TV-Show: Billiges Brasilien-Bashing Wochen vor den Spielen

Die Latte der schlechten Nachrichten über Brasilien reißt nicht ab. Zu den Dauerbrennern Zika, Krise, verdreckte Bucht und Politzirkus gesellen sich fast täglich neue Hiobsbotschaften. Seien es Superbakterien, die man am Strand von Copacabana und Ipanema gefunden haben will, Leichenteile am Strand, unbezahlte Polizisten, unfertige Metroverbindungen oder oder oder.

Deshalb wollte ich mich neulich hinsetzen und einen Text schreiben: 10 Gründe, weshalb man nach Rio kommen sollte. Ich überlegte lange, fragte in einer Facebook-Gruppe (Expats living in Rio) nach. Okay, zehn ist vielleicht etwas ambitioniert, aber fünf sollten doch gehen, dachte ich. Bis ein Video einer amerikanischen Late-Night-Show die Runde machte. Darin will der Amerikaner Stephan Colbert den Menschen in knapp sechs Minuten erklären, weshalb sie zu Hause bleiben sollten: Gewalt, Umwelt (Guanabara-Bucht), Politik, das ganze Programm. Mit platzte angesichts der vorgetragenen Überheblichkeit dieses Brasilien-Bashings der Kragen.

Ausgerechnet ein US-Amerikaner möchte also den Brasilianern tatsächlich etwas erzählen zum Thema öffentliche Gewalt? Darf der das, oder sitzt der vielleicht doch eher im Glashaus? Schauen wir doch einmal.

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An den Stränden soll man Superbakterien gefunden haben.

Laut der amerikanischen Centres for Disease Control and Prevention (CDC) wurden in den Vereinigten Staaten im Jahr 2011 16.121 Menschen getötet. Das entspricht 5,1 Morden auf 100.000 Einwohner. Der überwiegende Teil starb durch Feuerwaffen: 11.208.

Laut FBI kam es 2014 in den USA zu  1.165.383 Gewaltverbrechen (Morde, Vergewaltigungen, Überfälle etc.). Knapp eine halbe Million Menschen wurden in Verbindung mit Gewaltverbrechen  festgenommen.

In der Tat ist die Mordrate in Brasilien hoch, deutlich höher als die der USA – in die weltweite  Top Ten schafft es Brasilien aber nicht. Das United Nations Office of Drugs and Crime (UNODC) notierte 2012 in Brasilien 50.108 Morde, also 25,2 Fälle pro 100.000 Einwohner. Aber um das einmal einzuordnen. Insgesamt verzeichnete die Organisation 437.000 gewaltsame Tode weltwelt.

Amerika und Afrika Schwerpunkt der Morde

Weitaus höher sind die Fallzahlen noch in Honduras (90,4), Venezuela (53,7), auf den Britischen Jungferninseln (52,6), in Belize (44,4), El Salvador (41,2), Guatemala (39,9), Jamaika (39,3), Lesotho (38), Swasiland (33,8), St. Kitts and Navis (33,6).

Der Schwerpunkt liegt dabei eindeutig in den Regionen Amerika (Nord und Süd) sowie Afrika. In den Ländern mit der höchsten Rate an gewaltsamen Toden leben 750 Millionen in den Ländern, in denen die Hälfte aller Morde passieren. Andersherum: Die Hälfte aller Morde geschehen in Regionen, in denen nur rund 11 Prozent der Weltbevölkerung leben.

Für einen Großteil der Morde in Südamerika sind laut UNODC Drogenkartelle verantwortlich. Auf ihr Konto gehen rund 30 Prozent. Das ist auch ein Grund dafür, dass die absoluten Zahlen in Rio derart hoch sind.

Schaut man sich nun die Verteilung innerhalb Brasiliens an, liegt Rio längst nicht am oberen Ende. In Rio beträgt die Rate 18,6 Prozent, sie liegt also unter dem Landesdurchschnitt. Und übrigens auch unter dem Durchschnitt von Teilen von Los Angeles (Compton).

Und auch Detroit und St. Louis können mit höheren Zahlen aufwarten, wie Kenneth Rapoza für das Magazin Forbes zusammengetragen hat.

In Deutschland mehr Waffen in Privatbesitz

Das bedeutet freilich nicht, dass Rio de Janeiro nicht ohne Vorsicht zu genießen ist. Für europäische Verhältnisse ist die Zahl der gewaltsamen Todesfälle nach wie vor sehr hoch. Aber ein Grund, um Panik zu schüren, sollte diese statistische Größe nicht sein.

Erstaunlich ist auch wenn man sich anschaut, wie Waffen in den jeweiligen Gesellschaften verteilt sind. Laut der Internetseite www.gunpolicy.org, mit Zahlen der Universität von Sydney, befinden sich in den USA 310 Millionen Handfeuerwaffen in Privatbesitz. Das sind 88,8 pro 100 Einwohner. Im Vergleich dazu ist Brasilien beinahe eine entmilitarisierte Zone, salopp gesagt. Hier gibt es 17,6 Mio. Waffen im Privatbesitz, 8 pro 100. Überraschung: Selbst in Deutschland sind demnach mehr Waffen im privaten Besitz, rund 25 Millionen oder 30 pro 100. Es handelt sich laut gunpolicy.org um offiziell registrierte Waffen. Man braucht jetzt nicht davon auszugehen, dass Kriminelle ihre Waffen sauber registrieren lassen, aber die Tendenz ist dennoch recht deutlich.

Interessant waren die Reaktionen von Brasilianern auf den Beitrag. Eine Mutter aus der Schule teilte den Link über Facebook, daneben das Emotikon, das Tränen lacht. Ähnlich die Reaktion meiner Portugiesisch-Lehrerin, die mit den Beitrag mit den Worten „Um absurdo! Vergonha!“ (Absurd, eine Schande!) am späten Abend zumailte.