Olympia-Songs: Der Höhepunkt war Whitney Houston

Ich höre schon das Gezeter: Zika, Krise, Kriminalität und noch nicht mal einen richtigen Olympia-Song bekommen sie hin, die Brasilianer. Die Geschichte des offiziellen Olympia-Songs ist noch gar nicht so lang. 1984 gab es den ersten. Und seinen Höhepunkt erreichte dieses Musik-Genre vier Jahre später mit Whithney Houston und 1992 mit Freddie Mercury und Montserrat Caballé. Danach ging es steil bergab.

Die Geburt: Los Angeles 1984

Meine erste Erinnerung an Olympische Spiele setzt mit dem Winterspielen 1984 in Sarajewo ein. Peter Angerer, damals ein Nobody im Biathlon holt zweimal Gold (oder war es einmal Gold und einmal Silber? Okay, ich frage Google. Moment…ich hatte Recht, plus einmal Staffel-Bronze). Ich lag mit Grippe im Bett und schaute mir den Kram von A bis Z an.

Peter Angerer schaffte es nicht nur in die Geschichtsbücher des Sport, sondern auch auf eine Briefmarke der Paraguayanischen Post. Glückwunsch! Das britische Eislauf-Duo Jayne Torvill und Christopher Dean holte die Traumnote 6.0 zu Ravels Bolero – dem Bo Derek 1979 im Film „Zehn –Die Traumfrau“ (Regie: Blake Edwards) zu einem verruchten Image verholfen hatte. Möchte nicht wissen, wie viele heutige Mittdreißiger zu eben jenem Song gezeugt wurden.

Dann kamen die Sommerspiele 1984 in Los Angeles. Ein Mann mit Raketenrucksack schwebte bei der Eröffnungsfeier ein. Schwimmer Michael Groß errang sich den Spitznamen „Albatross“ und Elke Heidenreich liegt mir noch heute als nörgelige Rentnerin Else Stratmann in den Ohren, indem sie Giorgio MorodersReach out for the medal“   in „Richard und das Mädel“ umdeutete. Der weiße Neger Wumbaba lässt grüßen. Es war übrigens das erste Mal, dass es so etwas wie einen offiziellen Olympiasong gegeben hatte. In dieser Hinsicht habe ich also bisher in meinem Leben, zumindest theoretisch, nichts verpasst.

Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist mit allerdings ein anderer Song, den einer der öffentlich-rechtlichen Sender als Titelmelodie für Einspieler (Sportlerporträts etc.) benutzt hat: „People are People“ der damals noch recht unbekannten britischen (!) Band Depeche Mode. Ihr Sample-basierter Maschinenklang passte anscheinend ganz gut zur TV-Schnitttechnik. Dieser Einsatz der New-Wave-Band markierte auch so etwas wie den internationalen Durchbruch der Combo, die damals schon einige Jahre bestand. Und während im Fernsehen US-Präsident Ronald Reagan die Abschlussfeier beschloss, musste ich zu neuen Ufern aufbrechen. Es war der erste Schultag auf dem Gymnasium.

Blüte, Teil 1: 1988, Seoul

Ein echt würdiger Olympia-Song war 1988 Whitney HoustonsOne Moment in Time“  – hymnisch-getragen, dem ultimativen Klimax „I will be free“ entgegensteigend. Dazu in Zeitlupentempo zusammengeschnittene Wettkampfbilder – tragische Verlierer, tränenreiche Sieger. Das hatte einfach alles. Konnte sie ja nichts dafür, dass der kanadische Sprintstar Ben Johnson kurz nach seinem Weltrekord-sieg (9,79 Sek.) gegen Carl „den großen“ Lewis des Dopings überführt wurde und seine Goldmedaille zurückgeben musste (wie später Lewis selbst auch), oder Zehnkämpfer Jürgen Hingsen beim 100-m-Lauf drei Mal hintereinander in den Fehlstart stolperte und disqualifiziert wurde. Aus dem Zweikampf mit Erzrivale Daley Thompson wurde somit nichts mehr.

Ach ja: Die eigentlich offizielle Hymne der Spiele von Seoul war „Hand in Hand“  des koreanischen Duos „Koreana“, ebenfalls komponiert von Giorgio Moroder, wenn man so will, der Ralph Siegel der Olympia-Songs. Ohne ihn ging viele Jahre nicht viel in dem Genre. An Hand in Hand erinnert sich heute keine Sau mehr.

Blüte, Teil 2: Barcelona, 1992

Gleich zwei Hymnen erklangen zu den Olympischen Sommerspielen 1992 in Barcelona. Zwei Duetts, beide sehr klassisch angehaucht. Auf der einen Seite Queen-Frontmann Freddy Mercury mit Montserrat Caballé besang er die Gastgeberstadt. Auf der anderen Seite das von Musical-Guru Andrew Lloyd Webber komponierte „Amigos para siempre“, das Sarah Brightman und José Carreras mindestens ebenso inbrünstig schmetterten. Weshalb ich letzteres erst mit Olympia in Verbindung bringe, seit vor wenigen Tagen meine Kinder bei ihrem Schulfest – Thema Olympia“ das Stück sangen, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Bis dahin hatte ich es für eine Komposition ihrer Musiklehrerin gehalten.

Der Abstieg: Seit 1996

Anschließend wird es dunkel in meiner Erinnerung. Zumindest, was die Olympiasongs betrifft. 1996, die Spiele fanden in Atlanta statt, stand ichdefinitiv noch mehr unter dem Eindruck der Fußball-europameisterschaft in England und „Football’s Coming home“ von Baddiel & Skinner  bzw. „Don’t look back in Anger“  von Oasis, bei dem das ZDF ein glückliches Händchen bewiesen hatte. Manchester war Mitte der 90er der most happening place in Europa, Definitely, maybe. Wie? Gloria Estefan und „Reach“?. Höre ich heute zum ersten Mal.

Und danach? Das große Nichts. Ich kann nur noch das wiedergeben, was ich mir zusammengesucht habe, um die Chronik zu vervollständigen (hoffentlich hat der Rolling Stone keinen Scheiß geschrieben). 2000: Tina Arena und „Flame“, 2004: Björk und „Oceania“ , 2008: Jackie Chan mit „We are ready“ – ohne es zu kennen, klingt das ziemlich nach Klamauk. Vielleicht hätte man aus Nordkorea besser die Moranbong-Band organisiert. Die Mischung aus James Last und Rondo Veneziano hätte nicht nur besser gepasst, es hätte Devisen in die Kassen von Kim Jong-Il gespült und der hätte dann vielleicht keine Atombomben mehr bauen müssen. 2012 in London dann „Muse“und Survival.

Und 2016? Noch gibt es keinen offiziellen Olympia-Song. Zur Entzündung der Flamme gab es „vida de viajante“, Luiz Gonzaga  ein folkloristisch angehauchter Popsong. Wenn man denkt, welch großartige Musiker Brasilien hervorgebracht hat, fragt man sich schon, weshalb Tom Jobim und Vinicius de Moraes nur als Namenspatrone der Olympia-Maskottchen herhalten durften. Und der hier ist auch nicht besser: Os Deuses do Olimpo Visitam o Rio de Janeiro.