Olympia: Kirchen kommen zum Missionieren zu den Spielen

Bei Olympia wird nicht nur um Medaillen gekämpft. Rund um das große Sportfest versuchen allerhand Glaubensgemeinschaften die Brasilianer für ihre Heilswahrheiten zu begeistern.

Auf dem Olympia-Boulevard am alten Hafen hat sich eine Menschentraube gebildet. Zwei junge Männer stehen auf einer Steinbang, verteilen visitenkartengroße Zettel, die ihnen förmlich aus der Hand gerissen werden. Wer ein solches Kärtchen ergattern konnte, kann es anschließend gegen einen goldene Pin eintauschen. Grund zum Drängeln gibt es eigentlich keinen. Es sind genügend Zettelchen da und Pins. Schließlich will man ja so viele Menschen wie möglich erreichen.

Kirchen versuchen, während Olympia zu missionieren

Die beiden jungen Männer sind von der OBP. OBP steht für Outreach Bible Project. Dabei handelt es sich um eine Baptistenbewegung.

Woher kommen Sie? Frage ich eine ältere Dame, die munter Karten und Pins unters Volk bringt.

Aus den Staaten.

Wirklich aus den Staaten? Weshalb?

Hierfür, sagt sie und deutet in Richtung der 20-30 Brasilianer, die völlig aus dem Häuschen sind wegen der Give-aways.

Was meinen Sie? Sind sie zum Missionieren hier?

Exakt!

Die OBP ist noch eine relativ junge Bewegung. Ihr Direktor, David Hardin, stammt aus der Hillcrest Baptist Church in Acworth, Georgia, ganz in der Nähe von Atlanta, dem Austragungsort der Olympischen Spiele 1996. Die Gemeinde war die Gastgebergemeinde, ein paar Besucher aus anderen Ländern wohnten während der Spiele bei Hardin zu Hause. Seither war die Baptistenkirche bei allen Olympischen Spielen vor Ort, verteilte nach eigenen Angaben seither mehr als 500.000 Bibeln und Bibelauszüge.

Bibelauszüge im Format von Groschenromanen

In Rio werden die Bibelauszüge im Format von Groschenromanen gleich Kartonweise verteilt. Und die Leute nehmen sie mit. Ein Teil landet auch kurz drauf im Blumenbeet oder im Mülleimer. Im Vergleich zur verteilten Menge scheinen das jedoch wenige zu sein.

De Ark, Dordrecht Copyright: Ark of Noah Foundation

De Ark, Dordrecht Copyright: Ark of Noah Foundation

Auch die Zeugen Jehowas sind flächendeckend vertreten auf dem Olympiagelände. Weniger auffällig und aufdringlich, eher gewohnt zurückhaltend. Zwei ider drei von Ihnen stehen ruhig in der Ecke, vor sich einen Prospektständer mit Heftchen und Flyern in allen gängigen Sprachen: Portugiesisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Japanisch, Hebräisch. Nähert man sich ihnen, fällt die Zurückhaltung und man wird mit „Informationsmaterial“ überschüttet.

Pünktlich zu den Paralympics im September wollte die Arche in Rio festmachen. Genauer ein Nachbau aus Holland. Finanziert in betrieben von einer christlichen Glaubensgemeinschaft aus den Vereinigten Staaten.

Alles war geplant. Dafür sollte die Arche sogar noch technisch aufgerüstet werden. Echte Tier gibt es keine. „Das ist schwierig mit den Tierhaltungsgesetzen“, sagt Herald A.M.A. Janssen, Direktor der Noah Foundation.

Inzwischen ist der Trip abgesagt. Wegen der unsicheren politischen Lage heißt es offiziell. Offenbar hatte man Angst, die klamme Staatsregierung von Rio könne das wertvolle Schiff „konfiszieren“. Sehr viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass es schlicht nicht gelungen ist, die Spenden zusammenzubekommen.

Das Arche-Projekt hatte speziell die Menschen aus den Favelas als Besucher im Blick. Ihnen wollte man sogar ermöglichen, sich die Arche kostenlos anzuschauen.

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Andrang bei der OBP.

