Heimatbrief#4: Auf der Zielgeraden vor Olympia

Es ist geschafft – das erste Schulahalbjahr ist rum. Für Wiebke als Lehrerin hier an der deutschen Schule, aber vor allem für Edgar und Ella in ihrer Klasse 1R1. Ein Zeugnis gab es auch schon, jetzt warten wir auf die Ferien. Die beginnen nicht nach der Zeugnisausgabe, also normalerweise schon, aber wegen Olympia, das liest man ja auch überall, ist hier nix normal. Dass die Osterferien dafür an die Sommerferien geheftet werden und das ganze Paket vom Juli in den August geschoben wird, ist da noch das kleinste.
Wer die Berichterstattung in den vergangen Wochen über Rio verfolgt hat, der muss denken, dass wir hier in einem Kriegsgebiet leben, in dem Seuchen grassieren und ansonsten die Brasilianer nichts, aber auch gar nichts gebacken kriegen. Das ist natürlich völlig übertrieben. Gerade amerikanische Medien schlagen immer wiedermit Genuss in diese Kerbe. Vielleicht auch um von der viel größeren sich ungebremst anbahmenden Katastrophe, einem Präsidenten namens Donald Trump, abzulenken. Oder von rassistischen Übergriffen, Amokläufen, Umweltkatastrophen. Ich denke mir immer: Wer im Glashaus sitzt…
Zum Thema Kriegsgebiet: Natürlich gibt es in dieser Stadt Gegenden, in denen faktisch Krieg tobt. Krieg zwischen Drogengangs und Marktanteilen, Krieg zwischen Drogengangs und Polizei und wer halt sonst noch mehr oder weniger freiwillig dazwischen gerät. Vorige Woche begleiteten 40 Reporter des Magazins Veja die Polizei ein ganzes Wochenende lange – 48 Stunden. Ergebnis: 27 Tote, 19 Schießereien, 7 Festnahmen. Doch: das Geschehen spielt sich weitgehend in den Randgebieten der Stadt ab,wohin man sich normalerweise nicht verirrt. Das macht die Sache natürlich kein Bißchen besser, aber relativiert das Gefährdungspotenzial.
Bei Studioaufnahmen in den späten 50er Jahren soll ein Pianist namens Antonio Carlos (Tom) Jobim den junge Gitarristen João Gilberto bei Studioaufnahmen mit seinen Pedantereien zur Weißglut getrieben haben, bis diesem schließlich der Kragen platzte und er ihn anblaffte: “Du bist Brasilianer Tom, du bist von Natur aus faul.” Doch Jobim ließ nicht locker und kurze Zeit später läutete eben jener Song, weswegen sich die beiden Musiker zofften, “chega da saudade”, die Geburtsstunde des Bossa Nova ein. So beschreibt es Ruy Castro in seinem lesenswerten Buch “Bossa Nova: The sound of Ipanema”.
Gilberto ist ebenso unsterblich wie Jobim, der sogar Namenspate eines Olympia-Maskottchens sein durfte. Genauso übrigens wie Vinícius de Morães, mit dem er das Mädchen von Ipanema besang. Die lebt heute übrigens immer noch, ist inzwischen 71 Jahre alt und heißt Heloísa Pinheiro. Vielleicht sollte ich mich mal mit ihr treffen, wenn ihr die vielen Interviews nicht langsam zum Halse raushängen. Und besser als Kollege Fischermann würde ich es wahrscheinlich auch nicht hinkriegen.
Was ich damit sagen will: Brasilianer bekommen, sofern Leidenschaft bei der Sache ist, sehrwohl allerhand auf den Haken, wie man ja auch oft genug beim Fußball sehen konnte. Darum sollte man sich auch um die Olympischen Spiele keine allzu großen Sorgen machen, obwohl die Leidenschaft der Brasilianer für dieses Großereignis noch immer sehr in Grenzen hält. Das wird schon anständig über die Bühne gehen, davon bin ich überzeugt.
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Läuft, die neue Tram. Aber bisher nur mit Eskorte. Für die Eingewöhnung.

Inzwischen schmückt sich langsam auch die Stadt, die Bauwunden werden geschlossen oder zugeschmiert, die neue Tram in der Innenstadt dreht ihre Runden (bislang noch von der Polizei eskortiert, weil sich niemand an Stop-Signale oder rote Ampeln halten mag) und es kommt langsam sowas wie Olympiastimmung auf. Es ist halt im Grunde wie mit Weihnachten: Vorher ist riesen Stress und man hat den Kopf völlig woanders, dann kommt das Fest und hinterher der Kater.

Dennoch werden wir die erste Woche verpassen. Das ist einerseits dem Wunsch nach Erholung geschuldet, andererseits auch meiner Auftragslage. Das Thema Olympia ist weitgehend durch, Sportberichte mache ich ja nicht, da verlassen sich die meisten auf eigene Leute oder Agenturmaterial. Drum gehen wir eben dahin, wo niemand ist: Curaçao. Und siehe da: Plötzlich fluppts.
In diesem Sinne wünschen wir Euch allen sportliche Wochen.
Bess demnähx