Ausflug in den Olympiapark nach Barra

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Welches Land diese beiden unterstützen?

Das olympische Epizentrum liegt in Barra de Tijuca, am Stadtrand Rios. Dort liegt der Olympiapark mit zahlreichen Stadien. Prima, dachten wir, da fahren wir hin und schauen uns das bunte Treiben aus der Nähe an, flanieren herum und genießen die Atmosphäre. Tickets für irgendeine Sportveranstaltung hatten wir nicht. Brauchten wir nicht, dachten wir. Schwerer Fehler! Aber der Tag endete doch noch versöhnlich. Auch wenn Barra und ich sicher keine Freunde mehr werden.

Nach einer halben Stunde in der brütenden Hitze – 33 Grad, pralle Sonne, kein Schatten; hey, ich dachte nun ist Winter – machten wir kehrt. Zwei, drei Kilometer waren wir an einem meterhohen Mattenzaun entlang gelaufen. Mit tausenden Schlachtenbummlern. Nur im Unterschied zu den allermeisten hatten wir uns keine Karte gekauft. Somit kamen wir auch nicht hinein, in den Olympiapark. Obwohl und die Volunteers – gekleidet in Gelb und Beige – immer wieder andere Dinge sagten. Einfach so flanieren und Stimmung aufsaugen, ist nicht vorgesehen. Also zurück zum Bus.

Es war unsere erste Tour hinaus nach Barra. Das bedeutet vor allem Geduld haben. Zunächst benötigt man ein Tagesticket für den Olympia-Express. Eintrittskarten sind nämlich, anders als wohl überall sonst in der Welt, hier nicht gleichzeitig auch Fahrscheine. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Anreise nach Barra in vier Etappen. Dauer: mit Glück 90 Minuten

Die Anreise erfolgt in vier Etappen. Zunächst hinein in die reguläre Metro bis zur Endstation in Ipanema, General Osorio. Dort: umsteigen. Alle raus und per Megaphon geleitet hinauf  und wieder hinunter zur frisch fertiggewordenen Linie 4.

Dass diese überhaupt noch rechtzeitig fertig wurde, grenzt für viele Brasilianer an ein Wunder. Etliche hätten damit nicht mehr gerechnet. Allerdings konnte die Konstruktion nicht mehr rechtzeitig auf Herz und Nieren geprüft werden. Das erfolgt zurzeit tagtäglich unter schwersten Gefechtbedingungen, also unter Volllast.

Doch damit durchfahren bis zu den Sportstätten? Nein nein, die Metro endet im Jadrim Olimpico, am Einfang von Barra. Der Olympiapark ist aber ganz am Ende von Barra. Und Barra ist saumäßig lang. Laufen? Kann man vergessen. Taxi? Hinten anstellen im Dauerstau.

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Klar, bei den Funktionären muss ja alles funktionieren.

Also rein in den Schnellbus. Oder erst mal raus aus der Metro und zum Bussteig. Bis zum Sportpark sind es sechs Stationen. Angefahren werden während der Spiele aber nur die erste – weil sie direkt vor der Haustüre des Nationalen Olympischen Komittees Brasilien (NOK) hält (komischer Zufall) und die vorletzte. Die Station dort ist Barra Shopping, das größte Shoppingcenter der Stadt. Also eine indirekte Einladung an die Touristen, mit ihren Reais etwas für den Einzelhandel zu tun.

Meister im Improvisieren

Endpunkt ist ein Terminal am Olympiapark. Über eine provisorische Brücke werden die Besucher über die sechsspurige Straße geführt. Die eigentlich geplante Brücke wurde anscheinend nicht rechtzeitig fertig. Oder nie geplant? Man wird spätestens Ende September sehen, wie es weitergeht. Dauer der Anreise ohne Wartezeiten: 90 Minuten. Also länger, als man per ICE von Frankfurt bis Köln benötigt.

Das selbe natürlich wieder zurück. Alle Verkehrsmittel sind schon zu dieser Zeit,es ist früher Nachmittag, proppenvoll. Ich würde mal gerne sehen wie das ausschaut, wenn gegen 1 Uhr nachts die letzte Bahn fährt und Tausende Sportfreunde zurück in ihre Quartiere wollen. Ein Taxi von dort kostet ganz schnell 150 Reais und dauert ewig. Davon abgesehen, dass Taxen gar nicht bis an das Olympiagelände rankommen. Ohne profunde Ortskenntnis hat man dann ziemlich ins Klo gegriffen.

Immerhin klappt bei Decathlon alles

Ganz unverrichteter Dinge wollten wir aber nicht heimfahren. Gut, dass es in Barra einen Decathlon-Shop gibt. Sogar mit Haltestelle direkt vor der Türe. Dachten wir. Ist auch so. Nur wird diese Haltestelle während der Spiele nicht angefahren. Begründung: Während der Spiele sind die Busse und die Linie 4 kein öffentliches Verkehrsmittel, sondern rein für den Olympiatransport zuständig.

Wir steigen also beim NOK aus – können aber die Haltestelle nur in Richtung der Decathlon-abgewandten Seite verlassen. Die andere Hälfte ist noch nicht in Betrieb, der Durchgang mit einer aufgestellten Aluleiter notdürftig versperrt. Als wir trotzdem dort hinaus wollen, werden wir zurückgepfiffen.

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Abenteuerliche Treppenkonstruktion im Hintergrund.

Zwanzig Minuten Fußmarsches später, sind wir am Ziel. Zwischenzeitlich hatten wir noch einen Boxenstop im Supermarkt eingelegt. Immerhin: hier klappt alles – außer vielleicht, dass man, wenn man Flipflops trägt (90 Prozent der Kunden) keine Socken zum anprobieren anderer Schuhe findet. Und diesmal wurde sogar unsere Kreditkarte akzeptiert. Halleluja, das war auch schon mal anders dort.

Zurück zur Haltestelle. Ein Bus fährt uns vor der Nase weg, ein zweiter fährt einfach durch. Sauber. Ich bin mächtig geladen, kacke einen der Helfer an, die an den Drehkreuzen herumlungern. Achselzucken. Hilft nichts. Wir müssen weiterwarten.

Man sieht: Die Brasilianer sind die Weltmeister im Improvisieren. Wird etwas nicht zeitgerecht fertig, wird einfach so getan, als wäre dies so auch nie vorgesehen gewesen. Ein neuerliches Beispiel für den Brasilianischen Weg, den Jeito. Brasilianer sind keine Perfektionisten. 75 Prozent Funktionalität reichen doch. Mehr erwartet niemand hier. Auch wenn es dafür etwas umständlich wird. Aber so richtig böse sein, kann man ihnen deshalb aber auch irgendwie nicht.