Das Erbe von Olympia: Die Spiele gehen, Zika wird als Epidemie bleiben

Die Spiele sind vorüber – das befürchtete Chaos blieb aus. Auch in Sachen Zika blieb es ruhig. Nun ist die große Frage: Wie geht es weiter nach den Spielen? In Sachen Zika scheint für Mediziner eines schonmal klar zu sein: Zika wird in Rio eine Dauerepidemie bleiben.

Dass Rio de Janeiro, und ganz Brasilien, dauerhaft mit der Viruserkrankung Zika wird leben müssen, gilt für Mediziner als wahrscheinlich. In dem Aufsatz „Zika Virus Controversies: Epidemics as a Legacy of Mega Events“ zeichnet zumindest ein brasilianisches Forscherteam ein ernüchterndes Bild. Ähnlich wie schon vorher Dengue und das Chikungunya Virus wird es dem Olympia-Gastgeberland wohl nicht gelingen, die Ausbreitung von Zika nachhaltig und effektiv einzudämmen. Eine dauerhafte Epidemie dürfte in Zukunft zum Alltag der Carioca werden.

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Nur eine tote Stechmücke ist eine gute Stechmücke – oder so ähnlich.

Einen der Hauptgründe für die Ausbreitung von Zika sehen die Mediziner im nach wie vor schlecht ausgebauten Abwassersystem. Nach ihren Forschungen verfügen 55 Prozent der Haushalte über keinen oder nur unzureichenden Anschluss an das öffentliche Abwassersystem. Am schlimmsten ist demnach nach wie vor die Situation in ländlichen Gebieten im Norden und Nordosten. Dort, wo Zika als erstes von der Ärztin Adriana Melo überhaupt als Epidemie identifiziert worden war, ist etwa jeder zweite Haushalt nicht am Abwassernetz angeschlossen – ein idealer Nährboden für die aedes aegypti.Das ist die Moskitoart, die als Hauptüberträger gilt.

Programme gegen Moskitos bringen wenig

Zwar hat die Regierung kurzfristig allerhand unternommen, um ein ungehemmtes Wachstum der Moskitopopulation einzudämmen. Kampagnen wie „Zika Zero“  oder „60 Millions are stronger than a mosquito“ hält Professor Alberto K. Arbex, Autor des Aufsatzes, für illusorisch. Arbex ist Head of the Postgraduation in Endocrinology an der medizinischen Hochschule Ipemed Brazil. „Sie zeigen minimale Effekte bei der Problemlösung, denn die Zahl der Neuinfektionen steigt weiter an“, heißt es darin. „Ein schlechtes Abwassersystem bleibt langfristig die wichtigste Herausforderung in Brasilien.“ Und sie müsse dringend gemeistert werden, vor dem Hintergrund des Risikos, dass sich andere (neue und alte) Infektionskrankheiten ansonsten schnell verbreiten.“

Hauptursache: Abwassersystem

Als mögliche Szenarien ziehen die Mediziner Dengue und Chikungunya heran. Dengue beschäftigt das brasilianische Gesundheitswesen seit den frühen 80er Jahren – als Epidemie. Inzwischen sei es Alltag, so die Ärzte. Offiziell sind bislang 10 Millionen Brasilianer mit Dengue im Laufe der Jahre infiziert gewesen, die Zahl der Todesfälle geben die Autoren mit 4000 an. „Die wahre Zahl der Dengue infektionen ist wahrscheinlich zwölf Mal höher als die offiziellen Statistiken. Das bedeutet, dass 60% der Brasilianer bereits im Dengue infiziert gewesen sein dürften.“ In absoluten Zahlen: 120 Mio. Brasilianer waren demnach schon mit Dengue infiziert. Denn: „Underreporting“ sei in diesem Zusammenhang die Regel.

Alberto K. Arbex: „Nur ein kleiner Teil der Fälle wird offiziell eingetragen, etwa nur eine von zwölf Infektionen wird registriert – das heißt ‘underreporting‘.“ Die letzte große Dengue-Epidemie war 2013. Weltweit werden jedes Jahr 50 Millionen Infektionen registriert. Von einer Dengue-Infektion bedroht, sind weitaus mehr Menschen, rund 2,5 Milliarden, die in den Verbreitungsgebieten des Virus‘ leben.

