Leben in der Megacity (3): Gegen Enge hilft kein Bananentee

Wer in Rio de Janeiro leben will, darf keine Angst vor Menschen haben. Oder zumindest nicht davor, dass sie einem, in fast allen Lebensbereichen, relativ nah kommen. Auf einem Quadratkilometer wohnen hier, statistisch gesehen, 5.440 Menschen. Zum Vergleich: In Berlin sind es 3.940, in Frankfurt 2.890. Die Zahlen klingen nicht sehr dramatisch, in Paris leben schließlich auf dieser Fläche über 21.000 Menschen. Aber man darf nicht vergessen: die überwiegende Wohnbebauung besteht aus kleinen, selbstgebauten Häuslein in den Communidades, oft steil am Hang, selten höher als zwei Geschosse – obwohl in einigen Communidades (Favelas) auch schon mal sechsgeschossig gebaut wird, ohne Statikgutachten und Schnickschnack. Wohnhochhäuser wie in der Südzone bilden eher die Ausnahme.

Baurechtlich tickt man hier auch anders. Es ist normal, dass sechs- , siebengeschossige Häuser exakt mit der Grundstücksgrenze abschließen und keine zwei Meter daneben das nächste Gebäude steht. Tageslicht in Wohnungen wird eh allgemein überschätzt.

Balkone direkt neben der offenen Sporthalle

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Der Sportclub ist das Gebäude in der Mitte. Links daneben sind Wohnungen.

Beim Sportclub, den neuerdings die Kinder besuchen (Edgar kickt bei Espanyol Barcelona und Ella macht Rollkunstlauf) sitzen die wartenden Eltern (also ich) und Babas (Kindermädchen) neben der Spielfläche der Halle im dritten Stock. Geschlossene Fenster gibt es nicht. Gleich daneben steht ein Wohnhaus. Würde ich wollen, ich könnte von den Balkonen verblühte Stiefmütterchenblüten entfernen. Was ich damit sagen will: Je nachdem, wo man wohnt, kann man mit Lärmquellen konfrontiert werden, die man so vielleicht nicht vermutet hätte. Denn der Sportbetrieb geht von morgens 9 bis abends 22, 23 Uhr. Und die Trillerpfeife wird auch sehr gerne benutzt. Ichhabe keine Ahnung, ob es in Brasilien überhaupt ein geltendes Baurecht gibt. Ich habe da manchmal meine Zweifel. und wenn, kann es nicht sehr umfangreich sein.

Brasilianer mögen es gerne gemütlich und sind gerne in Gesellschaft. Ihnen macht es nichts aus, sich an einem Strandabschnitt zu knubbeln, während links und rechts zwei Kilometer feinster weißer Strand ganz alleine zu haben wäre. Einzelne Brasilianer am Strand sind Kristallisationspunkte. „Aufeinander zu leben“, nannte das irgendwer in einem Buch, dass ich irgendwann mal gelesen hab. Die Formulierung ist nicht von mir, aber sie ist sehr passend.

Wo einer ist, sind sehr schnell sehr viele weitere. Deutsch sind da anders. Sie versuchen sich, möglichst gleichmäßig über einen Strandabschnitt zu verteilen und möglichst viel Luft um sich herum zu lassen.

Sitztechnische Rudelbildung im Kino

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Der überwiegende Wohnbebauungstyp in Rio de Janeiro.

Ähnlich im Kino: Wie sieht ein Kinosaal mit 200 Plätzen aus, wenn sich 25 Deutsche einen Film anschauen wollen. Mindestens 4 Plätze Abstand, schön auf Lücke, damit man ordentlich sieht und gespannte Stille. In Brasilien kommt es schnell zur sitztechnischen Rudelbildung, es wird fröhlich gelärmt, erzählt, geraschelt, manchmal telefoniert. Der Film ist eher zweitrangig.

Geselligkeit ist schön, mir gefällt das. Gehe irgendwohin und du bleibst nicht lange alleine. Unter der Woche sieht man die Cariocas aber kaum. Erst am Freitagabend treten sie in Erscheinung, sammeln sich auf den umliegenden Terrassen, oder Parkdecks, oder wo man sonst so sitzen und dezibelreich erzählen kann. Auch das finde ich schön.

Nur manchmal nicht. Etwa wenn die Party im Nachbarhof bis nach Mitternacht dauert und die Einfachverglasung des Schlafzimmerfensters kaum nennenswerten Schallschutz bietet. Zudem wohnen in der Nachbarschaft mindestens 6 bis 8 Hunde, die vor allem nachts gerne mal bellen wollen.

Darum hatte ich vor einigen Wochen nach Schlafunterstützung gegoogelt – man kann ja nicht jeden Abend viel Bier trinken, um in einen komatösen Schlaf zu fallen. Aber halbwegs hausmittelmäßig sollte es auch sein.

Mit Bananentee sanft entschlummern

Das erste Mal hatte ich davon in dem von von mir durchaus geschätzten amerikanischen Kochblog von Martha Stewart etwas gelesen. Ich landete dabei sehr schnell auf halbseriösen Esoterikseiten, die alle eines in den Himmel lobten: Bananentee.

Schäfchen zählen war gestern“, heißt es auf www.gesundheute.com

Oder „Wundergetränkt gegen Schlaflosigkeit: Bananenwasser!“ frohlockt die Seite www.wunderweib.de.

Es gibt sicher 20, 30 weitere ähnlich euphorische Seiten. Fast alle schwören auf Bananentee.

Muss ja was dran sein, dachte ich, probier’s halt mal aus. Bananen gibt es hier ja zu genüge.

So geht‘s: Banane vorne und hinten anschneiden, in Wasser zehn Minuten kochen, danach trinken. Einfach, oder? Beim ersten Mal pellte ich die Banane und schnitt sie in Scheiben (Oberflächenvergrößerung!). Schmeckte in der Tat tatsächlich intensiver nach Banane. Nicht übel. Wenn es auch noch hilft, wunderbar.

Aber schaut man mal ein wenig genauer hin, wird zwar doll beschrieben, wie man den Tee macht. Warum oder weshalb das nun helfen soll, da bleiben alle recht vage. Hoher Kaliumgehalt soll bei der Muskelentspannung helfen. Aber medizinisch lässt sich dazu nichts finden. Unterm Strich dürfte es sich um eine hübsch verpackten, aber harmlosen Humbug handeln.

Der Selbstversuch verlief, ja, ohne Erkenntnisgewinn. Ich schlief genauso gut oder schlecht wie vorher. Drum ließ ich es nach zwei Versuchen bleiben, aß die Banane lieber so und griff zum guten alten Ohropax.