Bei unserer sportlichen Premiere gab es gleich Bronze

P1060563Unser erster Wettkampftag beginnt mit leichter Kreislaufentzündung. Abends zuvor hatten wir Besuch, haben ein paar Bier getrunken. Gar nicht so lange, aber wir sind nichts mehr gewohnt. Das rächt sich nun. Das Alter wahrscheinlich.

Doch: Wer abends trinken kann, kann auch morgens aufstehen (ein in Brasilien weitgehend unbekannter Grundsatz) – drum stehen wir, wie geplant, um 7.30 Uhr auf. Es soll nach Deodoro gehen. Die deutschen Hockeyherren spielen um 12 Uhr um Bronze gegen die Niederlande.

Deodoro, das ist der zweite große Olympiaschwerpunkt, in der Nordzone gelegen, quasi diagonal durch die ganze Stadt, wenn man von Barra de Tijuca aus denkt. Deodoro ist Hauptort des Hockeyturniers, der Reitsportwettkämpfe, des Modernen Fünfkampfs und noch einiger anderer Dinge.

Die Erfahrung mit Barra lehrte uns: Sei früh unterwegs, denn die Anreise kann dauern. Wir nehmen zunächst die Metro, entgegengesetzte Richtung, Endpunkt Uruguai (von wegen heute fährt die 18 bis nach Istanbul. Hier fährt die 1 bis Uruguai. Wie der Amerikaner sagt: You are gay?). Doch soweit müssen wir nicht. Am Hauptbahnhof Rio Central ist Umsteigen angesagt in den Regionalzug nach Santa Cruz. Ein Bummelzug, gefühlt 20 Stationen im Schritttempo.

Händler verkürzen die Reisezeit

Für Abwechslung auf der Reise sorgen die fliegenden Händler, die ständig auf und ab laufen und ihren Kram anbieten: Wasser (mit und ohne Kohlensäure), Bier (morgens um 10?), Süßkram, Schokolade, Chips, Kopfhörer, etc. Nur Kaffee hat keiner. Trotzdem: Die Fahrt nach Deodoro ist weniger umständlich und deutlich entspannter als nach Barra.

An der Haltestelle bekommen wir eine Idee davon, wie viel Militär zur Sicherung der Spiele eingesetzt ist. Der Laufweg der Zuschauer ist mit Frankfurter Gittern lückenlos gesäumt – hier darf, hier kann, sich niemand verlaufen. Alle 10 Meter ein Soldat mit Gewehr.

Personal gibt es in der Gegend genug. Hier ist die Vila Militar – eine Art Stadtteil, an dem sich die Kasernen der unterschiedlichsten Einheiten aufreihen. Auch die olympischen Sportstätten scheinen sich teilweise auf dem Militärgelände zu befinden. Immerhin scheint dann ja eine Art Folgenutzung gewährleistet. Die Bahnhöfe und Haltepunkte, zumindest am Ende, sind auch fein herausgeputzt.

2 Kilometer laufen wir schnurgerade auf einer Betonstraße. Heute scheint es heiß zu werden. Wir haben Wasserflaschen mit. Die dürfen aber nicht mit hinein. Also austrinken oder auskippen. Die leeren Flaschen dürften mit rein, auf dem Gelände gibt es Wasserspender zum Auffüllen.

Sollten wir uns vielleicht doch noch eine Schirmmütze zum Schutz vor der Sonne kaufen? Im Olympiashop sollen die 55 Reais kosten. Zu teuer. Wir kommen auch so klar. Wie sich später herausstellen sollte ein Trugschluss – vor allem ich sollte mir einen kräftigen Sonnenbrand holen. Jetzt trage ich eine weiße Brille auf rotem Grund.

Wir sind zeitig da. Suchen uns schöne Plätze in der Nähe des deutschen Fanblocks. Die machen ordentlich Stimmung. Mich erinnert die Hockey-Fankultur ein wenig an die beim Frauenfußball – familiär und brav. Keine Schmähgesänge, dafür mehr Anfeuerungsrufe, die man noch aus den 80er Jahren kennt. In einem haben die Schlachtenbummler recht: Ohne Deutschland wäre nichts losgewesen. Die Fans in Oranje halten sich zurück.

Erstes Mal Hockey live

Es ist das erste Hockeyspiel, das ich live im Stadion verfolge. Stelle fest, dass ich bei den Regelkenntnissen erhebliche Wissenslücken aufweise. Aber grob ist die Sache ja klar.

Zum Sportlichen so viel: Deutschland wirkt feldüberlegener, ohne zu dominieren, erarbeitet sich einige Strafecken, die jedoch versemmelt werden. Die Niederländer kommen auch zu Chancen. Seltener zwar, aber immer gefährlich.

P1060584Irgendwie scheint es mir ein paar Regeländerungen in den letzten Jahrzehnten gegeben zu haben. Oder bestand die Spielzeit immer schon aus vier Vierteln? Durften die Verteidiger vor Strafecken Knie- und Eierschutz anlegen? Gibt es bei Unentschieden ein Penaltyschießen? Ich dachte immer, es wären 7-Meter? Aber egal – am Ende stand es 1:1, Deutschland gewann das Penaltyschießen und holte Bronze. Gut gemacht!

Nach dem Sport erstmal Hunger. Das kulinarische Angebot hält sich sehr in Grenzen. Ganze vier Foodtracks sind auf dem Gelände, versorgen einige Tausend Besucher mit Essen. Nicht gerade üppig das Angebot und zudem für hiesige Verhältnisse happig im Preis. Ein kleiner Burger mit ein paar Fritten 40 Reais (12 Euro) ist schon sportlich. Gut, vermeintlicher Gourmetburger mit karamellisierten Zwiebeln und Schnick und Schnack. Aber trotzdem. Wo sind denn die lokalen Verkäufer, die auch von irgendwas leben müssen, Tapioca oder Churros verkaufen? Die scheint das IOC doch nicht in Olympianähe gelassen zu haben. So mussten wir eine Stunde anstehen.

Aber: Auf europäischen Festivals wird man mehr abgezockt. Bier kostet hier der halbe Liter knapp 4 Euro – geht mal zu einem Bundesligaspiel. Dort muss man sogar noch vorher erst eine Bezahlkarte kaufen. Das gibt es hier nicht.