Ein gewisser missionarischer Effekt war auch vorgesehen, vorausgesetzt, das Projekt läuft gut. Wäre genügend Geld durch Spenden und Eintrittsgelder zusammengekommen, hätte es dazu verwendet werden sollen, in Favelas kleine so genannte Ark of Hope-Centres zu bauen. Das sind kleine Gemeindezentrum in Archeform, die von den Communidades genutzt werden können, als Kindergarten, Klassenraum, oder Versammlungsraum, wo über Hygiene, Gesundheit oder Ernährung Bildungsarbeit betrieben werden soll.

Mensch als Rohstoff

Brasilien ist ein Land voller Rohstoffe: Erze, Metalle, Öl, Gas, Früchte und Menschen. Brasilien hat rund 200 Millionen Einwohner. Bis vor wenigen Jahren war es das strategisch wichtigste Land der Katholischen Kirche. Nicht nur in Lateinamerika, sondern weltweit. Doch der Einfluss sinkt. Dramatisch. Schuld daran sind evangelikale Kirchen, die seit den 1970er-Jahren sehr erfolgreich auf Seelenfang in Brasilien gehen. Beim letzten Zensus gaben 123 Millionen Brasilianer an, der Katholischen Kirche anzugehören. 42 Millionen waren bereits einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft angeschlossen.

Die Evangelikalen sind vermögend – sie verlangen von ihren Mitgliedern den Zehnten. Mindestens. Und sie sind einflussreich. Die Igreja Universal, eine der größten, wurde 1977 von Edir Macedo in Rio de Janeiro gegründet. Neben der Kirche betreibt Macedo etliche Fernsehsender, Radiostationen in den USA und Brasilien. Über diese verbreitet er natürlich ausschließlich seine Heilsbotschaften. Igreja Universal ist ein Weltkonzern, vertreten in über 170 Ländern mit einem Milliardenumsatz.

Einfache Botschaft: Seelenheil schon im Diesseits

Der Trick ist ganz einfach. Während die Katholische Kirche das Seelenheil im Jenseitigen verortet, wenn man denn zu Lebzeiten ein frommer Mensch war, kann man bei den Evangelikalen schon zu Lebzeiten darauf hoffen – vorausgesetzt man spendet fleißig. Das kommt natürlich bei vielen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen an. Davon gibt es in Brasilien eine ganze Menge.

Während der Gottesdienste, die hier Kulte heißen, kommen Menschen zu Wort, denen die Kirche vermeintlich aus einer ausweglosen Lebenssituation geholfen hat. Vermeintliche Kriminelle, Obdachlose, Todkranke. Durch die Kirche kamen sie zurück auf den Weg der Tugend, die einfache Botschaft.

Die Kommerzialisierung des Glaubens dürfte nirgendwo sonst auf der Welt so ausgeprägt sein, wie in Brasilien.

Die evangelikalen Gemeinden sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In den kleinsten Orten gründen die Ableger. Sie brauchen nicht viel. Ein Gebäude, das als Kirche dient, und einen Kreditkartenleser. Es gibt keinen zentralen Verwaltungsapparat. So schnell und flexibel ist die Katholische Kirche nicht. Außerdem haben die Evangelikalen, im Vergleich zu den Katholiken, keine Probleme bei der Rekrutierung von Priestern. Ein langes enthaltsames Theologiestudium braucht dort niemand.

Evangelikale in der Politik

Auch in der Politik ist der Einfluss groß. Der suspendierte Senatspräsident Eduardo Cunha, neben Interimspräsident Michel Temer der Hauptstrippenzieher im Impeachment-Prozess gegen Noch-Präsidentin Dilma Rousseff gilt als einer der führenden Politiker, die sich ganz selbstverständlich zum evangelikalen Glauben (Assembleia de Deus) bekennen. Rund 15 Prozent aller brasilianischen Senatsmitglieder sollen evangelikalen Glaubensgemeinschaften angehören.

Punktuell versucht die Katholische Kirche entgegenzuhalten. In Sao Paolo gibt es den Pastor Marcelo Rossi. Er gilt als so genannter Charismatiker, der die Evangelikalen versucht, mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. In seinen Gottesdiensten, zu denen Tausende Gläubige kommen, wird Popmusik gespielt. Einmal im Jahr nimmt er eine CD mit Popmusik und frommen Versen auf, die sich wie geschnitten Brot in Millionenauflagen verkaufen.

 

Update am 29.08.2016