden, wird gekocht. Auf zwei Etagen in einer Küche, vielleicht sechs bis acht Quadratmeter groß. Bis unter die Decke hängen die riesigen Alutöpfe. Wer unter diesen Bedingungen eine Woche lang drei Mahlzeiten für 150 oder 200 Reisende zaubern kann, der kann vermutlich in jedem Restaurant der Welt anheuern, ist belastbar, stress- und hitzeresistent und kann improvisieren.

Promenade mit sozialistischem Charme

Noch schnell, es ist schon fast dunkel, hinaus an den Rio Negro. Der heißt nicht nur so, der ist wirklich schwarz. Pechschwarz. Irgendwo an dessen Ufer hat man für die WM eine Strandpromenade aus dem Boden gestampft. Hier finden sich auch die Wohnanlagen der Neureichen – neue Condminios mit getönten Fenstern und hohen Zäunen. Die Promenade wirkt auf mich irgendwie sozialistisch. So stelle ich mir Seebäder am Schwarzen Meer vor. Aber das richtige Meer ist weit weg. Viele der Einwohner von Manaus haben es noch nie live gesehen.

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Der Geschäftstag war lange und anstrengend.

Peter lädt uns ab, wir haben immer noch gute sechs Stunden bis zum Weiterflug gegen 2.30 Uhr. Morgens, also nachts. Nachtflugverbot? Braucht Manaus nicht. Über Nacht gehen nur eine handvoll Maschinen raus, für die paar Dinge braucht man sich nicht die Mühe eines Gesetzes zu machen. Ein paar Inlandsflüge, dann der nach Willemstad.

Der Flughafen erscheint ziemlich geräumig. 30 Check-In-Schalter gibt es. Für wen bloß? Man könnte auch sagen, das Teil ist großzügig überdimensioniert. Und unterdimensioniert, was das Essensangebot angeht, wenn man Zeit hat und zu Abend essen will. Wir haben zwei Restaurants zu Auswahl. Pizza Hut oder Bob’s Burger, die brasilianische Antwort auf McDnald’s. Wir entscheiden und zunächst für Pizza Hut.

Beim Burgerbrater Nummer ziehen

Zwei Mediumsized Pizzen bestelle ich. Kriege ich aber nicht. Ich verstehe nicht genau, denke, nur die gewählte Sorte ist aus. „Egal, dann eben doch Mussarella.“ Auch nicht. Gar nichts? Ach doch, drei Ecken hat die junge Dame noch übrig. Und den frischen Teig gibt es erst in anderthalb Stunden. Glücklicherweise bekommt das kaum jemand mit. Man stelle sich vor, die arme Frau müsste nun im Minutentakt ihre Entschuldigungsansprache abgeben. Also rüber zu Bob.

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Platz gibt es auf dem Flughafen genug.

Hier bekommen wir alles. Aber erst, nachdem wir, als einzige in der Warteschlange, auch die für Brasilien obligatorische Wartenummer gezogen haben. Wer wann seinen Kram an der Theke abholen darf, wird dann schön wie beim Einwohnermeldeamt oben rechts digital angezeigt. Mit Ding und Dong.

Nach dem Burger bleiben uns noch viereinhalb Stunden. Noch etwas Beine vertreten. Und noch ein wenig rumlaufen. Es geht gegen Mitternacht. Komisch, die ganzen Läden haben offen. Aber in der Eingangshalle ist noch echt viel Volk unterwegs. Selbst der Stand, an dem wir gefrorenen Fisch kaufen könnten, hat noch offen. Geschlossen sind die meisten Läden nur zwischen 3 und 4 Uhr. Wer mal irgendwann so richtig entschleunigen will, der sollte sich für die Nachtschicht in einem der Läden am Flughafen von Manaus bewerben. Dass sich die Leutchen dort nicht wundliegen ist echt alles.

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Grfrorenen Fisch als Proviant.

Ella und Edgar sind inzwischen auf dem harten Steinboden eingeschlafen. Mit unseren Cangas (jeder Mensch sollte mindestens, mindestens! ein Canga besitzen) haben wir sie eingewickelt, sie liegen mit dem Kopf auf unserem Schoß. Mit schläft abwechselnd das linke, dann das rechte Bein ein. Ein Flughafenmitarbeiter bringt uns zwei Kinderbuggys. Die sind zwar viel zu klein, aber besser als der harte Steinboden. Mich erinnert das an unseren ersten Flug mit den beiden. Damals ging es nach London, die beiden waren 4 Monate alt.

Keine Erinnerung an letzte Etappe

Vom Flug nach Curaçao bekam von uns niemand was mit. Ich weiß nicht einmal, wer die Lotterie gewonnen hat, bei der man Flugmeilen gewinnen konnte. Für die Fluggesellschaft Insel Air. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, jemals wieder Fluggast dieser Linie zu sein? Die Kekse auf dem freien Nebensitz (der Snack) lasse ich liegen, als wir den Flieger verlassen. Gerädert, groggy, müde  wanken wir von Bord, holen das Gepäck. Die Taxifahrerin müssen wir wachklopfen.

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Fertig. Ella und Edgar nutzen die Wartezeit für ein Nickerchen.

25 US-Dollar will sie für die 9 Kilometer Fahrt zum Hotel haben. „Möchten sie nicht das Taxamater einschalten?“ frage ich. „Nicht nötig, die Fahrpreise sind von der Regierung festgelegt.“ Dennoch haben wir Glück. Unser Zimmer ist noch nicht ganz fertig, aber frei, wir können rein. Nach 23,5 Stunden unterwegs (Mauro, der Mann von Sprachlehrerin Karla hatte uns um Punkt 7 Uhrabgeholt), schlagen wir weich auf unseren Kingsize-Betten auf und ratzen erstmal bis Mittag. Curacao, das ist doch um die Ecke? Von wegen. Und was hat das mit Leberwurstbroten nun zu tun? Ich erzähl es gleich – erst mal pennen.