Ab sofort geht es dienstags zum Obdachlosenfrühstück

Da sitze ich nun an einem Montagabend und schmiere Brote. Viele Brote. Vier Pakete Toastbrot. Nächste Woche bitte fünf. Pakete à vier Scheiben. Alle scheiben mit Margarine bestrichen. Darum eine Serviette. Warum ich das mache?

Ich war auf der Suche nach Hilfsprojekten. Hier in Rio. Um darüber zu schreiben. Allerdings suchte ich nicht die üblichen Projekte- Kirche, ONG („ongi“ portugiesisch für NGO) oder staatlich. Private Initiativen wollte ich finden. Denn ich hatte gehört, dass die Wirtschaftskrise eine gute Seite zu haben scheint. Dass die Brasilianer, speziell die Mittelschicht, so etwas wie Solidarität zeigt mit denen, die nichts haben. Eigentlich scherte man sich nicht groß umeinander. Reich ist reich. Arm ist arm. Dazwischen einen unsichtbare, aber saubere Trennlinie. Ist es Apartheid?, fragte neulich ein amerikanischer Journalist in einem Essay. Nein, es ist keine politische verordnete Trennung. Eher ein Kastensystem. Bislang schien das niemandem mehr aufzufallen. Es ist alltägliche Normalität. Doch das scheint sich zu ändern.

Das erste Mal fiel mir das auf, als wir uns mit Victoria unterhielten. Eine Frau aus Botafogo. Wir lernten sie zufällig bei einem Wochenendtrip kennen. Sie erzählte, dass sie jeden Dienstagabend mit anderen Frauen aus der Nachbarschaft an der Metrostation in Botafogo Suppe an Obdachlose verteilt. Man könne ja nicht einfach so zusehen.

Wachsende Solidarität in der Krise

Im Sozialen Netzwerk Internations postete ich in einer Gruppe, dass ich auf der Suche nach Projekten sei. Eine Stunde später erhielt ich eine Mail von Luanda.

Seit gut einem Jahr hilft sie einem Mann, der jeden Morgen in einem anderen Stadtteil ein Frühstück für Obdachlose veranstaltet. Dienstagsmorgens 8 Uhr in Botafogo. Wenn ich wollte, könnte ich ja mal vorbeikommen. Dort könnten wir uns ja unterhalten. Ich willigte ein. „Du erkennst mich an zwei großen Plastiktüten Taschen mit Brot“, schrieb sie noch.

Einr kleine eingezäunte Ecke. Sieht aus wie ein Spielplatz. Ohne Spielgeräte. Die Wände voller Graffiti. In einer Ecke steht: „So deus sabe a minha hora“ – Gott alleine weiß, wann meine Stunde schlägt. Rund um das Carré ein Kantstein. Eine Art Sitzgelegenheit. Ich komme um kurz vor acht, da sitzen rund um den Platz 20, 30 Personen. Männer meist. Schwarze Füße in Badelatschen, viel zu weiten Pullovern, dreckigen T-Shirts. Sie warten. Manche haben neben sich eine abgerockte Plastiktüte, einige blättern in der kostenlosen Zeitung, die an der Metro ausliegt. Ein Mann mit Bart liest einem anderen daraus vor. In der Ecke lehnt ein Fahrrad mit einem merkwürdigen, vollgepackten Aufbau. Der, dem es gehört, ist klein und drahtig. Er erinnert mich ein wenig an Moe von den Simpsons. Andere hocken einfach nur da, starren vor sich hin und warten.

Einer passt aber so gar nicht ins Bild. Ein junger Mann, frisch rasiert, saubere Kleidung, feste Schuhe. Er kam früher regelmäßig zum Frühstück, wird er mir später erzählen. Inzwischen habe er aber eine Arbeit gefunden und verdiene Geld, habe jetzt eine Wohnung. Kleine Erfolgsgeschichte am Rande. Zum Frühstück komme er hin und wieder immer noch, aus Dankbarkeit und Verbundenheit mit PC.

Ein Unfall veränderte das Leben von PC grundlegend

Neben einer Steinbank stehen Personen mit weißen T-Shirts. Auf dem Shirt steht „Paz, Saúde, Felizidade” – Frieden, Gesundheit, Glück. Ein Mann, graues, kurzes Haar, Brille. Wacher Blick. Das muss „PC“ sein. PC heißt eigentlich Paulo Cesar. Hier nennt ihn nur jeder PC. „Früher konnte ich auch mal gut Englisch sprechen“, erzählt er mir, als ich ihn warne, dass mein Portugiesisch noch löchrig ist. „Nach dem Unfall war das alles fast weg.“ Ein Autounfall, schon einige Jahre her. 30 Tage habe er danach im Krankenhaus gelegen, die linke Körperhälfte war zeitweilig gelähmt. Sieht man heute nicht mehr. Man hört es nur, er nuschelt leicht.

Der Unfall hat sein Leben verändert. Als er wieder auf den Beinen war, begann er mit dem Obdachlosenfrühstück. Jeden Wochentag in einem anderen Stadtteil. Tijuca, Gloria, Flamengo, Botafogo. Manchmal in Botofogo auch freitags. Bedarf ist genug. Rund 50 Männer sind es heute. Und eine Frau. Sie hat ihren Enkel mitgebracht. Er trägt das weiße T-Shirt mit blauem Brustring, das ihn als Schüler einer städtischen Schule kennzeichnet.