Viele Viren kamen durch die WM 2014 ins Land

Chikungunya sorgte Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Tanzania für große Epidemien, die zwischen 40 und 60% der Bevölkerung betrafen. Bis Oktober 2014 gab es in Brasilien 828 bestätigte Fälle. Von diesen waren lediglich 39 bei eingereisten Personen festgestellt worden. Inzwischen gilt es als Sicher, dass der Erreger während der Fußball-Weltmeisterschaft ins Land kam. 2015 gab es in Brasilien 20.662 Chikungunya-Verdachtsfälle. Das brasilianische Gesundheitsministerium geht davon aus, das neben Chikungunya auch andere Infektionen hämorrhagisches Fieber (Fiebererkrankungen mit Blutungen), Cholera, Vogelgrippe und eben Zika durch die WM nach Brasilien kamen. „Diese neue Situation erwischte das Gesundheitsüberwachungsamt (Health Surveillance Secretary) auf dem falschen Fuß. So wurde erst acht Monate nach dem Weltcup eine intensive Bestandsaufnahme aller festgestellten Ausschlagssyndromen im Nordosten des Landes angeordnet, als das Problem längst bestand“, schreiben die Autoren.

Was bedeutet das jetzt für das dauerhafte Risiko für Rio? „Das ist sehr ernst und schwer. Der Zika Virus birgt ein großes Risiko für schangere Frauen. Der Chikungunya Virus ist mit schweren Folgen in den Gelenken verbunden“, sagt Alberto K. Arbex. „Natürlich hat Rio auch dieses Risiko. Denn was zuerst im Nordosten Brasiliens passiert, kommt ein bis zwei Jahre später auch nach Rio.“

Gesundheitswesen ist schlecht gerüstet

Das  Gesundheitswesen sieht Arbex als „sicherlich nicht vorbereitet. Für keinerlei Ernstfälle“. So gebe es aktuell keine funktionierende Struktur, diese Gefahren und Erreger zu vermindern, weil es kein Geld für Institutionen wie die Fiocruz (ein nationales Institut für die Erforschung von Frauen- und Kinderkrankheiten) oder die Universitäten gibt. Die staatlichen Institutionen sind weitgehend pleite, haben kein Geld mehr für Forschung. Wenn das Geld vom Ausland kommt, wie z.B. von der WHO, erreicht es nicht die Forscher wegen der Korruption“, so der Mediziner weiter.

Er geht davon aus, dass man sich in Rio und in Brasilien an Zika wird gewöhnen müssen. „Der Weg scheint der selbe zu sein, wie bei Dengue. Es gehört seit 40 Jahren zu unserem Alltag unter der Dengue-Epidemie zu leiden, ohne konkrete Lösungen zu haben.“  Es hänge nicht davon ab, gegen eine Mücke zu kämpfen, wie es die Werbung der Regierung beschreibt. „Das Problem hängt um die Abwasserentsorgung zusammen, nicht mit Mosquitos oder Mücken. Rio und Brasilien investieren viel zu wenig in einer Verbesserung der Abwasserentsorgung. Das kannst man ganz klar in der Baía da Guanabara oder  im Stadtteil Barra da Tijuca sehen, wo die Abwasserkanäle direkt ins Meer enden“, sagt Arbex.

 

Dengue:

Das Virus wird über Moskitostiche übertragen und ist in tropischen und suptropischen Gebieten verbreitet. Seit dem Zweiten Weltkried und die Globlisierung ist das Denguefieber unter anderem durch die Verbreitung seines Überträgers auf dem Vormarsch und wird oft auch als emerging disease (sich ausbreitende Krankheit) bezeichnet. Es ist die sich am schnellsten ausbreitende, virale, von Moskitos übertragene Krankheit; die Fallzahlen haben sich von 1960 bis 2010 verdreißigfacht.

Chikungunya:

Das Chikungunyafieber ist eine durch das Chikungunya-Wirus (CHIKV) ausgelöste, mit Fieber und Gelenkbeschwerden einhergehende tropische Infektionskrankheit, die durch Stechmücken übertragen wird. Das Chikungunyafieber ist erstmals 1952 in Tansania und Uganda beschrieben worden. Bislang sind als eindeutige Überträger die Geldfiebermücke (Aedes aegypti) und die ursprünglich aus Ostasien stammende Asiatische Tigermücke identifiziert.