Olympia zum Letzten: Das Licht ist aus, wir gehen nach Haus‘ (rabimmel…)

Jetzt sind sie rum. Das war’s. Ende. Aus. Applaus? Auf jeden Fall. Die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro sind nicht zur Katastrophe ausgeartet, die viele vom Vorfeld prophezeit hatten. Kein Terroranschlag, kein Totalzusammenbruch. Nix.

Parabéns, Rio! Du hast es mal wieder geschafft, Deine Kritiker Lügen zu strafen. Brasilianer sind keine Weltmeister im Organisieren, dafür aber im Improvisieren. Und im Feiern. Großveranstaltungen kann man am Zuckerhut, auch unter schwierigen Bedingungen.

Wir blicken mal zurück. Vor sieben Jahren. Brasilien auf dem Weg in die Weltspitze. Die Wirtschaft brummt, große Bevölkerungsteile schafften den Sprung aus der Armut in die Mittelschicht. Und das beste: Es gab keine Anzeichen darauf, dass dieser Zustand so schnell nachlassen könnte. Brasilien war selbstbewusst, stark und erfolgreich. Es war also eine folgerichtige Entscheidung, dem Land und seiner Perle, Rio de Janeiro, die Ausrichtung des größten Events der Erde zuzutrauen. Die Spiele verhießen die Eintrittskarte in den Club der Großen der Welt, in eine goldene Zukunft.

P1060459Vor drei Wochen. Die dickste Wirtschaftskrise aller Zeiten, eine gewaltige politische Krise. Brasilien, wirtschaftlich im freien Fall, politisch im Schwebezustand. Hinzu kommt ein milliardenschwerer Korruptionsskandal. Rio eine bankrotte Stadt, schleppt sich, teilweise ohne Benzin für Polizeiautos und ohne Klopapier, ohne gezahlte Löhne im öffentlichen Dienst, ohne flächendeckendes funktionierendes Gesundheits- und Bildungswesen und mit Unterstützung von 85.000 Soldaten und Polizisten über die Zielgerade. Dazu wird es von allen Seiten abgewatscht, von der Weltöffentlichkeit, von australischen Sportlern.

Rio konnte nur verlieren. Hat es aber nicht.

Stattdessen war in der Stadt eine Stimmung spürbar, wie seit Karneval nicht mehr. Ausgelassen, heiter, fröhlich. Die Spiele begannen und die Cariocas legten den Schalter um, ließen Sack und Asche daheim und streiften das knappe Sambahemdchen über. Die Stadt lebte auf. Und das waren keinesfalls nur Touristen. Am Olympia Boulevard am frisch hergerichteten alten Hafen sah man überwiegend Brasilianer. Die Sportstätten, die Metro, die Straßenbahn – sie wurde fertig und hey, sie funktionierten. Rio lieferte unter schlechtesten Voraussetzungen ein reibungsloses Sportfest.

Und was bleibt von den Spielen?

Die Erinnerung an teilweise halbleere Stadien und buhende Zuschauer. Warum Stadien leer blieben – ob es am anfangs komplizierten Ticketing lag, an allzu großzügigen Sponsorenkontingenten oder an Preisen, die für Europäer moderat erscheinen, für Menschen in einer Wirtschaftskrise aber immer noch viel zu hoch sind? Wen interessiert das schon? Oder dass sich Brasilianer einfach nicht für jeden Sport erwärmen können? Vielleicht blieben die Brasilianer auch einfach nur daheim, weil sie keinen Bock hatten, von der Weltöffentlichkeit bei möglicherweise ausbleibendem sportlichem Erfolg einmal mehr ausgelacht zu werden?

Das Ausbuhen bei einigen Veranstaltungen mag kein feiner Zug gewesen sein und ging auch hier und da zu weit. Gehört aber zugleich zur Fankultur, wie übrigens in anderen südamerikanischen Ländern auch. Neutral beobachten geht nicht. Entweder dafür oder dagegen. Aber manchmal schien es so, als wollte man sich einfach nur den Frust von der Seele buhen. Deswegen sind die Brasilianer noch lange nicht unfair. Unfair finde ich, Rinderköpfe in ein Fußballstadion zu schmeißen, oder den gegnerischen Block mit Raketen zu beschießen.

Brasilianer sind keine Olympianation. Doch diesmal überraschten sie, holten 7 Goldmedaillen – in 120 Jahren Olympiageschichte zuvor waren es nur 16 gewesen. Dazu die für Brasilianer prestigereichsten im Fußball, Volleyball, Beachvolleyball. Für sie ist die sportliche Bilanz mehr als okay.

Und sonst?

Einen Tag nach den Spielen. Die dickste Wirtschaftskrise aller Zeiten, eine gewaltige politische Krise. Brasilien, wirtschaftlich im freien Fall, politisch im Schwebezustand. Hinzu kommt ein milliardenschwerer Korruptionsskandal. Der Rahmen bleibt der selbe. Hinter den bunten Sichtschutzwänden und außerhalb der Boulevards und Parks war ohnehin alles seinen gewohnten Gang gegangen.

Die Spiele haben Rios Probleme nicht lösen können. In punkto Verkehr noch am Ehesten – in anderer Hinsicht wäre das, da sollten wir ehrlich sein, auch ein wenig zu viel verlangt gewesen. Olympia war seit jeher ein Zuschussgeschäft für den Gastgeber.

Das IOC hätte aber durchaus dazu beitragen können, dass die Bilanz für Rio im allgemeinen positiver hätte ausfallen können. Dass die Guanabarabucht nicht so sauber würde, wie in der Bewerbung angekündigt, stand schon vor drei Jahren fest. Nur hat das in Lausanne keine Sau wirklich interessiert. Auch nicht die Kommission, die einen Blick auf die Nachhaltigkeit – fest in der olympischen Charta verankert -der Spiele richten soll.

Rio hat langfristig sie Sache nicht wirklich ernst genommen, kurzfristig im Rahmen seiner Möglichkeiten mit einem gewaltigen Kraftakt und auf Pump das vielleicht Beste rausgeholt. Wie hoch der Preis letztlich sein wird, das werden die kommenden Wochen und Monate, ja vielleicht Jahre zeigen. Rio, Brasilien, sind noch lange nicht über den Berg.

In wenigen Tagen wird der Senat zum Showdown im Impeachmant-Prozess gegen Präsidentin Dilma Rousseff zusammenkommen. Um das Verfahren war es ruhig geworden. Das war auch so gewollt. Nur keine Wellen schlagen während der Spiele, nicht noch mehr Unruhe. Die Senatsentscheidung und die Reaktionen darauf werden wichtiger sein als zwei Wochen Sport. Beim Sport ging es um den Moment, bei der Politik geht es um die Zukunft. Cariocas, die Einwohner Rios, leben den Moment.