Pünktlichkeit: Was ist schon ein halbes Stündchen?

Bezüglich der Pünktlichkeit, besser der Unpünktlichkeit der Cariocas warnt jeder Reiseführer: Nicht erscheinen bei Verabredungen ist die extremste Form des Zu-spät-kommens. Für jemanden, der aus Deutschland kommt – für viele Menschen der Inbegriff der Pünktlichkeit, irgendwie ja auch zurecht – und mit dem Satz „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten Pünktlichkeit“ aufwuchs, liegen diese Vorstellungen relativ weit auseinander. Anders ausgedrückt: Der Umgang mit Unpünktlichkeit würde mich sicher auf eine der härtesten Proben stellen, dachte ich mir deshalb vor Reiseantritt.

Unpünktlichkeit ist mir tatsächlich richtig unangenehm. Nein. Ich finde sie nur Akzeptabel, wenn es einen verdammt guten Grund dafür gibt. Verkehr zählt nicht. Mehr als sieben Jahre musste ich jeden Morgen mit dem Auto über 100 Kilometer fahren, um zur Arbeit zu kommen. Frankfurt-Montabaur, Frankfurt-Bad Ems. Im Winter bei Eis und Schnee, im Sommer bei Hitze. Nie kam ich zu spät, immer war ich einer der ersten am Platz. Nach dem Aufstehen hörte ich zunächst Radio – Nachrichten, Wetter, Verkehrsfunk.

Zu spät geht gar nicht

Gehe ich zu einem Termin, der einem gewissen Programmablauf folgt, bin ich mindestens eine Viertelstunde vor Beginn am Ort. Denn nur wenige Dinge sind mir unangenehmer, als einen vollbesetzten Saal betreten zu müssen, wenn die Veranstaltung schon begonnen hat – alles voll, Platz suchen, tschuldigung, darf ich mal? Augenblick, ja, sofort! Worum geht’s? Am schlimmsten finde ich es, wenn die Türe am vorderen Ende des Raumes ist. Also im Blickfeld der anderen Anwesenden.  Ich checke lieber gerne die Location vorher und suche mir den Platz lieber aus. Einzige Ausnahme: Ich komme dermaßen zu spät, bin derart angepisst vom Verkehr oder den Umständen, die diese Konstellation herbeigeführt haben (ohne äußere Einwirkungen passiert mir das nie), dass das jetzt auch noch wurscht ist. Ja, mag sein, vielleicht bin ich neurotisch. Vielleicht ist Brasilien ja dann die ideale Schocktherapie.

Erster echter Härtetest: Termin beim Zahnarzt mit den Kindern. 17 Uhr. 16.55 Uhr sind wir dort. Um 17 Uhr beginnt die Behandlung. Wartezeit: null. Nanu?

Schulbeginn morgens ist um 7.15 Uhr. Deshalb so früh, damit die Eltern und Busse eine ein Chance haben pünktlich zu kommen, die ihren Nachwuchs zu nachtschlafener Zeit durch die halbe Stadt gondeln müssen. Die Schule ist das knallhart: Wer zu spät kommt, wird am Tor nicht mehr hereingelassen. Er oder sie kann also gleich wieder auf die Socken nach Hause machen. So will es die Schulordnung, die zu Beginn bzw. zur Einschulung alle Eltern erhalten.

In der Freizeit sieht es etwas anders aus: Ein Sonntagnachmittag im April. Im Parque das Ruinas verabreden wir uns zu einem Freiluftkonzert. Beginn soll um 16 Uhr sein. Gegen 15.30 Uhr beginnt die Band allmählich mit dem Aufbauen, da schleiche ich schon herum und überlege, wo wir uns später hinsetzen könnten. Gegen 16.30 Uhr frage ich nach, wenn es denn ungefähr losgehen wird? „Halbe Stunde“, sagt mit ein Mann. Der Saxofonist, wie sich später irgendwann herausstellen wird. Das Konzert beginnt mit einer guten Stunde Verspätung. Blöd nur: Es beginnt bereits zu dämmern. Nach vier Liedern brechen wir auf.

Beim ersten Kindergeburtstag, zu dem Ella und Edgar eingeladen hatten, stand auf der Einladung 14 Uhr. Wir erschienen, richtig, um kurz vor 14 Uhr. Wir hatten aber auch den Vorteil, dass wir zu Fuß dorthin gehen konnten, also brauchten wir keinen Verkehr einzuplanen. Wir wir inzwischen lernen mussten, ist dieser nahezu unberechenbar, was seinen Zeitverbrauch betrifft. Für ein und dieselbe Strecke braucht man heute 15 Minuten, morgen anderthalb Stunden. Das muss man den Cariocas schun zugute halten. Wir waren natürlich die ersten. Nur die Gastgeber waren schon da. Hat auch was für sich. So kann man wenigstens in Ruhe hallo sagen. Eine halbe Stunde Zeit hätten wir uns durchaus aber lassen können.

Man lernt ja dazu, dachte ich mir, als Eltern vergangenes Wochenende zum gemeinsamen Picknick in den Parque da Catacumbas einluden. Um 9 Uhr schon! Pah, so früh kommt kein Mensch, dachte ich. Drum beschlossen wir, in Ruhe zu Frühstücken und erst um 9 Uhr das Haus zu verlassen. Für meine Verhältnisse ein revolutionärer Ansatz. Gut, aber wir sind ja nun auch schon ein Weilchen hier. Schließlich würden wir zum Park mit dem Taxi runde 20 Minuten brauchen.

“Natürlich sind wir die ersten”, denke ich

Als wir ankommen, alles wie vermutet. Der Park erwacht so langsam aus seinem nächtlichen Schlaf. Die Hütte, in der man die Tickets für den Hochseilgarten kaufen kann, ist noch verrammelt. Aber ein Angestellter schleicht bereits umher. Geöffnet ist also schon. Wir suchen und eine strategisch gut gelegene Bank. Jeder, der in den Park will, muss also an uns vorbei. 9.20 Uhr.

„Wir lernen auch nicht dazu“, sage ich zu Wiebke. „Die Deutschen sind natürlich als erste da.“

„Warum laden die denn dann für 9 Uhr ein, wenn eh alle erst eine Stunde später kommen?“ liest Wiebke meine Gedanken. Das macht doch keinen Sinn.

„Nächstes mal fahren wir noch später los“, sage ich und will gerade zu einem handfesten Rant auf diese brasilianische Unsitte ansetzen, da kommt von der anderen Seite Tito, der Klassenkamerad von Ella undEdgar der Hügel hinunter geflitzt. „Hallo ihr beiden, die anderen sind oben!“, ruft er, macht kehrt und schießt den Hügel wieder hinauf. Tatsächlich! Oben sitzen bereits die ersten, die vorhandenen Picknicksachen sind aufgereiht – und hinter uns kommen bereits die nächsten. Da hätte ich mich ja beinahe ganz umsonst aufgeregt. Und den Reiseführern darf man auch nicht alles glauben.