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Sport entdecken: Foul? Das war Körper!

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Rudelbildung vor dem Tor.

Ein halbes Jahr knapp sind wir nun in Rio. Das erste Halbjahr für Ella und Edgar ist auch vorüber, heute gibt es die ersten Zeugnisse.

Als wir vor ein paar Tagen auf dem Weg von der Schule nach Hause waren, setzte Edgar zum Bodycheck an und rammt mir wie aus heiterem Himmel seine Schulter in den Bauch. Ich war überrascht, war doch keinerlei Konflikt oder Konfrontation vorausgegangen.

Ichschaue ihn überrascht an. „War nichts“, sagte er. „War Körper!“

„Körper?“, staune ich darüber, wie sich der Dreikäsehoch in bester Eishockeymanier in mich hineingeworfen hatte.

„Ja, Körper“, sagt er und grinst frech.

Fußball ist seit einiger Zeit die große Leidenschaft Edgars. In der Schule kickt er in einer Fußball-AG, in den Pausen mit seinen Klassenkameraden auf dem Schulhof. Da geht es ruppig zu, wenn man seinen Erzählungen glauben darf. Manchmal beklagt er sich über Zweitklässlern, die überhart in die Zweikämpfe einsteigen, die kleineren herumschleudern und hinterherbehaupten, es sei nur „Körper“ gewesen, also ein an sich regelkonformer Körpereinsatz.

Fußball als Schule des Lebens

Schule des Lebens – die etwas größeren versuchen die etwas kleineren zu beeindrucken, in dem sie ihren kaum vorhandenen Entwicklungsvorsprung in die Waagschale werfen. „Lasst Euch das nicht gefallen“, ermuntere ich Edgar, wenn er mir von dieser grenzwertigen Regelauslegung berichtet. „Zeigt ihnen, dass ihr besser seid.“ Und da er immer mit mindestens vier oder fünf Freunden kickt, muss ich mir auch keine Sorgen machen, dass sich die Kleineren von den Größeren dauerhaft die Butter vom Brot nehmen lassen. Die werden sich schon behaupten.

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Ella, schnell wie der Wind.

Denn sowohl bei Edgar als auch bei Ella ist in dem vergangenen halben Jahr ein ziemlicher Selbstbewusstseinsschub zu beobachten.

Vor ein paar Tagen waren Hugo und Anne aus Florianopolis zum Zwischenstopp in Rio. Auf der Suche nach einer Caixa, Bank, begleitete uns Edgar. Er lief breitbeinig immer ein paar Schritte vor uns. „Eure Kinder machen den Eindruck, als seien sie schon ewig hier“, stellte Hugo fest. Und tatsächlich: Edgar bewegte sich ganz selbstverständlich, zeigte keinerlei Anzeichen davon, dass ihn das chaotische Großstadttreiben um ihn herum in irgendeiner Weise beeindruckte.

Sport für sich entdeckt

Inzwischen scheinen die beiden einen Sport für sich entdeckt zu haben. Edgar, klar, den Fußball. Drum haben wir ihn um die Ecke beim Club Espanyol Barcelona angemeldet. Klingt jetzt toll nach großer Fußballbühne, nicht wahr? Auch andere Clubs – FC Barcelona, AC Mailand, sind in Rio vertreten, vermutlich um früh ein Auge auf potenzielle Talente zu haben. In Wirklichkeit Ist dies aber nur ein kleiner Verein, der Futsal, Futebal de salon, also Hallenfußball, anbietet mit ein wenig Training. Und ganz wichtig: Das komplette Trikotset gab er gleich nach dem ersten Training.

Die Halle mit den windschiefen Holztoren, man kann von unserem Balkon aus fast hineinschauen, erinnert mit dem gewölbten Wellblechdach an den Flugzeughangar eines Militärflugplatzes. Diese teilt sich der Club mit einem Rollkunstlauf-Verein. Auf Brasilianisch: patinacao artistica. An dieser etwas sehr 80er-Jahre anmutende Sportart scheint Ella Gefallen gefunden zu haben. Bliebe dies dauerhaft der Fall, könnte sie sogar in Rödelheim weitermachen. Dort gibt es nämlich ebenfalls einen Verein.

Vielleicht war es auch die Aussicht auf eines der Schmucken Kostümchen, das zu jedem Training getragen wird, nebst Gamaschen. Erinnert ein wenig an Eiskunstlauf. Zu Klängen von Glenn Miller oder Opernarien drehen dort die Mädchen ihre Runden und üben sich in der Kunst des Discoroller-Laufens – so hießen die Teile nämlich bei uns.

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Tribünenplätze.

Während einige ausdrucksstarke Figuren drehen, muss Ella ziemlich klein anfangen: Beim Fahren in die Hocke, aufrichten. Füße während der Fahrt im Telemarkstil auseinander. Wieder zusammen. Gewicht auf ein Bein verlagern, dafür beim anderen Fuß einen Wheelie auf der Hinterachse. Man muss halt klein anfangen. Doch Ella, mit Abstand die Jüngste, scheint es wirklich wissen zu wollen – es gibt kein Gemaule und Gejammer.

Vier Stunden auf der Tribüne

Diese neue Entwicklung bedeutet für mich: Ich verbringe ab sofort vier Stunden die Woche in dieser wunderbaren Sporthalle. Montags bis donnerstags, immer 16-17 bzw. 17-18 Uhr. Dort sitze ich dann zwischen den Omas und Babas auf einem Plastikstuhl und schaue meinem Nachwuchs beim Sporteln zu. Vielleicht hat sich so auch die Mutter von Katharina Witt gewühlt, als sie in den 70er-Jahren ihre Tochter in Erfurt zum Eiskunstlauftraining brachte. Das Ambiente dürfte jedenfalls ziemlichdas selbe gewesen sein.

Andererseits ist es auch ein gewisser Luxus, vier Mal die Woche für die Kinder als Flaschenhalter da sein zu dürfen – wer hat die Zeit schon?