Obdachlose: Wie Bryans Klamotten noch Gutes tun

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Toast und Margarine.

Das Obdachlosenfrühstück auf dem kleinen Platz neben dem Metroausgang ist für mich zum festen Programmpunkt der Woche geworden. Und irgendwie glaube ich zu beobachten, wie mancher Passant plötzlich hinschaut, was dort passiert. Wenn Obdachlose und Helfer in der Mitte des Platzes zusammenkommen, und ein lautes PAZ! SAÙDE! FELIZIDADE! In den Morgenhimmel senden.

Hin und wieder kommen welche zaghaft an den Zaun geschlichen und fragen, ob sie etwas Geld spenden können. Neulich kam eine ältere Dame. Nachdem sie sich kurz mit PC unterhalten hatte – PC ist Pablo Cesar, der das Frühstück von fünf Jahren initiierte – griff sie in die Tasche, holte einen Schal heraus und gab ihm diesen.

In der Facebook-Gruppe „Gringoes buy and sell“ schaue ich hin und wieder hinein, ob es etwas Brauchbares gibt. Oft setzten Ausländer, die wieder zurück in ihre Heimat gehen, dort ihre Möbel hinein, in der Hoffnung, noch ein paar Reais dafür zu bekommen.

Dort sah ich die Angebote von Bryan. Er vertickte gleich seinen ganzen Hausrat. Unter anderem eine leichte Outdoor-Hängematte. Ja, sowas kann man hier tatsächlich gebrauchen. 50 Reais waren angesagt. Es hatte sich noch niemand dafür interessiert. Da er offensichtlich in Botafogo wohnte, stieg ich ins Gebot ein. „Kannst sie morgen zwischen 11 und 18 Uhr abholen kommen“, schrieb er mir kurz darauf.

Gegen 16 Uhr am Samstagnachmittag klingelte ich in der Rua Voluntarios da Patria, tatsächlich nur 200 Meter von unserem Wohnhaus entfernt. Ein Bilderbuch-Hipster öffnete mit die Türe: Rauschebart, tätowiert überall und diese großen runden Ohrtunnel hatte er auch. Dazu ein freundliches Wesen. Der Hängemattendeal war schnell über die Bühne.

„Ziehst Du um?“

„Ja, zurück in die Staaten. Vier Jahre sind genug.“

„Und was machst Du mit dem ganzen Kram hier?“

„Verkaufen. Gleich kommt noch ein Typ mit einem Möbelwagen. Er will eine ganze Menge der Möbel. Er macht ein Hostel auf.“

„Wann brichst Du auf?“ fragte ich.

„Morgen in einer Woche.“

Ich überlegte kurz, ob ich ihn nach Klamotten fragen soll. Sicher nicht schlecht für die Obdachlosen. Wobei, ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, ob solche Spenden überhaupt willkommen wären.

„Nur für den Fall, dass Du nicht weißt, wohin mit alten Klamotten. Bevor Du sie wegschmeißt – ich helfe da bei einem Obdachlosenprojekt gleich hier in der Nähe…“

„Am Dienstag will eigentlich einer die ganzen Klamotten abholen kommen, aber falls das nichts gibt, melde ich mich bei Dir, okay?“

 

Ich verabschiedete mich.

Dienstag die Nachricht über den Facebook-Messenger.

 

„Hi Andreas, noch Interesse an den Klamotten?“

„Klar!“

„Gut, ich habe eine große Tasche mit Hemden, T-Shirts, Hosen sogar Schuhen. Müsstest aber ein bis zwei Koffer mitbringen zum Transportieren, die Tasche bräuchte ich noch.“

„Kein Problem, wann soll ich kommen?“

„Morgen Nachmittag?“

 

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Die Klamotten erst einmal zwischengelagert.

Um 17 Uhr am Mittwoch stand ich bei  Bryan auf der Matte. Ich hatte eine Rolle Müllbeutel mitgebracht und Ella als Verstärkung. Wir quatschten ein wenig – er war Lehrer an der amerikanischen Schule in Gávea gewesen. Nun war sein Vertrag zu Ende. Ich versprach die Sachen nicht im Second-Hand-Laden zu verticken und wir machten uns kurz drauf  mit 5 Säcken auf den Weg zurück.

Nun lag das Zeug auf dem Balkon. Ich wusste ja immer noch nicht, was PC davon halten würde. Beim nächsten Frühstück fragte ich ihn.

„Bring die Sachen ab besten bei mir vorbei, damit sie niemand hier sieht, sonst ist hier die Hölle los.“ PC wohnt zum Glück ebenfalls ganz in der Nähe. Im Haus haben wir eine Art fahrbaren Wäschekorb. Eigentlich gedacht, um damit Einkäufe aus der Tiefgarage in die Wohnung zu schaffen. Aber warum nicht auch Klamotten in Säcken quer durch den Stadtteil?

Mit dem Einkaufswagen und Müllsäcken durch Botafogo

Die Porteiros hatten nichts dagegen. „Ich brauche nur eine Viertelstunde“, sagte ich kurz Bescheid. So schob ich eine Art Einkaufswagen, vollgeladen mit fünf schwarzen Plastiksäcken und bekleidet mit Badelatschen mitten durch Botafogo. Erstmals spürte ich so richtig, wie uneben und holperig die Gehwege hier eigentlich sind.

Normalerweise stört das ja nicht, höchstens, wenn sich nach einem Regenguss die Pfützen in fußbreiten Spalten sammeln. Ich versuchte mir auszumalen, welche enormen Anstrengungen es bedürfe, sich über diese Gehwege mit einem Rollstuhl oder Rollator bewegen zu müssen. Aber Rollatoren, das fiel mir bei dem Gedanken auf, hatte ich bislang noch keine gesehen. Schwups, schon stand ich bei PC vor der Türe.

Die Klamotten kämen wie gerufen. Denn er überlegt, ob er, weil es immer mehr Obdachlose werden, nicht freitags einen zweiten Frühstückstermin anbieten soll. Den gab es wohl schon einmal, aber wegen zu weniger Helfer musste das wieder abgeblasen werden. Die Klamotten will er gewissermaßen zur offiziellen Wiedereröffnung mitnehmen und verteilen.

Bryan, falls Du das hier liest, Deine Sachen kommen an!

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