Obwohl PC mich nie gesehen hat, begrüßt er mich herzlich mit einer Umarmung. Die Frau in dem weißen T-Shirt ist Luana. Anfang, Mitte 30, spricht fließend Englisch. Könnte sogar Deutsch sprechen. Sie hat mehr als 10 Jahre im Ausland gelebt, unter anderem in Düsseldorf. Nun arbeitet sie bei der Deutschen Bank und kommt seit Anfang 2015 jeden Dienstag zum Frühstück an der Metro. „Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht mich einzubringen“, sagt sie. Als sie, wie jeden Morgen an dem kleinen Platz vorbeikommt, fragt sie nach. Helfer sind immer willkommen. Sieht man ja an mir.

Frühstück nach festem Ritual

Das Frühstück verläuft nach einem festen Ritual. Zu Beginn kommen alle – zumindest die meisten – in die Mitte des Platzes. Es wird ein Kreis gebildet, man fasst sich an den Händen. PC spricht ein paar Wort zum Tag. Es wird gebetet: Vater unser und Ave Maria. Danach der Erkennungsruf: Paz! Saúde! Felizidade! Dreimal. Dabei schnellen die Hände in die Höhe. Manch einer brüllt es richtig heraus.

Erst danach bekommt jeder einen Plastikbecher. Danach zunächst Wasser, nächste Runde ein Saftgetränk. Erst in der dritten Runde gibt es Kaffee mit Milch und Toastbrot mit Butter. Geredet wird nicht viel.

Einige schauen mich fast ein wenig verwundert an, als ich ihnen „Guten Morgen“ wünsche, während ich Wasser eingieße. Hin und wieder ein Lächeln. „É alemão?“ fragt mich einer. „Bist du Deutscher?“ Ich nicke, er hebt den Daumen. Sein Nachbar schaut ihn an „Alemães sao gentes boas“ – „gute Leute, die Deutsche“, sagt er, als wolle er seinen Nachbarn überzeugen.

Na ja, denke ich. Ich komme mir irgendwie doof vor. Was die wohl denken? Wieder so ein Europäer. So ein Gutmensch, wie man ja neuerdings in Deutschland gerne verächtlich sagt. Kommt jetzt ein paarmal und ist dann wieder weg. Vielleicht ist es aber auch nur das, was ich denken würde, an ihrer Stelle.

Für Obdachlose gibt es keinerlei Hilfen

Aber kann man sich überhaupt in die Situation dieser Leute hineinversetzen? Das sind die, die alles verloren haben, oder nie etwas hatten. 10.000 Menschen schätzt PC leben in Rio auf der Straße. Im ersten Moment denke ich: Nur? Bei 7,3 Mio. Einwohnern. Wer aber erst einmal auf der Straße gelandet ist, hat nur noch das, was er am Leibe trägt. Er ist darauf angewiesen, was er erbetteln kann. Es gibt keine staatliche Hilfe. Nichts. Wer seinen Job verliert, bekommt ein halbes Jahr Arbeitslosengeld. Danach ist der Ofen aus. Da kann man fast nachvollziehen, dass es verlockend ist, wohlhabenden Leuten ein paar Reais abzunehmen, oder das Handy.

Sechs offizielle Obdachlosenunterkünfte gibt es in Rio. Gerne hingehen tut niemand. Manchmal, so erzählt PC, sammelt die Polizei wahllos Obdachlose ein, lässt ihre paar Habseligkeiten zurück, karrt sie in die Unterkünfte. Für jeden eingesammelten Obdachlosen gibt es nämlich Kopfgeld. Was in der Unterkunft passiert, juckt niemanden – Gewalt, Misshandlungen, Drogen. Das übliche Programm. Viele fliehen wieder, sobald die Registrierung abgeschlossen ist.

Es gibt keine Lobby für Obdachlose. Darum kommen so viele zum Dienstagsfrühstück. Erst wenn jeder etwas hatte, kann man um einen zweiten Saft bitten, oder Kaffee. Das ist die Regel, an die halten sich alle.

Gehe nun regelmäßig hin

Beim zweiten Kreis machen nicht mehr so viele mit. Manche sind schon wieder weitergezogen. Beim zweiten Kreis liest einer aus einem kleinen Buch. Es ist ein Buch mit Gedanken und Geschichten, über die man nachdenken kann, die Mut machen sollen.

Eigentlich war ich nur gekommen, um in Ruhe mit Luanda über ihre Motivation sprechen zu können. Als alle auseinandergehen ist meine Mission eigentlich erfüllt. Ich könnte nun in mein Condominio gehen und gut wäre es. Doch irgendwie geht das eben nicht. Nach nur diesem einen Mal, dieser einen Stunde, käme ich mir feige vor. Wollte ich mich nicht ohnehin irgendwo nützlich machen? Einbringen? Einen kleinen Beitrag leisten? Warum also nicht hier? Helfende Hände werden überall gebraucht.

Nachmittags schreibe ich Luanda eine Mail. „Meinst Du ich könnte dauerhaft helfen?“

„Helfer sind immer willkommen“, schreibt sie zurück. Dann bis nächsten Dienstag.